Hochschule

Bühne frei für die Helden des Hochschul-Alltags  

VDI nachrichten, Berlin, 5. 12. 08, ws – Sie sind „ausgezeichnete“ Studenten, ohne dass die Preise des Deutschen Studentenwerks etwa mit Studienverläufen im Rekordtempo oder mit exzellenten Noten zu tun hätten. Unter den Studierenden, die in Berlin für ihr soziales Engagement auf die Bühne gebeten wurden, waren auch angehende Ingenieure.

Sie sind unpolitisch, gehen ihren Weg, ohne sich um andere zu kümmern, und halten materiellen Wohlstand für das einzig selig machende Ziel ihrer studentischen Mühen. Ein simples, aber gängiges Vorurteil über die aktuelle Studentengeneration.

Solche Bilder machen Ingrid Rumpf nachdenklich. „Ich glaube nicht, das wir weniger engagiert sind als die Studenten früher, es ist vielleicht anders. Politik ist nicht mehr so stark an Parteiendenken gebunden wie früher“, glaubt die angehende Verfahrenstechnikerin, die sich im „StuRa“, dem Studentenrat der BTU Cottbus, dem „StuPa“, dem dortigen Studentenparlament, dem Fachschaftsrat Umweltingenieurwesen und im Studentenwerk für die Belange ihrer Kommilitonen einsetzt.

„Ich kann einen Ingenieur verstehen, der sich nicht parteipolitisch engagiert und unbedingt bei einem Konzern landen will.“ Dank der gläsernen Internetwelt könne sich niemand mehr „unbeobachtet“ in einer Partei engagieren, die vielleicht nicht den Idealen des möglichen Arbeitgebers entspreche. „Das hält viele Leute von politischem Engagement ab. Ich verstehe auch jeden Studenten, der mir einen Vogel zeigt, dass wir uns im Studierendenrat mit der Hochschulleitung über scheinbaren Kleinkram streiten.“ Aber letztlich setzten sich die Engagierten auch für die Interessen derer ein, die anderen den Vogel zeigen.

Ingrid Rumpfs „Kompetenz, Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit und ihre hochschul- und umweltpolitische Passion“ haben inzwischen weit über die Uni Cottbus hinweg Eindrücke hinterlassen. Das Deutsche Studentenwerk (DSW) zeichnete sie und andere engagierte Kommilitonen vor wenigen Tagen mit dem offiziellen Titel „Studierende für Studierende“ aus.

Zu diesen „Helden des Hochschul-Alltags“ (Zitat DSW-Präsident Rolf Dobischat) gehören auch Susann Klenner und Sophia Kattelmann. Dass ihre Uni, die TU Dresden, sich mit dem Titel „Familienfreundliche Hochschule“ schmücken darf, ist nicht zuletzt auch ihr Verdienst. Die beiden jungen Mütter haben gemeinsam mit anderen die Initiative „Studieren mit Kind“ ins Leben gerufen, die Studierenden, ob Mütter oder Väter, die Mehrfachbelastung durch Beratung und Betreuung erleichtern soll.

Maschinenbau-Studentin Susann Klenner sieht die Initiative als Hilfe zur Selbsthilfe, als Rundum-Vernetzung studierender Eltern, damit diese „die Kraft finden, Studium und Kind zu verbinden“. Sophia Kattelmann, Studentin der Philosophie, Soziologie und evangelischen Theologie, ergänzt: „Wir bieten die Kurse an, damit die Leute nicht von Hinz zu Kunz rennen müssen.“ Und sie betont: „Wir machen das Ganze aus Idealismus.“

Trotz aller Mühsal zahle sich das kraftraubende Hüpfen vom Hörsaal über die Eltern-Initiative bis hin zum eigenen Haushalt aus. Nicht selten käme das Geldverdienen mit dem Studentenjob noch hinzu. Wer das alles in den Griff bekomme, habe sich das Prädikat „Organisationstalent“ redlich verdient, meint Susann Klenner. „Ich kann inzwischen auf Kommando kreativ werden. Das hätte ich vorher nie gedacht“, fügt Sophia Kattelmann hinzu.

Ingenieure in spe sollten hinterfragen, wie attraktiv es für sie sein könnte, nicht auf dem schnellsten Wege dem Lockruf des Marktes zu folgen, sondern sich im Studium politisch oder sozial zu engagieren, rät Ingrid Rumpf. So gebe es auch eine Antwort auf die Frage: Wo bekomme ich nur meine Sozialkompetenzen her?

Politik- und Sozialwissenschaftler könnten einen Ingenieurstudenten, der auf Fakten und Lösungen getrimmt wird, in politischen Diskussionen schon einmal an den Rand des Wahnsinns bringen, meinen die Ingenieurinnen Ingrid Rumpf und Susann Klenner. Abgesehen von der Tatsache, dass Ingenieure mit ihrem strukturierten Denken diese Debatten sicherlich bereicherten, stellten die unterschiedlichen Herangehensweisen mit ihren Konfliktpotenzialen für den Ingenieur einen Lernprozess dar, der sich im Berufsleben auszahle.

Einfacher werde das Studieren mit dem Bachelor nicht, meinen die drei Studentinnen, die allesamt im althergebrachten Diplom- bzw. Magisterstudium stecken. Wirklichkeit und unternehmerisches Wunschdenken klafften dabei weit auseinander. Ingrid Rumpf: „Es wird immer gesagt, die Wirtschaft wolle uns händeringend. Wir sollten als Absolventen aber möglichst nicht älter als 22 Jahre alt sein, einen längeren Auslandsaufenthalt und einige Jahre Berufserfahrung vorweisen. Na, prima – und wie soll das gehen?“

Politische „Zusatzarbeit“ werde so fast unmöglich. „Wer intensiv und engagiert im Studierendenrat mitarbeitet“, weiß Ingrid Rumpf, „muss in der Woche mit mindestens 20 Stunden kalkulieren. Politische Arbeit aber muss man lernen. Erst nach drei oder vier Jahren wusste ich, wie Gremien und Zusammenhänge funktionieren. „

Wer länger als zehn Semester bräuchte, fliege künftig von der Uni, befürchtet Sophia Kattelmann, die hofft, Hochschulen und Politik hätten ein Einsehen mit „Härtefällen“, wie jungen Müttern und Vätern.

Das hofft auch DSW-Präsident Rolf Dobischat: „Wir brauchen dringend eine neue Kultur der Anerkennung für Studierende, die sich an ihrer Hochschule für andere Studierende engagieren – seien es Credit Points, Studiengebühren-Befreiung oder längere Bafög-Förderung.“ Das Engagement der jungen Menschen sei wichtig, da es „zentral für die akademische Kultur Deutschlands“ sei.

WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz

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