Hochschule 26.05.2000, 17:25 Uhr

Der Umtauschkurs muss stimmen

Das Hochschulgesetz von 1998 bezeichnet längst eingeführte Prüfungsverfahren als Leistungspunktsystem. Das führt zu Unmut in der Professorenschaft.

Ulrich Teichler, Leiter des Zentrums für Berufs- und Hochschulforschung der Universität Kassel, meint: „Das Reizthema Leistungspunkte ist von Konfusion statt Information geprägt. Bei vielen Professoren ruft es sogar Ängste hervor.“ Die Verwirrung geht maßgeblich auf das Hochschulrahmengesetz von 1998 zurück, und zwar in erster Linie auf eine neuartige Terminologie für längst eingeführte Prüfungsverfahren. Das Gesetz spricht von einem „Leistungspunktsystem“ (nach dem angelsächsischen Vorbild der credit points), das die herkömmlichen Zwischen- und Abschlussprüfungen „zunehmend entlasten oder ersetzen soll“. Studienleistungen („Scheine“) während der einzelnen Semester sollen automatisch Prüfungsleistungen sein und auf die Abschlussnote, also etwa das Diplom, angerechnet werden. Für Insa Raue beispielsweise, Mitarbeiterin im Hochschuldidaktischen Zentrum der TH Aachen und Maschinenbau-Ingenieurin, ist das, bis auf die Benennung, nichts Neues: In ihrem Fach ergibt sich das Diplomprädikat aus zehn Leistungsnachweisen in Semesterkursen, zwei Hausarbeiten und der Diplomarbeit. Bestimmte Kurse sind obligatorisch, andere wählbar, manche bauen aufeinander auf (wie Mathe I-III). Die Einzelleistungen werden am Ende nach Bedeutung und Arbeitsansprüchen der jeweiligen Lehrveranstaltung mit unterschiedlichen Faktoren gewichtet. Etliche Studenten kommen nicht bis zum Ende, weil man in bestimmten Kursen nur einmal durchfallen darf.

Im Effekt ähnliche Regelungen gelten auch etwa für das Hauptstudium der Bonner Volkswirte, die vor bald zehn Jahren als erste hierzulande das Leitwort „Kreditpunkte“ in Anspruch nahmen. Diese beziehen sich, wie die Faktoren in der Aachener Rechnung, auf das Gewicht der Lehrveranstaltung. Das Maximum sind sieben Punkte für eine dreistündige Vorlesung mit Übung. Mit 100 Punkten ist das Studium beendet, die Diplomarbeit zählt 20. Erfolgreich studieren heißt also: in Kursen mit hoher Punktzahl (statt hohem Faktor) möglichst gute Noten erzielen.

„Das Leistungspunktsystem soll eine Modularisierung der Studiengänge fördern“, heißt es in der Gesetzesbegründung. Der, nur irrigerweise „das“ Modul (lateinisch: Einheit, Grundmaß, grammatisches Geschlecht männlich) ist bislang freilich nur ein leeres Wort, erklärt Hans Uwe Erichsen, der frühere Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Folgt man der Gesetzesbegründung, handelt es sich nämlich um die bekannten „Vorlesungen, Übungen, etc.“, zumal in den technischen Disziplinen: „Insbesondere in den Ingenieurwissenschaften wird auf vorhandene Studieneinheiten und Lehrinhalte bei bestehenden Diplomstudiengängen zurückgegriffen werden können.“

Einen anderen Weg beschreiten allerdings die Universitäten Clausthal, Hannover, Ilmenau, Jena und Weimar und die Fachhochschulen Aachen, Hamburg, Ingolstadt in einem gemeinsamen Projekt zur Entwicklung einheitlicher Studienangebote in den Ingenieurwissenschaften. Die beteiligten Hochschulen schneiden die Lehr- und Lerneinheiten auf eine gleichmäßige Arbeitslast für die Studenten zu, auf eine workload (Arbeitsbelastung) von 108 Stunden im Semester. Dementsprechend ist jedes Modul neun Punkte wert, bis zum Dipl.-Ing. (FH) sind es 240. Der Vollzeitstudent muss pro Semester drei Module absolvieren, Teilzeitstudenten können zwischen einem oder zwei wählen.

Die Gleichwertigkeit der Lehrangebote ist jedoch nicht zwingend erforderlich, wie sich am Bonner Kreditpunkt-System gezeigt hat, auch nicht für die Austauschbarkeit der Leistungen unter mehreren Hochschulen. Der Ilmenauer Werkstofftechniker Heinrich Kern sagt zwar: „Die Einführung eines Credit-Systems in einem Ausbildungsverbund verlangt Klarheit über die Wertigkeit der einzelnen Lehrangebote im Anerkennungssystem.“ Die Leistungs- oder Kreditpunkte sollen also Wechselgeld sein. „Aber der Umtauschkurs muss deswegen nicht 1:1 lauten“, ergänzt Hochschulforscher Teichler. Je nachdem könnte ein Uni-Kurs mehr oder auch weniger zählen als ein FH-Kurs. Das hängt allein von den Regelungen unter den Beteiligten ab.

Die Fachbereiche sind grundsätzlich frei in ihrer Entscheidung. Es kommt auf das jeweilige Fach an, ob der kontinuierliche Erwerb von Leistungsnachweisen aussagekräftiger ist als eine große Abschlussprüfung. In vielen Disziplinen heiß umstritten ist insbesondere die Frage mündlicher Examina.

Bei den Maschinenbauern der TH Aachen kommen sie nur ausnahmsweise vor, bei den Bonner Volkswirten, die die Sprache der Mathematik lieben, überhaupt nicht. Andererseits hält der Marketingprofessor Sighard Roloff von der Fachhochschule Offenburg das Mündliche in all jenen Fächern für unverzichtbar, die um den Menschen kreisen und zu Beratungsberufen etwa im Vertrieb führen.

Befürworter der Leistungspunkte versprechen sich davon vor allem mehr ausländische Studenten. Diese kommen oft nur, wenn sie, wie in der Heimat, Punkte für die Abschlussnote holen können. Das Sokrates-Programm für den Studentenaustausch in der Europäischen Union verlangt von den Hochschulen, sich am „European Credit Transfer System“ (ECTS) zu beteiligen. Die deutschen Hochschulen bleiben gleichwohl frei, die Punkte ihrer eigenen „Rückkehrer“ lediglich als Studienleistungen zu betrachten, also als Voraussetzung für die Meldung zum Examen und noch nicht als (Teil) der Prüfungsleistung. Vieles ist möglich.

Ulrich Teichler befasst sich mit dem „Reizthema Leistungspunkte“.

Ein Beitrag von:

  • Hermann Horstkotte

    Hermann Horstkotte ist freier Journalist und  lehrte als Privatdozent an der RWTH Aachen. In Bonn arbeitet er als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist.

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