Hochschule

Belebung für „standards of excellence“

VDI nachrichten, Frankfurt/Oder, 30. 4. 04 -Gesine Schwan kandidiert nicht nur als Bundespräsidentin, sie ist als Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder auch Vorreiterin der EU-Osterweiterung. Die Rolle des Souffleurs steht dem Westen nicht zu, meint die Politikwissenschaftlerin. Auch der Osten könne den europäischen Hochschulraum beleben.

VDI nachrichten: Welche Chancen eröffnen sich der deutschen Hochschullandschaft durch die Öffnung zum Osten, insbesondere vor dem Hintergrund des europäischen Bologna-Prozesses?
Schwan: Der Bologna-Prozess ist in der öffentlichen Diskussion meist zu stark auf Westeuropa und die USA bezogen worden. Und natürlich geht es primär darum, eine Konvergenz der Hochschulsysteme in diesem Raum herzustellen. Doch auch die ersten mittel- und osteuropäischen Universitäten haben ihre Studiengänge modularisiert, Master- und Bachelor-Studiengänge eingeführt. Für meine Universität, die Viadrina, eröffnet dies vielerlei Möglichkeiten. Wir sind die nach Osteuropa hin am stärksten profilierte deutsche Hochschule und natürlich werden Kooperationen und Austauschprogramme einfacher, wenn die Studiengänge und -abschlüsse miteinander kompatibel sind.
VDI nachrichten: Was können Deutschland und die Beitrittsländer auf Hochschulebene voneinander lernen?
Schwan: Die Beitrittsländer können sicherlich auf der Ebene des Hochschulmanagements einiges von uns lernen. Das sollte man aber nicht überschätzen. Auch in Deutschland ist die Professionalisierung der Universitätsverwaltung erst wenige Jahre alt. Und in vielen Wissenschaftszweigen erzielen auch die Beitrittsländer beachtliche Leistungen. Polen zum Beispiel hatte schon in kommunistischen Zeiten eine empirische Sozialforschung, die vorbildlich war. In den letzten fünfzehn Jahren wurde dieser Zweig systematisch weiter ausgebaut.
Der Lerneffekt liegt meiner Meinung nach weniger auf der Ebene des unmittelbaren Hochschulwesens, sondern vielmehr in den wissenschaftlichen Inhalten und in der Tatsache begründet, dass die europäischen Wissenschaftler und Studierenden jetzt innerhalb eines gemeinsamen Kulturraumes miteinander kommunizieren können.
VDI nachrichten: Kann man überhaupt von der „osteuropäischen Hochschullandschaft“ reden, oder ist diese sehr divergent?
Schwan: Natürlich sind die mittel- und osteuropäischen Hochschulen sehr heterogen. Die nach Bologna ältesten Universitäten Europas finden sich hier neben zahlreichen polytechnischen Fachhochschulen. Trotzdem kann man festhalten, dass selbst an den neu gegründeten Einrichtungen die alten akademischen Traditionen Europas eine große Rolle spielen, dass die Mehrzahl der Institutionen sich in einem Restrukturierungsprozess befindet, der sich an westlichen „standards of excellence“ orientiert, und dass diese Prozesse fast überall unter den Bedingungen knapper Ressourcen ablaufen.
VDI nachrichten: Wie könnte oder sollte der europäische Hochschulraum im Jahre 2010 aussehen?
Schwan: Ich träume natürlich von einer Generation junger Menschen, die – ausgestattet mit mehreren Sprachen – Europa als Handlungs- und Lebensraum für die eigene Zukunft begreift. Mein Ziel geht dahin, dass die Europa-Universität Viadrina im Jahr 2010 als trinationale Stiftungsuniversität Studiengänge in den drei Sprachen Polnisch, Französisch und Deutsch anbietet und Englisch vielleicht noch als Brückensprache fungiert. Unsere Professoren kämen dann natürlich auch aus allen Ländern Europas und wechseln regelmäßig zu Gastaufenthalten nach Asien, Afrika oder Amerika.
VDI nachrichten: Wie empfinden Sie, die unmittelbar an der Grenze lebt und arbeitet, die Gefühle auf beiden Seiten der Bevölkerung? Überwiegt die Skepsis oder die Zuversicht?
Schwan: Deutsche und Polen brauchen beide noch Zeit, um die nach 1989 neu entstandene Nachbarschaft – die DDR hatte ja mit Polen wenig am Hut – als normal und für beide Seiten vorteilhaft zu empfinden. Aber zu behaupten, dass die Skepsis überwiegt, schiene mir auch übertrieben. Diese besteht auf deutscher Seite hinsichtlich der ökonomischen Effekte der EU-Osterweiterung, nicht hinsichtlich Polens als Land. Und da muss die Zeit einfach zeigen, wie sich die Dinge entwickeln. Ökonomen halten die Osterweiterung für eine Win-Win-Situation und ich bin fest davon überzeugt, dass sie sich belebend auf Deutschland auswirken wird.WOLFGANG SCHMITZ

Von Schmitz

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