Hochschule

„Der soziale Studienrahmen gerät in Schieflage“  

VDI nachrichten, Berlin, 24. 11. 06, ws – Es sind nicht allein die bildungsfernen Schichten, die sich vom Studium abkehren, auch die Mittelschicht wird sich akademischer Ausbildung verweigern, befürchtet Achim Meyer auf der Heyde. Allein in die Hochschulen zu investieren, reiche daher nicht. Der soziale Rahmen muss mitwachsen, so der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes gegenüber den VDI nachrichten.

Meyer auf der Heyde: Durch Einführung der neuen Studiengänge ergeben sich neue Strukturen, bei deren Planung vorhergehende Studentengenerationen wenig Hilfestellung leisten können. Zudem führt die schleichende Privatisierung der Bildungsinvestitionen zu einer stärkeren Beteiligung der Studierenden. Das sind Faktoren, die die Entscheidung für oder gegen ein Studium wesentlich beeinflussen. Das könnte für das Bildungssystem gravierendere Folgen haben, als man zurzeit ahnt, wie eine stärkere Hinwendung der Hochschulberechtigten zur Ausbildung im dualen System. Schulabsolventen mit mittlerem oder einfachem Bildungsabschluss haben folglich weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

VDI nachrichten: Welche Probleme ergeben sich für die Studentenwerke?

Meyer auf der Heyde: Da die Wissenschaftsminister wie ihre Kabinettskollegen Einsparraten bei den Haushaltskonsolidierungen erbringen müssen, geht das häufig zu Lasten der sozialen Rahmenbedingungen für Studierende. Gerade hat NRW die Zuschüsse an die Studentenwerke um 20 % gekürzt. Ähnliches ist vor einem Jahr in Hamburg geschehen. Das ist eine falsche Prioritätensetzung. Gerade vor dem Hintergrund der steigenden Studierenden- und Schulabsolventenzahlen muss in beides investiert werden, in Hochschulen und soziale Rahmenbedingungen.

VDI nachrichten: Wer München wählt, lebt in einer teuren Stadt, lernt an einer Elite-Uni. Zeichnet sich eine neue Studenten-Elite ab, vielleicht sogar eine neue Geld-Elite?

Meyer auf der Heyde: Die Schieflage hat unsere Sozialerhebung im Jahre 2003 verdeutlicht, die einen starken Rückgang in der Mittelschicht verzeichnet. Die Gruppe, deren Elterneinkommen über den Baföggrenzen liegt, das aber zu gering ist, um den Kindern das Studium finanzieren zu können, meidet zusehends den akademischen Ausbildungsweg. Generell studieren von 100 Kindern, deren Väter der Herkunftsgruppe „niedrig“ angehören, nur elf. Bei den Kindern der Herkunftsstufe „hoch“ studieren von 100 Kindern 81. Wo man Bildungsreserven ausschöpfen könnte, liegt auf der Hand. Wenn sich die Rahmenbedingungen aber verschlechtern, wird sich die Entscheidung der unteren Gruppen gegen ein Studium verfestigen.

VDI nachrichten: Die Bedingungen werden durch Gebühren nicht besser?

Meyer auf der Heyde: Durch Gebühren wird ein Studium nicht preiswerter, vor allem wenn die Sozialverträglichkeit nicht gesichert ist. Weniger wohlhabende Studierende sind meist auf Nebentätigkeiten angewiesen. Durch die neuen Studiengänge wird weniger Zeit für Erwerbstätigkeit bleiben, die Studierenden müssen mehr Präsenz an der Hochschule zeigen. Das könnte die soziale Selektion verschärfen.

VDI nachrichten: Wie biegen die Hochschulen diese Schieflage gerade?

Meyer auf der Heyde: Zunächst ist die Sicherung der Sozialverträglichkeit Sache der Länder. Dann können auch die Hochschulen, vor allem die Spitzen-Unis, in Kooperation mit den Ländern Stipendiensysteme entwickeln.

VDI nachrichten: Alles auch eine Frage des Geldes.

Meyer auf der Heyde: Wer in Sonntagsreden betont, dass Bildung der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit ist, den fordern wir auf, die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen. Es ist genug Geld da, wenn man sieht, welche Leistungen die Bundes- und Länderhaushalte für andere Dinge aufbringen. Die OECD bescheinigt uns regelmäßig die Unterfinanzierung der Hochschulen. Wer Bildungsreserven ausschöpfen will, muss bei den Studiengebühren die Bedürftigen mit Stipendien ausrüsten und nicht mit Darlehen.

VDI nachrichten: Im Studiengebührenland NRW denkt Minister Andreas Pinkwart an eine Geld-zurück-Garantie, wenn Studierenden bestimmte Leistungen vorenthalten werden.

Meyer auf der Heyde: Da glaube ich kein Wort. Studierende haben kaum einklagbare Rechte, auf die Vergabe der Geldmittel Einfluss zu nehmen bzw. das Geld zurückzufordern.

VDI nachrichten: Ein weiterer Brennpunkt sind die ausländischen Studierenden. Sehen Sie deren Präsenz durch Studiengebühren gefährdet?

Meyer auf der Heyde: In unserer Sozialerhebung 2003 gaben 56 % der Studierenden aus Entwicklungsländern an, dass Gebührenfreiheit ausschlaggebend für ein Studium in Deutschland war. Deutschland liegt in der Beliebtheit der Hochschulstandorte inzwischen an dritter Stelle. Das könnte sich nun verschieben.

VDI nachrichten: Was können die Studentenwerke tun, um ausländischen Gästen ein Studium hierzulande schmackhaft zu machen?

Meyer auf der Heyde: Wir bieten in den Studentenwerken vor Ort umfassende Beratung sowie eine Website, die ausländische Studierende von der Anreise bis zum Studienabschluss informiert. Problematisch wird die Integration, wenn unsere Wohnheimplätze überproportional mit ausländischen Studierenden belegt sind. Das heißt Gettoisierung statt Integration.

VDI nachrichten: Die Exzellenzinitiative richtet sich an Universitäten. Bleibt das gute Renommee der Fachhochschulen auf der Strecke?

Meyer auf der Heyde: Die Fachhochschulen sind oft praxisnäher als viele Universitäten und bieten exzellente Übergangschancen. Insofern werden künftig in die Studienfachwahl und Studienortentscheidung auch Beschäftigungsaussichten durch ein Studium miteinfließen. Ich vermute, dass Hochschulen für den Wettbewerb auch mit diesem Faktor auftrumpfen werden. Das könnte sich auf die so genannten leistungsabhängigen Mittelvergaben der Länder auswirken, wenn sie darauf achten, ob Studenten ohne große Brüche in die Beschäftigung übergehen.

VDI nachrichten: Eine Entwicklung, von der der Osten abgekoppelt sein könnte. Schließlich droht dort das Schicksal akademischer Randexistenz.

Meyer auf der Heyde: Studienbedingungen in den neuen Bundesländern sind teils wesentlich besser als im Westen, u. a., weil die Relationen Dozent/Student oft günstiger sind. Die Studienkosten sind meist geringer, die Infrastruktur auf dem neuesten Stand, die Lebensqualität in den Städten keinesfalls schlechter. Und nicht zuletzt leisten die dortigen Studentenwerke hervorragende Arbeit.

In Jena gibt es ein wunderbares Modell gegenseitiger Durchdringung von Universität, Studentenwerk, Stadt und Unternehmen. Ein Teil des Zeiss-Geländes beherbergt Hochschuleinrichtungen und das Studentenwerk, hinter der Mensa forscht und produziert Zeiss. Diese Rahmenbedingungen erlauben gute Studien- und Forschungsbedingungen sowie große Praxisnähe.

VDI nachrichten: Der Bologna-Prozess bedeutet eine Betonung akademischer Internationalisierung. Gehen die Studentenwerke diesen Weg mit?

Meyer auf der Heyde: Wir sind Mitglied des europäischen Dachverbandes „European Council for Student Affairs“, unterhalten enge Beziehungen zu den USA und nach Asien, was auch mit der großen Zahl der chinesischen Studenten in Deutschland zusammenhängt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst geht bis 2020 von einem Bildungsmarkt von knapp 8 Mio. international mobilen Studenten aus. Will man Anteile an diesem Kuchen haben, sollte man neben guten Hochschulen gute Rahmenbedingungen vorweisen.

VDI nachrichten: Was kann das Studentenwerk zu diesem Ziel beitragen?

Meyer auf der Heyde: Es gibt zahlreiche enge Kooperationen, vor allem auf den Gebieten der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften. Das Problem: Hochschulen etwa in China und den USA haben eine andere Studien- und Lehrkultur als wir. Bei uns haben Hochschulen einen Bildungsauftrag, in den USA und in Asien kommt der Erziehungsauftrag hinzu. Junge Menschen aus diesen Ländern wechseln hier in ein liberales El Dorado, das sie aber häufig überfordert. Für uns heißt das, die Betreuungsangebote auszubauen und anzupassen. Dass hier noch vieles im Argen liegt, dafür könnte die hohe Abbrecherquote ausländischer Studierender ein Indiz sein.

VDI nachrichten: Was könnte die Attraktivität ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge für Ausländer steigern?

Meyer auf der Heyde: Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Studentenwerke mit Wirtschaftsverbänden zusammentun. Denkbar wären vergütete Betriebspraktika über Patenschaften der Unternehmen, während die Studentenwerke Kontingente an Wohnheimplätzen bereithalten und die Beratung übernehmen. W. SCHMITZ

www.studentenwerke.de

Von W. Schmitz

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