Hochschule 04.06.2010, 19:47 Uhr

Das Ingenieurstudium – „breite und bunte Basis der Integration“

„Ingenieurwissenschaften – attraktiv auch für Menschen mit Migrationshintergrund?“ lautet eine Studie von Susanne Ihsen, Professorin für Berufsforschung an der Technischen Universität München. Mit Studenten aus Zuwanderfamilien könnten sich die technischen Fächer ein brachliegendes Rekrutierungsfeld erschließen.

VDI nachrichten: Das Ingenieurstudium ist ein Sprungbrett für sozialen Aufstieg. Sind nach den Arbeiterkindern früherer Zeiten jetzt die Migrantenfamilien so etwas wie die größte Hoffnung für die technischen Mangelberufe?

Ihsen: Familien mit Migrationshintergrund sind die heutigen sozialen Aufsteiger. Jedes dritte Kind ist solcher Herkunft. Ihr Anteil bei den Studierenden liegt aber erst bei 11 %. Da ist viel Luft nach oben, auch für die Ingenieurwissenschaften. Es ist deshalb eine gute Idee des Dachvereins Fakultätentage der Ingenieurwissenschaften und der Informatik gewesen, sich diesem Thema auch hinsichtlich einer stärkeren Berufsorientierung für Kinder mit Migrationshintergrund zu widmen.

Die Handikaps in der Bildungskarriere von Migrantenkindern sind weithin bekannt, von der frühkindlichen Erziehung bis zum Studienabschluss. Legt das Ingenieurstudium ihnen Steine in den Weg?

Nein, im Gegenteil. Die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge bieten durch ihre hohe internationale Ausrichtung eine breite und bunte Basis der Integration. Die biografische Herkunft oder die Zugehörigkeit zu bestimmten Bildungsschichten der Studierenden ist nicht wichtig. Einzig der Spaß an technischer Entwicklung im Team und mathematische Fähigkeiten sind für den Erfolg im Studium ausschlaggebend.

In den technischen Fächern sind Studentinnen traditionell unterrepräsentiert. Ändert sich das mit Zuwanderinnen der zweiten und dritten Generation?

Ausländische Studentinnen studieren zu einem deutlich höheren Prozentsatz Ingenieurwissenschaften als deutsche Altersgenossinnen. In anderen Kulturen wird der Ingenieurberuf längst nicht so einseitig männlich verstanden wie bei uns. Es ist also anzunehmen, dass wir in der Gruppe der Zuwanderinnen eher auf junge Frauen stoßen, die einen Ingenieurberuf in Erwägung zu ziehen. Aber die äußeren Faktoren spielen auch hier eine Rolle: die Beratung durch Lehrer und die Studienberatung der Bundesagentur für Arbeit.

Studieninteressenten aus ärmeren Verhältnisse empfinden Gebühren und Bafög auf Darlehensbasis als abschreckend. Gilt das auch für Zugewanderte?

In meiner Untersuchung habe ich mit einigen Studierenden, Promovierenden und Berufstätigen mit Migrationshintergrund gesprochen, die alle anregen, dass wir unser Stipendiensystem überdenken sollten. Es könne nicht sein, dass nur die ersten Fünf eines Jahrgangs oder die besten 10 % gefördert werden. Auch soziale Kriterien wie die Herkunft sollten in Deutschland eine größere Rolle spielen, wenn wir den Anteil der Akademiker und insbesondere der Ingenieurinnen und Ingenieure dauerhaft steigern wollen.

Im Ingenieurstudium sind ausländische Studierende im Vergleich zu anderen Fächern überdurchschnittlich vertreten. Was können Hochschulen tun, um den Anteil von deutschen Abiturienten mit Zuwanderungshintergrund zu erhöhen?

Letztlich können wir aus den Maßnahmen und Projekten lernen, die wir schon für eine höhere Beteiligung von Frauen in Ingenieurwissenschaften einsetzen: persönliche Ansprache, etwa durch Schulbesuche, Mentoring von der Schule ins Studium und von dort in den Beruf, Herausstellen von Ingenieurinnen und Ingenieuren mit Migrationshintergrund auch bei Fachkongressen und in der Öffentlichkeitsarbeit. Dann brauchen wir eine solide Datenbasis, um überhaupt Erfolge messen zu können: wir brauchen sowohl vernünftige Statistiken an den Hochschulen als auch im Vergleich zwischen den Hochschularten und Regionen. HERMANN HORSTKOTTE

Ein Beitrag von:

  • Hermann Horstkotte

    Hermann Horstkotte ist freier Journalist und  lehrte als Privatdozent an der RWTH Aachen. In Bonn arbeitet er als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist.

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