Gefährden Unternehmen Freiheit der Lehre?

Edda Müller: „Hochschulen müssen unabhängig bleiben“

Wirtschaft und Hochschulen müssen kooperieren, meint Edda Müller, Vorsitzende von Transparency International Deutschland. Beispiele aus der Praxis ließen aber den Schluss zu, dass ein zu enges Miteinander die Freiheit und Unabhängigkeit von Forschung und Lehre gefährde, warnt die Korruptionsbekämpferin. Um „fragwürdige“ Kooperationen aufzudecken, wurde die Initiative „hochschulwatch.de“ ins Leben gerufen.

VDI nachrichten: Die Initiative hochschulwatch.de sammelt Beispiele fragwürdiger Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft. Was verstehen Sie unter „fragwürdig“ und gibt es Ihrer Meinung nach viele dieser Verbindungen?

Müller: Unter „fragwürdig“ verstehen wir Formen der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen, die geeignet sind, die Freiheit und Unabhängigkeit von Forschung und Lehre zu beeinträchtigen. Ob es viele dieser fragwürdigen Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gibt, wissen wir nicht. Wir hatten vor dem Start von hochschulwatch.de rund ein Dutzend Beispiele online gestellt. Das Ziel von „hochschulwatch.de“ ist es, weitere Beispiele fragwürdiger Verbindungen zu sammeln, damit auch die Fälle offengelegt werden, über die in der überregionalen Presse noch nicht berichtet wurde.

Jeder fünfte Euro, den Hochschulen für Forschungsprojekte annehmen, stammt von einem Unternehmen. Im Jahr 2010 waren es 1,27 Mrd. €, 2000 waren es 778 Mio. €. Dass sich die Unternehmen so sehr engagieren, ist doch zu begrüßen, oder?

Unsere Initiative hat nicht das Ziel, die private Drittelmittelforschung zu diskreditieren. Aber wir kennen nicht die Bedingungen in den Verträgen der Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen, weil es keine verpflichtende Offenlegung gibt.

Die staatlichen Hochschulen in Deutschland sind unterfinanziert, sie sind auf Drittmittel angewiesen. Bleibt da noch eine Wahl?

Noch einmal: Drittmittel an sich sind nichts Schlechtes. Aber es darf in den Verträgen keine Zustimmungserfordernis zur Auswahl von Professoren, Projektleitern oder zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse geben.

Vor allem technische Bereiche profitieren von Drittmitteln. Dass sie näher an den Firmen sind als etwa medizinische Fakultäten ist zwangsläufig, oder?

Ihre Annahme, medizinische Fakultäten seien weniger interessant, können wir nicht bestätigen. Gerade auch in der Medizin, insbesondere der Pharmazie, haben wir einen hohen Anteil privater Drittmittel. Generell haben Sie Recht, dass Disziplinen wie Naturwissenschaft, Technik, Ingenieurwesen, Mathematik und Medizin von Unternehmen stärker finanziert werden als von Geisteswissenschaften.

Drittmittel sind nur eine Zuwendung. Sponsoring und Geschenke zwei weitere. Gibt es dazu Zahlen?

Zahlen für das ganze Bundesgebiet sind uns nicht bekannt.

Wo sehen Sie die Grenzen zwischen Wohltätigkeit und Einflussnahme?

Nach Artikel 5 des Grundgesetzes sind Wissenschaft, Forschung und Lehre frei. Einflussnahme beginnt da, wo Forschung und Lehre nicht mehr frei sind. Das beginnt schon mit der Schere im Kopf, wo die Forschende oder der Lehrende ganz unterbewusst bestimmte Ideen nicht weiterverfolgen oder in Betracht ziehen.

Versperrt der Blick auf Drittmittel, hinter denen kurzfristige betriebswirtschaftlich verwertbare Interessen stehen, langfristiges wissenschaftliches Denken?

Ja. Unternehmen wollen normalerweise schnell wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse. Eine längerfristige Forschungsperspektive wird an Universitäten dadurch erschwert.

Wie sehen Sie die Rolle der Hochschulräte, die häufig aus der Wirtschaft kommen?

Das rechte Maß ist wichtig. Hochschulräte, in denen die Mehrheit der Räte aus der Wirtschaft kämen, wären unserer Ansicht nach unausgewogen.

Unter dem Strich: Hängen die Hochschulen am Tropf der Wirtschaft? Sind sie in Forschung und Lehre noch unabhängig?

Ich habe großes Vertrauen in die Vielzahl verantwortlich Forschender und Lehrender in Deutschland. Viele von ihnen sehen aber auch die zunehmende Gefahr einer Abhängigkeit in Forschung und Lehre. Einen Zustand, in dem Universitäten völlig am Tropf der Wirtschaft hängen, wollen wir unbedingt vermeiden. Wir haben das Portal auch gestartet, um einen besseren Überblick zu bekommen. In einem Jahr wissen wir hoffentlich mehr.

Jörg Steinbach, Präsident der TU Berlin, sagt in einem Interview: „In Zeiten der Globalisierung sind die Fragestellungen so komplex, dass Hochschulen ein Thema allein nicht mehr ,nachhaltig und systemisch‘ behandeln können.“ Mit anderen Worten: Kooperationen mit externen Partnern werden immer dringlicher. Können Sie das nachvollziehen?

Hochschulen können auch untereinander kooperieren. Insbesondere ist mehr interdisziplinäre Forschung notwendig. Dafür ist es wichtig, dass wissenschaftliche Karrieren nicht einseitig nur durch das Kriterium der Einwerbung von Drittmitteln befördert werden.

 

Von Wolfgang Schmitz

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