Formula Student

„Das Image der Ingenieure in der Gesellschaft aufwerten“  

Christoph Huss, Leiter Entwicklung Ausland, Typzulassung und Verkehrsmanagement der BMW Group, war am letzten Wochenende in so mancher Box auf dem Hockenheimring zu finden. Ihn begeistert die Formula Student. Nach Ansicht des Vorsitzen- den der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik zeigt der Wettbewerb der Öffentlichkeit, dass Ingenieure lösungsorientiert arbeiten. VDI nachrichten, Hockenheim, 14. 8. 09, jul

Huss: Für BMW hat der Wettbewerb eine große Bedeutung. Die Formula Student initialisiert einen Mehrfacheffekt. Zum einen lernen Ingenieure, aber auch Betriebswirte und Marketingexperten schon während des Studiums projektbezogen im Team zusammenzuarbeiten. Sie erleben alle Höhen und Tiefen eines Projektes und messen sich einmal im Jahr. Das ist eine Erfahrung, die man in einem normalen Studium nicht bekommt, die aber für Wirtschaftsunternehmen und die gesamte Gesellschaft eminent wichtig ist.

Der zweite Effekt ist, dass man mit so einem Wettbewerb auch in der Öffentlichkeit dokumentieren kann, dass Ingenieure lösungsorientiert arbeiten und auch willens sind, Lösungen so weit voranzutreiben, dass sichtbare Produkte zum Vorteil der Gesellschaft herauskommen. Das bestätigt auch die künftige Formula Student Electric. Es ist wichtig, sich frühzeitig mit neuen Technologien zu beschäftigen, sie an Universitäten aufzugreifen und voranzutreiben, so dass später auch Unternehmen davon profitieren.

Und die dritte Wirkung der Formula Student ist sicher, die Attraktivität der Studiengängen zu erhöhen, so dass mehr junge Menschen in bestimmte Studiengänge wechseln.

Überzeugt der Wettbewerb Studenten aus andern Fachrichtungen, den Studienschwerpunkt zu wechseln?

Vielleicht, vielleicht aber auch 16-, 17-Jährige, die sich noch gar nicht entschieden haben, wo es hingehen soll. Wenn sie hier beim Wettbewerb vorbeischauen und von dieser Atmosphäre gefangen genommen werden, dann erhalten sie vielleicht den entscheidenden Kick für ein Ingenieurstudium. So ließe sich auch das Image der Ingenieure in der Gesellschaft aufwerten. Wir reden in Deutschland über Nachwuchsprobleme in den lösungsorientierten Technologiebereichen. Hier kann man dokumentieren, dass man sich um Nachwuchs kümmert.

Gibt es denn Ihrer Ansicht nach so viele Vorurteile gegenüber Ingenieuren oder dem Ingenieurberuf?

Meiner Erfahrung nach ja. Wir haben hierzulande eine Diskussion über Technologieakzeptanz, andere sagen dazu Technologiefeindlichkeit, die uns nicht guttut. Bei allen Herausforderungen, die wir als Industriegesellschaft haben, kommen wir ohne technologische Lösungen keinen Schritt weiter. Das trifft Bereiche wie Energieverbrauchsoptimierung, Umwelttechnologien, Wasser und vieles mehr. All das sind brandaktuelle Themen, die nicht ohne Technologien und nicht ohne Ingenieure auskommen.

Ziehen Sie ganz konkret als Automobilhersteller aus der Formula Student Ideen aus den Entwicklungen, die hier Studenten machen?

Wir ziehen sicherlich nicht harte Ideen aus diesem Wettbewerb heraus. Vor allem wollen wir die Ideen nicht klauen. Aber wir ziehen Ingenieure aus dem Wettbewerb, die dazu beitragen, dass neue Ideen in das Unternehmen kommen. Hier bei der Formula Student finden Sie hochspannende Techniken, die nicht sofort 1:1 in eine Serienproduktion übertragbar sind. Aber wenn eine Studentin, ein Student schon einmal so etwas realisiert hat, dann ist sie oder er auch in der Lage, an anderen Projekten zu arbeiten. Die Formula Student ist vergleichbar mit Berufserfahrung.

Hat die aktuelle Krise der Automobilindustrie Auswirkungen auf das Event?

Nein. Jeder redet von der Automobilkrise und natürlich haben wir weltweit schwere Zeiten, aber wir brauchen langfristig gesehen den Ingenieurnachwuchs in unserer Branche. Wir müssen nach vorne schauen und einen Zeitraum von zehn, 15 Jahren vor Augen haben. Dann wird deutlich, dass wir junge, begeisterte Ingenieure brauchen mit neuen Ideen und neuen Technologien.

Das heißt, am Sponsoring hat sich nichts geändert? Sie geben immer noch genauso viel Geld für die Veranstaltung aus?

Nein, da hat sich nichts dran geändert. BMW ist seit 2005, seit dem ersten Vorwettbewerb, dabei und das werden wir auch weiter bleiben. Wir werden dieses Engagement sicher weiterführen.

Planen Sie noch mehr?

Ja, in meiner Position als Fisita-Präsident. Das ist der weltweite Dachverband der Ingenieurgesellschaften im Bereich Automobiltechnik. Hier sind 165 000 Automobilingenieure aus 38 Nationen organisiert. Meine Funktion als Fisita-Präsident möchte ich u. a. dafür nutzen, um die verschiedenen Veranstalter der Formula-Student-Wettbewerbe aus den USA, England, Deutschland, Italien, Frankreich, Österreich, Japan, Korea, Australien usw. an einen Tisch zu holen.

Dann sollten wir diskutieren, wie wir uns in neuen Technologien, in neuen Regeln angleichen. Denn es ist wichtig, dass die Studenten, die ab nächstem Jahr in Deutschland an der Formula Student Electric teilnehmen, mit ihrem Wagen auch in Australien fahren können. R. BÖNSCH

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