Studiengebühr

„Akademikerabgabe“ hält Hochschulen über Wasser und baut Angst vor Verschuldung ab

Nach dem Saarland und Hessen will auch Nordrhein-Westfalen die Gebühren abschaffen. Wie aber könnte das entstehende finanzielle Vakuum gefüllt werden, sodass die eh schon klammen Hochschulen nicht ausbluten? Der Berliner Bildungsökonom Dieter Dohmen schlägt eine nachgelagerte Akademikerabgabe vor, die das System versorgen und Studierwilligen aus einkommensschwachen Familien die Angst vor Verschuldung nehmen soll.

Die Aufregung ist groß. England will Studiengebühren in eine deutlich höhere Akademikersteuer überführen. In Deutschland werden zwar auch in Bundesländern Studiengebühren abgeschafft – nach Hessen und dem Saarland stehen die Gebühren nach dem Regierungswechsel auch in NRW vor dem Aus –, allerdings müssen bislang die Länder für den finanziellen Ausgleich sorgen.

Angesichts wachsender Löcher in den Haushalten von Bund und Ländern und der bevorstehenden Schuldenbremse ist aber fraglich, ob dies der richtige und insbesondere nachhaltige Weg ist. Pro Jahr drohen den Hochschulen in NRW Einnahmeverluste bis zu 280 Mio. €. Alternativ bliebe der Landesregierung nur eine Schuldenerhöhung, will sie nicht auf Taschenspielertricks verfallen.

Eines lässt sich nicht wegdiskutieren: Die Studiengebühren haben die Personal- und Sachausstattung in den Hochschulen der jeweiligen Länder deutlich verbessert insofern stellt sich die Frage, wie diese bessere Ausstattung ebenso wie der Mehrbedarf an Studienplätzen in Zukunft finanziert werden kann.

Deutschland braucht künftig eine weitere Erhöhung des Anteils an Hochschulabsolventen, da ansonsten aufgrund des demografischen Wandels der Bedarf der Wirtschaft an hoch- und höchst qualifizierten Arbeitskräften nicht mehr gedeckt werden kann. In 15 Jahren sind die in den Arbeitsmarkt hineinwachsenden Altersjahrgänge nur noch halb so groß wie die ausscheidenden.

Auch die doppelten Abiturjahrgänge erfordern weitere Studienplätze. Der Hochschulpakt von Bund und Ländern finanziert 275 000 zusätzliche Studienplätze für den Zeitraum 2011 bis 2015, der vor Kurzem veröffentlichte Bildungsbericht geht hingegen von 340 000 aus, während eigene Berechnungen gar 450 000 zusätzliche Studienplätze ermitteln. Angesichts bisheriger Prognosegenauigkeit dürfte die letztgenannte Zahl am realistischsten sein.

Die Studienstruktur mit Bachelor und Master wird bei den bisherigen Übergangsquoten von 40 % in ein Masterstudium zu einer Dequalifikation der Hochschulabsolventen führen, die oft nur mit erheblichen Einschränkungen den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werden.

Wenn der Bachelorabschluss vom Arbeitsmarkt dem bisherigen FH-Diplom und der Master dem Uni-Diplom gleichgesetzt wird, wie Unternehmensbefragungen des FiBS ergeben haben, dann bedeutet dies 60 % FH-Abschlüsse und 40 % Uni-Abschlüsse – bisher war die Quote umgekehrt. Wenn aber der Arbeitsmarkt für die „eigentlichen“ Fachkräftestellen mindestens einen Uni-Abschluss voraussetzt, dann wird diese Entwicklung den Fachkräftemangel verschärfen.

Da der Wettbewerb um Fachkräfte zu einer Erhöhung der Einkommen und damit der Bildungsrendite vor allem bei den hoch Qualifizierten führen wird, ist eine Beteiligung des Fiskus an den Erträgen nur gerecht. Dies gilt sowohl im Hinblick auf die Verteilung der Lasten zwischen öffentlicher Hand und Akademikern als auch für die deutlich höhere Inanspruchnahme öffentlicher Leistungen durch Akademiker schließlich kostet ein Hochschulabsolvent die öffentliche Hand fast doppelt so viel wie ein Berufsausbildungsabsolvent.

Wenn Studierende bzw. Akademiker an den Studienkosten beteiligt werden sollen, dürfen diverse Voraussetzungen nicht außer Acht gelassen werden:

1. Vertretbare Gesamtbelastung

Aus Sicht der Studierenden interessiert die Gesamtbelastung, die sie eventuell nach dem Studium zurückzuzahlen haben. Gerade Studierende aus einkommensschwachen Familien müssen auch ihren Lebensunterhalt teilweise über Darlehen oder zusätzliche Erwerbsarbeit finanzieren und reagieren mit unterschiedlichen Anpassungsstrategien auf die Einführung von Studiengebühren.

Rückzahlungsbelastungen, die einschließlich des Lebensunterhalts auf Belastungen von 20 000 € und mehr hinauslaufen, sollten daher vermieden werden. Auch wenn sich der negative Effekt von Studiengebühren auf die Anfängerzahlen bisher nicht eindeutig belegen lässt, spricht einiges dafür, dass die Diskussion und Einführung von Gebühren Einfluss auf Studienanfängerzahlen und Wanderungsverhalten hatte.

Die höheren Studienanfängerzahlen seit 2007 sind auf steigende Abiturientenzahlen und einen überproportionalen Anstieg von denjenigen zurückzuführen, die erst einige Jahre nach dem Abitur oder berufsbegleitend ihr Studium aufnehmen.

Ferner wird bei Beträgen in der erwähnten Größenordnung die monatliche Rückzahlungsbelastung auch objektiv zu hoch. Um einen Betrag von 20 000 € (30 000 €) in zehn Jahren zurückzuzahlen, ist eine monatliche Rate von 210 € (315 €) erforderlich. Bei einem Netto-Einkommen von 1500 € bis 2000 € – dies entspricht einem Bruttoeinkommen zwischen 2400 € und 3500 € – sind dies 10 % bis 15 %, die neben Miete, Lebenshaltung und ggf. Familiengründung zu finanzieren sind. Nicht absehbar ist bisher, welche Effekte die Einführung von Studiengebühren auf die Familiengründung hat.

2. Flexible Ausgestaltung

Ein Studium wird oft nicht als Vollzeitstudium durchgeführt, sondern in Teilzeit. Ein Gebührenmodell muss dies berücksichtigen und sollte idealerweise unterschiedliche Studienvolumina abbilden. Die Praxis einheitlicher Gebührenbeträge unabhängig vom Studienumfang wird den verschiedenen Anforderungen, aber auch der Zahlungsfähigkeit ebenso wenig gerecht wie ein generell halbierter Betrag für ein Teilzeit-Studium. Besser geeignete Ansätze orientieren sich am realen Nachfrageverhalten und Studienvolumen, etwa an den Studiencredits. Geht man von den bisherigen Größenordnungen aus, wäre ein Betrag von 15 € bis 20 € pro Credit (450 € bis 600 € pro Vollzeit-Semester) vertretbar. Hierdurch würden alle Studierenden – abgesehen von einer relativ geringen Zinsdifferenz – gleich behandelt. Diese Credits könnten durch eine Bank vorfinanziert werden.

3. Einkommensabhängige
Rückzahlung

Will man eine zusätzliche finanzielle Belastung der Studierenden während des Studiums und anschließend eine übermäßige Einkommensbelastung vermeiden, sei es aufgrund eines vergleichsweise schlecht bezahlten Jobs, wegen familiär bedingter Teilzeit-Erwerbstätigkeit oder wegen einer berufsbegleitenden Weiterbildung, dann sollte die Beteiligung an den Studienkosten nicht als normaler Kredit, sondern abhängig vom später erzielten Einkommen erfolgen.

Ein Lösungsansatz könnte von 3,6 % des künftigen Einkommens für einen Bachelor- und weiteren 2,4 % für ein Masterstudium ausgehen. Für ein Bachelor- und Masterstudium wären 6 % vom künftigen Einkommen zu zahlen. Dies würde bedeuten, dass etwa jemand mit einem Einkommen von 2000 € monatlich 120 € und jemand mit einem Einkommen von 5000 € dann 300 € zahlt.

Der Rückzahlungszeitraum, der politisch festzulegen wäre, entscheidet über die Höhe der nachträglich gezahlten „Studiengebühren“. Über sieben Jahre kämen in dem Beispiel 10 000 € bzw. 25 000 € zusammen. Dies dürfte ausreichen, um die Gebühren relativ problemlos zu refinanzieren, inklusive faktischer Verzinsung und Ausfallumlage.

Dieses System der „Akademikerabgabe“ ist zugleich eine „Risikoversicherung“ für die Wechselfälle des Lebens. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr – wer weniger verdient, zahlt weniger: Kindererziehung und Pflege der Eltern etwa sind in diesem Modell automatisch und besser integriert als in allen bestehenden Darlehensmodellen. Auch die unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen – und damit die unterschiedlichen Renditen bei gleichen Studienkosten – werden somit automatisch berücksichtigt.

Selbst die in Deutschland hohe Risikoaversion, die große und teilweise durchaus nachvollziehbare Angst vor einer Verschuldung würde umgangen, da sich niemand „verschuldet“, sondern nur auf einen geringen Teil des künftigen Einkommens verzichtet. DIETER DOHMEN

Von Dieter Dohmen

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