Hochschule 11.12.1998, 17:20 Uhr

An den Unis verkümmern Talente

Wer Talente fördern wolle, müsse das Hochschulsystem entstaatlichen, fordert Konrad Schily, Präsident der privaten Universität Witten-Herdecke, der sich zur Eliteförderung bekennt. An den staatlichen Hochschulen würde den angehenden Akademikern Kreativität und Neugierde ausgetrieben.

Bücher, die zur Vorbereitung auf Klausuren gebraucht werden, sind in der Bibliothek entweder gar nicht vorhanden oder ausgeliehen“, schimpft Natalie Schleining, Jurastudentin an der Universität Hannover. Zwar stünden die Regale in der Bibliothek voll mit alten Schinken, aber gerade in der Rechtswissenschaft, wo es laufend neue Entwicklungen gebe, sei der Zugriff auf aktuelle Texte unverzichtbar.
Ines Streu, Examenskandidatin an der Gesamthochschule Kassel, hat sich mittlerweile an die langen Wartezeiten in den Sprechstunden der Professoren gewöhnt. „Wenn ich einen Termin um 15 Uhr habe, gehe ich frühestens eine Stunde später hin, das reicht meist“, schildert die Germanistikstudentin.
Werden an staatlichen Hochschulen Talente vergeudet, fragen sich Experten? Für Winfried Schlaffke ist das überhaupt keine Frage: „Natürlich werden Talente vergeudet“, sagt der Geschäftsführer des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW).
Das jahrelange, passive Sitzen in Seminaren töte Kreativität und Begeisterung für Neues geradezu ab. Die Studierenden büßten ihre Fähigkeiten zur eigenständigen Gestaltung ein. Methoden, die unterschiedliche Talente fördern wie Teamarbeit, Projektarbeit, Planspiele und Fallstudien würden zwar vereinzelt angeboten, aber kaum in der Breite umgesetzt.
Dasselbe Dilemma beobachtet Schlaffke auch bei der sprachlichen Förderung. Obwohl die globale Wirtschaft auf Mitarbeiter angewiesen sei, die neben der Muttersprache mindestens zwei Fremdsprachen beherrschten, gebe es kaum englischsprachige Vorlesungen an den Hochschulen und viel zu wenige der Studierenden gingen ins Ausland. „Amerikaner und Asiaten kommen schon lange nicht mehr zu uns“, kritisiert Schlaffke das Fehlen von „guten Partnerschaften“ für die Wirtschaft.
Der Bruch mit dem jahrzehntelangen Elite-Tabu in der Bildungspolitik kündigt sich bei den Vertretern staatlicher Hochschulen noch hinter vorgehaltener Hand an. Unterdessen registriert die Hochschulrektorenkonferenz bereits mehr als 70 staatlich anerkannte Fachhochschulen und Hochschulen in freier Trägerschaft. Sie haben die Auslese und Förderung der Besten längst werbewirksam auf ihre Fahnen geschrieben – offenbar mit großem Erfolg. Allein in den vergangenen vier Jahren haben zehn neue Einrichtungen in privater Trägerschaft den Betrieb aufgenommen. Insgesamt sind mehr als 40 000 Studierende an den privaten Kaderschmieden eingeschrieben.

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„Fürstlich bezahlte Professoren“

„Wer Talente fördern will, muß das Hochschulsystem entstaatlichen“, ist Konrad Schily überzeugt. „Wir müssen uns in Deutschland eindeutig zur Eliteförderung bekennen und guten, dafür geeigneten Institutionen die dafür nötigen Freiheiten und Rechte gewähren“, meint der Präsident der 1983 gegründeten Privatuniversität Witten-Herdecke. Denkbar wäre, so Schily, die Einrichtung von staatlich finanzierten Stiftungsuniversitäten, die über die Verteilung ihrer Mittel einschließlich Besoldung und Anstellungsform ihrer Professoren selbst entscheiden könnten. Nach fünf Jahren müßten sie Rechenschaft ablegen und eventuell Konsequenzen ziehen. Eine Regelbeförderung jedenfalls sei bei diesem Konzept nicht vorgesehen.
„Fürstlich bezahlte Professoren, die nicht bereit sind, Neues zu lernen“, tragen nach Auffassung von Michael Daxner erheblich zur Talentvergeudung an staatlichen Hochschulen bei. Das Kernproblem sei jedoch die immer kürzere Halbwertzeit des Wissens und der daraus resultierende Zwang zum lebenslangen Lernen, meint der Präsident der Universität Oldenburg.
„Sanktions- und Belohnungsmechanismen für Professoren, die Begabungen ihrer Studierenden vergeuden oder fördern, wären ein wirksames Mittel, um die Qualität der Lehre zu heben“, ist Schlaffke überzeugt. Eine Umfrage des IW bei rund 800 Fachbereichen habe gezeigt, daß es immerhin 60 Fachbereiche gebe, die ihre Studierenden mit kreativen Lehrmethoden, englischsprachigen Lehrveranstaltungen, Auslandsaufenthalten und Projektarbeiten förderten.
Doch die deutschen Hochschulen hätten auch einen großen Vorteil, meint Detlef Müller-Böling, der Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung in Gütersloh. Wer sich durch dieses „eher unstrukturierte Umfeld“ durchgebissen habe, müsse schon einige Talente mitbringen.
LINDA HILMER

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