Hochschule

Angst vor den Technokraten

die einen wollen umfassende Bildung, die anderen marktnahe Inhalte, so Hartmut Schiedermair, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes.

Blockieren deutsche Professoren Reformen an den Universitäten? An den Reformideen, wie sie zum Beispiel die von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) eingesetzte Kommission zur Reform des Dienstrechts jetzt vorgelegt hat, lässt der Deutsche Hochschulverband (DHV), der rund 18 000 Universitätsprofessoren vertritt, kein gutes Haar.
Die Aufsplittung der Professorengehälter in eine Grundvergütung und einen leistungsabhängigen variablen Anteil führe zu einer Absenkung der Einkommen, die Abschaffung der Habilitation, verbunden mit der Einführung von Juniorprofessuren, gehe zu Lasten der bewährten C 1-Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
DHV-Präsident Hartmut Schiedermair, Professor an der Universität Köln, wurde zunächst nicht als Experte in die Kommission zur Reform des Dienstrechts geladen. Dann hat er dieses Gremium zu Beginn des Jahres verlassen, weil er davon überzeugt ist, dass dessen Aufgabe nur darin bestehen sollte, „vorgefertigten politischen Entscheidungen durch Akklamation den Schein einer Legitimation durch Sachverstand zu geben“, so Schiedermair.
Was den DHV weiterhin verbittert: die zeitliche Befristung von Professorenstellen, wodurch die Arbeit eines Hochschullehrers unattraktiv würde. Der DHV warnt deshalb seine Mitglieder davor, einen Ruf nach Baden-Württemberg anzunehmen, weil dort Professorenstellen grundsätzlich nur noch auf Zeit vergeben werden.
Schiedermair fühlt sich von dem Vorwurf, ein Bremser zu sein, nicht getroffen – im Gegenteil: „Es gibt Situationen, in denen es angebracht ist, auf die Bremse zu treten“. Denn der DHV empfindet Reformansätze wie die Veränderung des Dienstrechts als Angriff auf die Universitäten.
Die Enttäuschung über die Wissenschaftspolitik lässt sich aber nicht allein mit den aktuellen Reformvorschlägen erklären. Schiedermair befürchtet einen grundsätzlichen Wandel: Er glaubt, dass die Universitäten in Zukunft ökonomisiert werden, wobei Lehre und Forschung nur noch unter kurzfristigem Kosten-Nutzen-Kalkul betrachtet und alles gekappt würde, was sich nicht vermarkten lasse. In Einzelfällen sei eine größere Marktnähe zwar zu verantworten, doch flächendeckend würde sie die Universitäten zerstören.
Diesem nackten Marktmechanismus hält Schiedermair die alte Bildungsaufgabe der Universitäten entgegen: Die Ausbildung zu verantwortungsvoll handelnden Menschen. Wenn rund drei Viertel des an den Universitäten vermittelten Stoffes von den Studierenden selbst erarbeitet werden müsse, sei das eine gute Erziehung zu Kreativität und Innovationsfähigkeit.
Die Reduzierung auf die Ökonomie löse kein Problem, sie verdecke aber die Schwierigkeiten, mit denen die Universitäten zu kämpfen haben: die große Zahl der Studierenden, die Reform der Studiengänge, der schlechte Ruf deutscher Universitäten im Ausland und bei der Wirtschaft.
Schiedermair bemängelt die technokratischen Lösungen, mit denen Politik und Wirtschaft den Reformstau an den Universitäten beheben wollen. Politiker und Unternehmer redeten zwar viel von Innovationen, meinten damit aber neue Organisationsstrukturen und ein anderes Management. Wenn dagegen Universitätsvertreter von Innovationen sprechen, denken sie an Produkte und Inhalte – an diesem Punkt offenbare sich ein grundsätzlicher Dissens zwischen Politik und Wirtschaft einerseits und den Universitäten andererseits.
Nur durch ein anderes Management allein ließen sich die Universitäten nicht wettbewerbsfähig machen – davon ist Schiedermair überzeugt. Denn im internationalen Wettbewerb könnten nur solche Hochschulen mithalten, die auch in der Wissenschaft stark sind, und nur solche Universitäten können auch gute Lehrer hervorbringen. „Wer in der Forschung schlecht ist, ist auch ein schlechter Lehrer“ – eine alte Einsicht, die aber in der Euphorie über neue Organisationsmodelle in Vergessenheit gerate.
Die Universitäten bräuchten kein von oben verordnetes Management-System, wie immer es auch aussehe, sondern Unabhängigkeit von staatlichen Eingriffen. Der Rektor an der Spitze müsse mit den Dekanen an einem Strick ziehen, die gesamte Universitätsverfassung sollte ein „geregeltes Chaos“ tolerieren – das „angemessene Prinzip für Universitäten“, meint Schiedermair.
Ein solches Klima würde auch, zusammen mit der Unabhängigkeit der Hochschullehrer, die Attraktivität der Unis als Arbeitgeber steigern. Die Autonomie der Professoren sei eine Kompensation für den Einkommensverzicht, den Hochschullehrer im Vergleich zu ähnlich hoch Qualifizierten in der Wirtschaft hinnehmen müssten.
Aus Sicht des DHV besteht das Kardinalproblem jedoch in der Überfüllung der Hochschulen, vor allem der Universitäten. Derzeit teilen sich 1,8 Mio. Studenten rund 1,2 Mio. Studienplätze. Ein Problem, das aber nicht die Politik zu verantworten habe, sondern das Bundesverfassungsgericht Dennoch sei, so der DHV-Präsident, die Qualität von Lehre und Forschung an den Unis gut – dank dem Engagement der meisten Professoren. Die Verfassungsrichter haben 1977 entschieden, dass nach Artikel 12 GG jeder zum Studium zugelassen werden müsse, der das Abitur in der Tasche hat – ein „Sündenfall“, so Schiedermair.
Um das Niveau an den Unis zu steigern, sollte die Qualität an den Schulen, vor allem an den Gymnasien, verbessert werden. Das hätte auch eine Aufwertung des Abiturs zur Folge. Zugleich müssten aber auch die Universitäten das Recht bekommen, bei der Zulassung jene Abiturnoten stärker zu gewichten, die für das angestrebte Studienfach wichtig sind.
Unabhängig davon, welche Konturen die Reform der Universitäten auch annehmen wird: Gegen die Professoren lassen sich Veränderungen nicht durchsetzen – diesen Maßstab hat das Bundesverfassungsgericht gesetzt. Damit sind Grenzen gezogen, auch für Bildungspolitiker. Von ihnen hat Schiedermair häufig den Eindruck, dass nicht wenige sogar leidenschaftliche Anhänger der Universitäten wären – wenn es die Professoren nicht gäbe. HARTMUT STEIGER
Hartmut Schiedermair: Universitäten brauchen kein von oben verordnetes Management-System.

Von Hartmut Steiger

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