Hochschule

Der Aufstieg der Technischen Hochschule

Mit dem Promotionsrecht, vor 100 Jahren verliehen, wurden die Technischen Hochschulen den Universitäten ebenbürtig. Großen Anteil daran hatten die Hochschullehrer im VDI.

Als Ritterschlag für die Technischen Hochschulen wurde die Verleihung des Promotionsrechts gern bezeichnet. Die Erlaubnis, den Doktortitel zu verleihen, war der Höhepunkt in dem langen Kampf der Ingenieure um gesellschaftlicher Anerkennung und um die Gleichwertigkeit der noch jungen technischen Ausbildung mit dem traditionellen Universitätssystem.
Als sich im 19. Jahrhundert, zunächst in Preußen und später in Deutschland, die Industrie entfaltete, waren Unternehmen und Staat in wachsendem Umfang auf Ingenieure angewiesen. Mit der Nachfrage nach Ingenieuren stieg auch deren Selbstbewußtsein, zugleich aber wurde auch deutlich, daß Absolventen von Universitäten, deren Beitrag zum wirtschaftlichen und technischen Fortschritt geringer war, ein deutlich höheres Prestige in der Gesellschaft genossen haben als Ingenieure .
Max Maria von Weber, der bekannte Eisenbahningenieur, prägte dafür eine schöne Formel. Er sprach von den Ingenieuren als den „Emporkömmlingen im Leben der Völker“: Sie würden gebraucht, aber nicht geachtet. Ingenieure sind die Gestalter des industriellen Zeitalters, das sich gerade ausbildete, und sie wollten integriert werden in die „gebildete bürgerliche Gesellschaft“. Ein Mittel dazu war die Bildungs- und vor allem die Hochschulpolitik.
Bis in das letzte Drittel des vergangenen Jahrhunderts wurden Ingenieure an Gewerbeschulen oder an Polytechnischen Schulen ausgebildet, wobei die Grenzen zwischen diesen Einrichtungen fließend waren. Der Schwerpunkt lag auf der praktischen Ausbildung.
Als schließlich 1870 in Aachen die Einrichtung einer Schule für Ingenieure anstand, stellte sich die Frage, ob sie als Polytechnikum oder als Technische Hochschule gegründet werden sollte. Das preußische Handelsministerium, dem die technische Ausbildung unterstand, favorisierte ein Polytechnikum, das Kultusministerium mit der Aufsicht über die Universitäten wollte eine Technische Hochschule. Schließlich fiel die Entscheidung für eine Hochschule, und dabei spielte der VDI eine zentrale Rolle, so der Berliner Technikhistoriker Wolfgang König.
Auf der VDI-Hauptversammlung 1864 hielt der Karlsruher Professor für Maschinenlehre und langjährige VDI-Direktor, Franz Grashof, eine folgenreiche Rede. Die Polytechnischen Schulen, forderte Grashof, sollten zu Universitäten werden, damit die Absolventen den höchsten Ansprüchen der Industrie und des Staatsdienstes entsprechen könnten. Dazu sollte die Vorbildung der Studienanfänger verbessert und die Polytechnischen Schulen in ihrer Struktur den Universitäten angeglichen werden. Das bedeutete: Lehr- und Lernfreiheit, die Übernahme der Rektoratsverfassung als Leitungsmodell, die Einrichtung eines Akademischen Senats, das Vorschlags- und Berufungsrecht, das Promotions- und Habilitationensrecht und die Einrichtung von Assistentenstellen. Außerdem sollte das Studium der Technik durch allgemeinbildende Fächer ergänzt werden.
Eine Kommission des VDI zu „Prinzipien der Organisation polytechnischer Schulen“ überarbeitete die Vorschläge von Grashof. Diese Kommission war annähernd paritätisch mit Vertretern der technischen Schulen und der Industrie besetzt. Viele Industrieingenieure im VDI erklärten sich indessen entweder für nicht zuständig oder für inkompetent, um Fragen der Organisation der Polytechnischen Oberschulen zu entscheiden.
Von dieser Zurückhaltung profitierten die Hochschullehrer in der Kommission. Sie nutzten, wie Wolfgang König, Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin schreibt, den „VDI als Plattform, um ihre Forderungen gegenüber den staatlichen Unterrichtsverwaltungen zu artikulieren.“ Im Verein wurden sie unterstützt, weil die Verwissenschaftlichung der Ausbildung auch das Prestige der Ingenieure steigerte.
Dennoch waren vor allem Industrieingenieure besorgt, daß die Aufwertung der Ingenieurausbildung zugleich eine Abwertung der mittleren technischen Ausbildungsgänge zur Folge haben und die Kluft zwischen Praxis und Theorie wachsen könnte.
Der VDI hatte Erfolg: Um 1880 setzte eine Welle von Umbenennungen von Polytechnischen Schulen in Technische Hochschulen ein. Damit verbunden waren auch eine größere Selbstverwaltung, schärfere Aufnahmebedingungen, der Ausbau der sogenannten allgemeinen Abteilungen mit Mathematik, Naturwissenschaften, Staats- und Geisteswissenschaften. Zugleich wurden die Lehrgebiete erweitert. So gab es, nach Angaben des Technikhistorikers Karl-Heinz Manegold von der TU Hannover, um 1870 rund 70 technisch- naturwissenschaftliche Lehrgebiete, 1870 waren es schon mehr als 100, zehn Jahre später bereits 200, und im Jahr 1900 allein an der TH Berlin mehr als 350.
Formal gleichwertig mit den Universitäten wurden die Technischen Hochschulen aber erst am 11. Oktober 1899. An diesem Tag verlieh Kaiser Wilhelm der II., der in Technik und Wissenschaft die Grundlagen nationaler Macht erblickte, der TH Berlin, der größten im Deutschen Reich, das Promotionsrecht. Damit hatten faktisch alle Technischen Hochschulen das Recht, Doktorprüfungen abzunehmen.
Für die Technischen Hochschulen wie für die Universitäten war das Promotionsrecht zur Lebensfrage geworden. Auf Drängen der Universitäten durften Doktor-Ingenieure ihren Titel allerdings nur in deutscher Schrift führen, außerdem wurde auf die in anderen Fächern übliche lateinische Form (Doctor rerum technicarum) verzichtet, weil sie zu sehr an die universitäre Tradition erinnerte.
Der Widerstand der Universitäten gegen einen gleichberechtigten neuen Hochschultyp hatte aber auch eine positive Wirkung: Die TH legen an Doktorarbeiten hohe Maßstäbe an. So wurden bis 1910 insgesamt nur 1274 Promotionen vorgenommen – so viel, wie medizinische Fakultäten mühelos in einem Jahr zustande brächten, wie der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler bemerkt hat.
Wie sich die TH vor 100 Jahren gegenüber den Universitäten emanzipiert haben, erhalten sie jetzt Konkurrenz von den Fachhochschulen, deren Absolventen vielfach sehr begehrt sind. Fachhochschulen stehen besonders mit neuen, international ausgerichteten Studiengängen im Wettbewerb mit den etablierten Technischen Hochschulen.
HARTMUT STEIGER
Einst hart umkämpft, heute für TH selbstverständlich: die Verleihung des Doktortitels.

Von Hartmut Steiger

Stellenangebote im Bereich Projektmanagement

FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Leitender Projektmanager EPCM (m/w/d) Stuttgart
EVERSMANN - beratende Ingenieure-Firmenlogo
EVERSMANN - beratende Ingenieure Projektleiter Ingenieur / Techniker (m/w/d) Versorgungstechnik (Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär) Münster,Meppen
AWO Kreisverband Frankfurt am Main-Firmenlogo
AWO Kreisverband Frankfurt am Main Architekt / Bauingenieur als Technischer Leiter Immobilienmanagement (m/w/d) Frankfurt am Main
Canzler GmbH-Firmenlogo
Canzler GmbH Niederlassungsleiter (m/w/d) München
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH Projektmanager Kunststofftechnik (Extrusion) (m/w/d) St. Wendel
Kölner Verkehrs-Betriebe AG-Firmenlogo
Kölner Verkehrs-Betriebe AG Vorstandsreferent (w/m/d) Betrieblich-technischer Bereich Köln
HENN-Firmenlogo
HENN Oberbauleiter (m/w/d) Raum Braunschweig
Hallesche Wasser und Stadtwirtschaft GmbH-Firmenlogo
Hallesche Wasser und Stadtwirtschaft GmbH Fachingenieur Abwasser (m/w/d) Halle (Saale)
Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb-Firmenlogo
Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb Leiter Planung und Bau (m/w/d) Mössingen
Mainova AG-Firmenlogo
Mainova AG Projektleiter Senior (m/w/d) Projektabwicklung Elektrotechnik Frankfurt am Main

Alle Projektmanagement Jobs

Top 5 Studium

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.