Baustelle Mathematik- und Technikbildung

Das Ziel ist die technikmündige Gesellschaft

Es geht aufwärts auf der Baustelle der Mathematik- und Technikbildung, meinten Insider auf dem „1. Nationalen MINT-Gipfel“ in Berlin. Beim VDI hält sich der Optimismus in Grenzen. Der „bildungspolitische Flickenteppich“ Deutschland erschwere einheitliche Lösungen, Schulen informierten fehlerhaft über Berufsbilder.

Jürgen Langelt verzog das Gesicht. Trotz aller Fortschritte gäbe es eine Menge Baustellen. Der Bundesvorsitzende des Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts glaubt zu wissen, wer auf den Baustellen den meisten Schaden verursacht: „Die Schüler sind es jedenfalls nicht. Wer Mathematik als Studienfach wählt, hatte im Schulfach mindestens die Note 2.“ Wenn dann nur 20 % das Mathematik-Studium durchhielten, läge das sicherlich nicht an mangelndem Talent.

Lehrerausbildung bereitet Sorgen

„Uns bereitet die Lehrerausbildung Sorgen“, sagte Langelt daher auf dem „1. Nationalen MINT-Gipfel“ in Berlin. Die Universitäten nähmen ihren Ausbildungsauftrag nicht ernst genug.

So düster wollen es die Lehrer nicht sehen. An den Schulen und im Unterricht habe sich „enorm viel getan“, betonte Heinz-Peter Meidinger, Schulleiter und Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Die Zeiten, in denen sich ein Mathematiklehrer nur mit den Klassenbesten befasst hätte, seien vorüber. Heute sei das Bemühen um die Förderung aller Schüler offensichtlich. Die Arbeit der Lehrer sei generell gut, Ausnahmen bestätigten die Regel: „Chemieversuche per Youtube haben natürlich nicht gerade Vorbildcharakter.“

Technik mit Naturphänomen verbinden

Die Frage des Vorsitzenden des Bundeselternrates, Hans-Peter Vogeler, warum in der Oberstufe so wenige MINT-Leistungskurse mangels Nachfrage zustände kämen, beantwortete Lehrer Meidinger mit taktischen Überlegungen der Schüler. „In dieser Phase beginnt das Kalkulieren: Wo hole ich am leichtesten die nötigen Punkte für eine gute Abiturnote? ,Harte‘ Fächer wie Physik und Informatik fallen dann bei vielen durch den Rost.“

Aus didaktischer Perspektive hält Meidinger den Ansatz, Technik mit Naturphänomenen zu verbinden, wie es in Bayern im Fach „Natur und Technik“ praktiziert werde, für wegweisend.

Das sieht der VDI anders. „Technik und Natur unterscheiden sich, genauso wie deren Fachwissenschaften und Fachdidaktiken sich unterscheiden“, heißt es im VDI-Positionspapier zur technischen Allgemeinbildung. Während sich die Lernenden in den Naturwissenschaften als „Entdecker der Welt“ verstünden und das Experiment das vorrangige Lernvehikel bilde, sei das Leitmotiv bei Techniklernenden das „Erfinden und Gestalten von Welt“, Planungs-, Konstruktions- und Fertigungsaufgaben sowie technische Experimente und Forschungsprojekte seien dort zentrale Unterrichtsinhalte.

VDI: Thema Technik in der Schule kommt zu langsam voran

angsam öffneten sich einige Bundesländer dem Thema Technik in der Schule. Zu langsam, meint der VDI. „Trotz dieser positiven Ansätze ist technische Allgemeinbildung in Deutschland bislang ein bildungspolitischer Flickenteppich. Unzureichende Koordination zwischen den Bundesländern hat zu einer inakzeptablen Heterogenität landesspezifischer Lösungen geführt.“

In vielen Schulen wisse man offensichtlich nicht, welch gravierende Folgen eine unzureichende oder fehlerhafte Vermittlung von Informationen über das Ingenieurstudium haben könnte. Mit Sorge stellt der VDI fest, dass die Lehrerbildung für technische Allgemeinbildung an den Hochschulen in den vergangenen Jahren zurückgefahren und an vielen Orten bereits eingestellt wurde.

Technikmündige Gesellschaft in weiter Ferne

Auf diese Weise gerate das Ziel einer technikmündigen Gesellschaft in weite Ferne. Deutschland aber brauche angesichts zentraler Herausforderungen wie Klimawandel, Umbau des Energiesystems und Alterung der Bevölkerung hoch qualifizierten Nachwuchs, der sich nicht allein auf Technik, sondern auch auf deren gesellschaftliche Wirkungen und Folgen verstünde.

Der VDI fordert „in allen Schulformen und über alle Schulstufen“ eine durchgängige Technikbildung. Einige Bildungsfachleute halten dem entgegen, in bestimmten Lebensphasen, etwa der Pubertät, neige das Interesse an Zahlen Richtung null, in Sozialwissenschaften etwa steige es.

Rudolf vom Hofe, Vorsitzender der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik, hält dem entgegen: „Es wäre keine gute Idee, in bestimmten Phasen nur noch Literatur zu Jugendproblemen zu lesen und technische Fächer dafür in den Hintergrund zu rücken. Für viele Schüler ist es eine Freude, in Zeiten der Pubertät, in der die Welt komplizierter wird, ein Fach zu haben, das klar strukturiert ist und wo man festen Boden unter den Füßen hat.“

Wichtig: Kontinuierliche individuelle Förderung und Unterstützung der Schüler

Es gäbe natürlich auch Schüler, räumt vom Hofe ein, für die es während der Pubertät schwierig ist, systematisch zu lernen. Da Mathematik sukzessiv aufeinander aufbaut, können sich besondere Probleme ergeben. „Ohne negative Zahlen bleibt Algebra für Schüler ein Geheimnis, ohne Algebra fehlt die Grundlage für Funktionen, ohne diese ist keine Analysis denkbar. Phasen der Einbrüche und des Desinteresses sind in Mathematik daher schwerwiegender als in anderen Fächern. Wichtig ist daher eine kontinuierliche individuelle Förderung und Unterstützung der Schüler.“ 

Von W. Schmitz

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