Nachwuchsförderung

Bilanz des „Mager-Managements“  

Viele junge Menschen scheuen das Ingenieurstudium.

Schweres: Das Ingenieurstudium in Deutschland ist ein Männer-Studium. Die jungen Männer sind bei ihrer Studienwahl, so sagen die Psychologen, extrinsisch motiviert, also ausgerichtet auf beruflichen Aufstieg, hohes Einkommen, langfristig sicheren Arbeitsplatz. Das Abmagerungsmanagement der letzten Jahrzehnte hat diese Zielerreichung bewusst behindert.

VDI nachrichten: Diplom-Studiengänge werden durch Bachelor und Master ersetzt. Wir wirkt sich dies auf die Ingenieurausbildung aus?

Schweres: Das lässt sich noch nicht einschätzen. Im deutschsprachigen Raum ist das Bedauern aber weiterhin groß, dass so widerstandslos die bewährte Diplomingenieur-Ausbildung mit zwei ausdifferenzierten Ingenieurprofilen aufgegeben wurde. Die Zusatzbelastungen der Ingenieurfakultäten und Fachbereiche aus der neuen Studiengangsentwicklung und der Akkreditierung sind hoch.

VDI nachrichten: Welchen Effekt schreiben Sie den Studiengebühren zu?

Schweres: Einen eindeutig abschreckenden und zusätzlich die Studierenden belastenden Effekt. Sie weichen ja bereits aus, in die ostdeutschen Länder, die keine Studiengebühren erheben, oder nach Österreich.

VDI nachrichten: Die Zahl der Ingenieurprofessoren ist in Deutschland in den letzten zehn Jahren um mehr als 13 % rückläufig, die Studierendenzahl steigt leicht, die Zahl der Ausbildungsplätze nur unwesentlich. Sind das die geeigneten Signale, die Politik und Unternehmen an junge Menschen richten?

Schweres: Die genannten 13 % sind ein Durchschnittswert. In meiner Fakultät Maschinenbau der Universität Hannover lehrt heute weniger als die Hälfte der Professoren, die ich bei meiner Berufung 1974 antraf. Dass dann die Zahl der Studienplätze nicht ansteigt, ist doch einleuchtend.

VDI nachrichten: Was ist zu tun?

Schweres: Bürger und politisch Verantwortliche stellen dem Bildungssystem, speziell dem Hochschulsystem, nicht die notwendigen Mittel bereit. Wir sind völlig unterfinanziert. Anstatt uns im internationalen Wettbewerb der Verbesserung von Lehre, Forschung und Weiterbildung widmen zu können, müssen wir Professoren uns zur Sicherung der eigenen Arbeitsfähigkeit als Drittmittel-Jäger betätigen. Die seit Jahrzehnten prächtige Gewinnsituation deutscher Unternehmer hat diese auch nicht annähernd dazu bewegen können, sich ähnlich großzügig wie ihre USA-Konkurrenten im Hochschulsponsoring zu betätigen. Im Stellen von Forderungen an die Hochschulen sind sie und ihre Verbandsvertreter allerdings Weltmeister.

VDI nachrichten: Was sind die wesentlichen Merkmale aktueller Personalpolitik in den Unternehmen?

Schweres: Wesentliches Merkmal ist die Tatsache, dass die bewährte Personalpolitik der 1960er und 1970er Jahre nicht mehr stattfindet. Die arbeits- und personalwirtschaftlichen Stabsstellen sind personell vom Rotstift der Controller entvölkert worden. Es fehlt auch hier die personelle Fachkompetenz im Betrieb. Das betriebliche Bildungswesen wurde häufig aufgelöst, zumindest aber in kostengünstigere Organisationsformen ausgelagert. Bezeichnend für das Feld der dringend benötigten Weiterbildung, und hier denke ich vor allem auch an die älteren Ingenieure, ist, dass die Betriebe noch nicht einmal die von der Bundesagentur für Arbeit bereitgestellten Fördermittel abrufen.

VDI nachrichten: Aber die Unternehmen sind doch nicht tatenlos.

Schweres: Der von den Betrieben selbst herbeigeführte Fachkräftemangel führt zu Ersatzstrategien wie Coaching, Moderation und Projektgruppen. Im Ergebnis, so die Einschätzung erfahrener Arbeitswissenschaftler, sind die heutigen Arbeitsgestaltungslösungen meist schlechter als vor 20 oder 30 Jahren.

VDI nachrichten: Hat sich die Arbeitswelt des Ingenieurs, auf die der Hochschulabsolvent trifft, verändert?

Schweres: Sie hat sich dramatisch verändert. Die Vorgabezeiten für Entwicklung und Konstruktion sind so eng, dass unausgereifte Produkte beim Kunden „nachgebessert“ werden müssen. Offensichtliche konstruktive Fehler im Großanlagenbau lässt man weiterlaufen: Die Kosten für die Neukonstruktion werden als zu hoch vom Management eingeschätzt. Diese offensichtlichen Fehler müssen dann draußen von „Ein- oder Zwei-Mann-Teams“ behoben werden. Früher, bei konstruktiv ausgereifteren, länger getesteten Konstruktionen, rückte ein Montageteam an, mit Ingenieuren, Montagemeistern und erfahrenen deutschen Montage-Facharbeitern. Alles wegrationalisiert!

VDI nachrichten: Was bedeutet das für Ingenieure und solche, die es werden wollen?

Schweres: Der Mehraufwand der Vielfliegerei, die erheblich längere Verweildauer der deutschen Ingenieur-Einzelkämpfer vor Ort, Gewährleistungsstrafen, Kundenärger – das alles zählt für die Unternehmen nicht. Hauptsache: Personal abgebaut. Diese Realität der vom „Mager-Management“ geprägten Berufswelt der Ingenieure wird die Attraktivität für mögliche Studienanfänger bestimmt nicht verbessern.

VDI nachrichten: Wie bewerten Sie die Berufschancen heutiger Studienanfänger?

Schweres: Deutschland muss seinen Platz in der Spitzengruppe der technologisch führenden Nationen halten. Das erfordert den zunehmenden Einsatz hochqualifizierter Naturwissenschaftler und Ingenieure. Von daher können die Berufschancen künftiger Ingenieure und Ingenieurinnen nicht hoch genug eingeschätzt werden.

RUDOLF STUMBERGER

Manfred Schweres ist Professor der Universität Hannover. Bis 2003 leitete er das Institut für Arbeitswissenschaft und Didaktik des Maschinenbaus (IADM) an der Universität Hannover.

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