Hochschule

Bachelor und Master? Nein danke!

Die Physik-Fachbereiche an den Universitäten bestehen auf dem traditionellen Studienaufbau mit Vordiplom und Diplom. Die Chemiker hingegen wollen sich für konkurrierende Studiengänge öffnen und neben dem Diplom auch den Bachelor anbieten.

Die Hochschulen in Deutschland sollen sich stärker international ausrichten – das fordert die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und macht sich deshalb für neue Studiengänge nach dem Vorbild der englischen und amerikanischen Bachelor- und Master-Ausbildung stark. Doch nicht alle Fächer wollen dabei mitmachern. Die Fachbereichskonferenz Physik will auf jeden Fall am herkömmlichen Diplom festhalten.
Für deren Vorsitzenden Rainer Kassing von der Universität Kassel erzwingen die sich rasch wandelnden Anforderungsprofile in der Industrie „eine solide wissenschaftliche Grundausbildung im Diplomstudiengang mit seiner mehrmonatigen Abschlussarbeit.“ Die breite Erstausbildung an der Uni, so der Professor, ist die beste Voraussetzung für lebenslange Weiterbildung.
Ein Türchen wollen die Physik-Professoren allerdings für ausländische Studenten öffnen: Diese sollen mit ihrem heimischen Bachelor (BA) an einem noch näher festzulegenden Punkt hinter dem deutschen Vordiplom ins hiesige Studium einsteigen können. „Wir betrachten den Bachelor aber nicht als ersten berufsqualifizierenden Abschluss“, stellt Kassing klar. „Auch ist darauf zu achten, von welcher ausländischen Hochschule der Grad stammt. Er hat beispielsweise in den USA ganz ein ganz unterschiedliches Niveau.“
Niemand muss Bachelor- und weiterführende Master-Studiengänge anbieten. Das Hochschulrahmengesetz des Bundes hat lediglich die Möglichkeit dazu eröffnet – als Ergänzung oder Ersatz der Diplomausbildung an Unis und Fachhochschulen.
In der Gesetzesbegründung heißt es dazu: „Das neue Graduierungssystem tritt neben das bestehende. Durch das Nebeneinander wird ein Wettbewerb geschaffen, in dem sich in einigen Bereichen die neuen Grade durchsetzen und in anderen die bisherigen behaupten werden.“ Die Fachbereiche Physik gehen mit ihrer Diplomausbildung und den entsprechenden nationalen wie internationalen Arbeitsmarktchancen ihrer Absolventen selbstbewusst in diesen Wettbewerb.

TU Berlin riskiert Konflikt mit dem Senat der Hauptstadt

Demgegenüber sind die Chemiker eher geneigt, das Nebeneinander der Studiengänge auszuprobieren. Die Reformdiskussion der letzten Jahre kreist um das „Würzburger Modell“ mit einem sechssemestrigen Basisstudium, an das sich ein viersemestriges Hauptstudium zum Master oder Diplom-Chemiker anschließt. Das Masterstudium konzentriert sich auf die Spezialisierung in einem Schwerpunktfach.
Für das Nebeneinander der Ausbildungsgänge in einem Fachbereich muss es allerdings entsprechende Studentenzahlen geben. So wollen die Chemiker der TU Berlin wegen geringer Studentenzahlen den Bachelor/Masterstudiengang als einziges Lehrangebot einführen.
Der BA, erklärt der frühere TU-Präsident Dieter Schumann, ermögliche ein Weiterstudium in einem größeren Berufsspektrum als das alte Vordiplom, das ziemlich geradlinig den Weg in die Forschung vorzeichnet. Mit dem BA kann der Student nach dem sechsten Semester künftig beispielsweise in Richtung „Vertrieb“ abbiegen und je nachdem den in der Wirtschaft viel gefragten Master of Business Administration (MBA) draufsatteln.
Der Bachelor, so Schumann, ist zwar ein wissenschaftlich „qualifizierender“, allerdings höchstens „formal berufsqualifizierender“ Abschluss. „Ein erkennbarer Markt für diesen Abschluss existiert in Deutschland bislang nicht.“ Wie könnte sich der Bachelor im Berufsalltag etwa konkret vom Chemielaboranten unterscheiden? Diesen praktischen Beruf ergreifen heute nicht selten Abiturienten. Nach der Lehre können sie im Labor manchem fortgeschrittenen Studenten etwas vormachen. Zudem bieten die Industrie- und Handelskammern heute ein reichhaltiges Weiterbildungsprogramm an. Dieter Schoser, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages, denkt bereits an den „Bachelor (IHK)“.
Mit dem hochschulspezifischen, aber noch nicht berufstauglichen Chemie-BA riskieren die Berliner Professoren bewusst einen Konflikt mit ihrem Senator. Da der Abschluss laut Gesetz Berufsaussichten eröffnen muss und nicht nur die „Zulassungsvoraussetzung“, also ein Sieb für das Weiterstudium sein soll, dürfte die Behörde den neuen Chemie-Studiengang konsequenterweise gar nicht erst genehmigen. Wenn sie die Genehmigung versagt und es mithin beim alten Diplom bleibt, dann, so Schumann, gesteht die Politik im konkreten Fall die berufsplanerische Illusion ein, ohne die sie den Bachelor in Deutschland nicht einführen wollte. Ihm sollte nämlich auf keinen Fall das Image des „Abbrecherdiploms“ anhaften. Eine zunächst verblüffende Berufschance für mathematisch-naturwissenschaftliche Bachelor brachte auf der Bonner Tagung die Hamburger Wissenschaftssenatorin Krista Sager (Grüne) ins Gespräch: den Lehrerberuf. Tatsächlich, bestätigt Bernd Kunz vom „Heinrich-Hertz-Berufskolleg“ in Bonn, fehlt den Berufsschulen im Bereich Informatik, Neue Medien, Design Unterrichtspersonal. „Wer auf den Feldern an einer Uni fürs Lehramt studiert hat, geht wegen der besseren Bezahlung am Ende doch in die Wirtschaft.“ Allerdings, meint Studiendirektor Kunz, sollte man den Schuldienst vielleicht erst einmal für Interessierte mit FH-Diplom öffnen. HERMANN HORSTKOTTE
In der Physik soll es nach dem Willen der Fachbereichskonferenz der Universitäten keine Master- oder Bachelor-Abschlüsse geben.

Von Hermann Horstkotte
Von Hermann Horstkotte

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