Beratung

Berater auf Probe entwickeln Unternehmens-Strategie

In speziellen Workshops der Boston Consulting Group lernen ausgesuchte Studenten und Absolventen den Praxisweg und Alltag der Konsultanten hautnah kennen.

Witze rund um den Unternehmensberater gibt es reichlich. Die Pointe ist immer die gleiche: Die ahnungslosen Berater erzählen Unternehmern, die die Berater nicht gerufen haben, was diese ohnehin schon wissen. Wie so oft, überzeichnet der bissige Humor, zeigt aber auch, mit welch widersprüchlichen Gefühlen manche Menschen den Berater sehen.
Davon, dass die Vorurteile, mit denen Berater mitunter zu kämpfen haben, nicht berechtigt sind, sollten sich künftige oder frisch gebackene Ingenieure sowie Naturwissen-schaftler bei der Boston Consulting Group (BCG) überzeugen.
Das Unternehmen organisiert zweitägige Workshops, wie zuletzt Ende Januar in der Düsseldorfer Niederlassung.
Das hiesige „Stadttor“ bietet imposante Aussichten aus luftiger Höhe und neue Einblicke in die Materie der Unternehmensberatung. Das Leitmotto „Schneller schalten“ wollen 34 Teilnehmer aus Deutschland und Österreich umsetzen. Sie sind von über 300 Bewerbern übrig geblieben, die sich den hohen Anforderungen von Auslands- und Berufserfahrung auf der BCG-Internetseite gestellt haben.
„Wichtig ist vor allem eines: Die Teilnehmer sollen praxisnah lernen, wie man an bestimmte Fragestellungen herangeht“, erklärt BCG-Geschäftsführer Dr. Hubertus Meinecke. Der gelernte Wirtschaftsingenieur gibt den Teilnehmern eine harte Denknuss: Ein Autohersteller will wieder Gas geben, riskiert dabei aber eine immer höhere Abhängigkeit von Zulieferern.
„Was raten Sie dem Vorstand? Welche Analysen führen Sie in welchen Teilen seines Unternehmens und des Marktes durch? Leiten Sie Strategien ab, die das Marktumfeld überraschen, und die seine Position gegenüber den Wettbewerbern und Zulieferern stärkt.“
Sodann kommen die Studenten und Absolventen in mehreren, festgelegten Gruppen zusammen und formulieren ihre Teamstrategie. Die Ergebnisse werden am nächsten Tag dem kompletten Plenum in einem etwa 20-minütigen Vortrag präsentiert. Dabei mimen die Gruppenbetreuer – alles erfahrene, aber noch recht junge BCG-Berater und Beraterinnen – die Vorstände bei bestimmten Autoherstellern und fragen sanft nach: „Wie muss ich Ihre Tabelle mit den Häkchenleisten lesen?“
Hinkt die Argumentation der Studierenden jedoch, haken die Pseudo-Vorstände knallhart nach. Das ist für einige Teilnehmer kein Problem: „Dieses Wort kenne ich nicht. Für mich gibt es nur Herausforderungen.“ Dementsprechend firmiert manche Gruppe unter einem hochtrabenden Namen oder mit einem „Challenge“-Programm.
Der ein oder andere Vortragende klammert sich lieber an einem Gedanken fest, sucht Halt an einer Folie, steckt nervös seine Hände in die Anzugtaschen oder flüchtet sich in einen Schwall englischer Vokabeln. Auch wenn nun hartnäckig um die Ehre der stichhaltigsten und besten Präsentation gerungen wird, bleibt die Atmosphäre locker und gelöst.
Später treffen sich die Vorstände bzw. Juroren in einem stillen Kämmerlein und beurteilen die Arbeit der einzelnen Teams. Wurden die Daten der Fallstudie nur um ein paar kleine Details ergänzt oder eigenständige Gedanken bzw. Diagramme eingebracht? Welche Gewichtung kam bei den einzelnen Fragepunkten zustande? Dann ziehen die BCG-Betreuer vom Leder, kritisieren intern „den Stapellauf an Folien“ und „diese Phrasendrescherei“, „realitätsfremde Argumentationen und unsinnige Empfehlungen“, mangelnde Diplomatie sowie die Disharmonie in einer Gruppe. Aber sie sparen auch nicht mit viel Lob, z. B. für den anschaulichen Einstieg mit einer Firmenanekdote. Außerdem loben sie präzise Analysen der Firmen – und Branchensituation, gut herausgearbeitete Differenzierungsmerkmale und praktikable, mitunter originelle Lösungsvorschläge.
Während sich die Jury noch berät, erklärt BCG-Geschäftsführer Meinecke, wie das tatsächliche Lösungskonzept seiner Leute aussieht und lüftet das Geheimnis um den Auftraggeber. Am Schluss erfahren die Teilnehmer, wie die eigene Gruppe bei der Präsentation abgeschnitten hat. „Die Teilnehmer bekommen ein ehrliches, strukturiertes Feedback. Die ganze Gruppe hat relativ gut agiert und harmonisch zusammengearbeitet“, erklärt BCG-Recruiting Director Hannes Pichler. Er betont, dass jeder Teilnehmer äußerst gute Chancen für diesen Beruf habe, dieser Workshop sei jedoch kein verstecktes Assessment-Center.
Dennoch wollen viele Teilnehmer schnell eine richtige Bewerbung bei der deutschen BCG einreichen. Philipp Müller z. B. beendet demnächst sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart: „Das ist mein erster Kontakt zu einer Unternehmensberatung. Ich habe ein sehr klares Bild von Beruf und Unternehmen bekommen. Das Seminar hat geholfen, Vorurteile abzubauen und Leute mit unterschiedlichem Hintergrund kennen zu lernen.“ ARND WESTERDORF

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