Recruiting Tag Blog 27.04.2016, 00:00 Uhr

Studie Karrieretrends 2016

Das Verständnis von Karriere hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Sie ist vielschichtig geworden und entspricht nicht mehr dem Bild vom sturen klettern auf der Karriereleiter nach oben wie noch in früheren Jahren.

Dr. Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis

Wofür steht Karriere heute und welche beruflichen Pläne haben die Deutschen für 2016? Der Kölner Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis hat rund 1.500 Angestellte aus ganz Deutschland in einer Online-Erhebung zu ihrer Zufriedenheit im Beruf sowie ihren persönlichen Karrierezielen befragt. Wir haben mit ihm über die teils überraschenden Ergebnisse seiner Studie gesprochen.

Herr Dr. Slaghuis, was war für Sie persönlich das überraschendste Ergebnis Ihrer Karrierestudie?

Die Deutschen sind mehrheitlich zufrieden mit ihrer beruflichen Entwicklung der letzten drei Jahre. Knapp drei Viertel der insgesamt 1.478 Teilnehmer der Online-Studie erklärte, sie seien zufrieden bis hoch zufrieden in ihrem aktuellen Job. Das war für mich wirklich ein sehr überraschendes Ergebnis, gerade vor dem Hintergrund der Burnout- und Work-Life-Balance-Debatten der letzten Jahre. Bei meiner Arbeit habe ich naturgemäß mit sehr vielen unzufriedenen Angestellten zu tun, daher interessierte mich die Stimmungslage in der Breite.

Der Blick in die Altersgruppen war für mich besonders interessant: Die Zufriedenheit ist bei jungen Menschen unter 30 Jahren mit 82% am höchsten ausgeprägt. Den größten Job-Frust verspüren die 40-49-Jährigen. Hier sagen nur 61%, dass sie mittel bis sehr zufrieden sind, 15% gaben an, dass sie völlig unzufrieden mit ihrer Karriere-Entwicklung sind. In der Altersgruppe über 50 Jahren steigt die Job-Zufriedenheit mit 73% wieder deutlich an, doch auch der Anteil der völlig Unzufriedenen bleibt in dieser Altersgruppe mit 14% auf hohem Niveau.

Ein weiteres für mich unerwartetes Ergebnis: Auffällig hoch ausgeprägt ist der Wunsch nach Sicherheit im Beruf besonders bei jungen Menschen unter 30 Jahren. Das scheint zunächst dem Bild der sogenannten Generation Y zu widersprechen, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Doch auch im Karriere-Coaching mit Absolventen und Berufseinsteigern erlebe ich, dass sie sich zwar mehr Flexibilität, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit im Beruf wünschen, doch hierfür von ihren Chefs auch feste Leitplanken benötigen, die ihnen Halt und Orientierung und damit Sicherheit in einem zunehmend durch Komplexität, Dynamik und Schnelligkeit geprägten Umfeld geben.

Wie erklären Sie sich die hohe Unzufriedenheit in der Lebensmitte?

Die meisten Klienten, die zu mir in die Karriereberatung kommen, sind genau in diesem Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Auch im Beruf durchleben viele Menschen so etwas wie eine Midlife-Crisis. Sie haben bis dahin etliche Jahre Berufserfahrung gesammelt und fragen sich mit Mitte bis Ende 40, was noch kommen wird. Gleichzeitig entsteht bei vielen Angestellten das Gefühl, dass das, was sie momentan tun, vielleicht gar nicht mehr dem entspricht, wofür sie heute wirklich brennen. Das erzeugt bei ihnen eine im wahrsten Sinne des Wortes unfassbare Unzufriedenheit. Sie fühlen sich falsch am Platz und bemerken, dass etwas nicht stimmt, können es aber oft selbst nicht sagen, wohin die Reise gehen soll. Hinzu kommt, dass sie daran glauben, mit über 50 den Job nicht mehr wechseln zu können. Getrieben von einer Art Torschlusspanik sind viele Berufstätige in diesem Alter auf der Suche nach neuer Orientierung und Klarheit, was das Richtige für Sie und die nächsten 15 Jahre ist. Oft geht es in dieser Karriere-Phase darum, wieder mehr Identifikation mit dem Beruf zu empfinden und dieses Ziel mit dem gefühlt letzten möglichen Jobwechsel bewusst anzugehen.

Ihre Studie zeigt, dass die Wechselbereitschaft aktuell hoch ist. Wie passt dies zur gleichzeitig hohen Zufriedenheit?

Ja, das stimmt. Die Zufriedenheit allein scheint heute nur noch wenige an ihren Arbeitgeber zu binden. Denn jeder Dritte Befragte gab an, in diesem Jahr seinen Arbeitgeber mit hoher Wahrscheinlichkeit wechseln zu wollen, jeder Fünfte scheint mit Plänen für den Schritt in die Selbständigkeit zu spielen. Meine Erklärung: Arbeitnehmer verbinden in Zeiten einer guten Arbeitsmarktlage mehr Chancen als Risiken mit einem Wechsel und möchten nicht nur ihren Lebenslauf optimieren, sondern sich vor allem weiter entwickeln. Hinzu kommt, dass die Identifikation mit dem eigenen Arbeitgeber in den letzten Jahren immer weiter gesunken ist, wie andere Studien belegen, und so das schlechte Gewissen, den langjährigen „Brötchengeber“ und die lieben Kollegen zu verlassen, immer geringer wird.

Eine hohe Wechselbereitschaft ist ein Zeichen von Flexibilität und Aktivität. Von der Ausbildung bis zur Rente bei einem Arbeitgeber auszuharren, wie es vielfach für die Generation unserer Eltern normal war, diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Das ist nicht nur eine Folge einer insgesamt komplexeren und dynamischen Arbeits- und Lebenswelt, sondern ich befürchte, die Unternehmen selbst sind auch nicht ganz unschuldig daran: Sie haben von Bewerbern und Mitarbeitern in den letzten Jahren immer mehr Flexibilität eingefordert, heute erfahren sie die Kehrseite flexibler Angestellter: Stoßen sie an die Grenzen der Weiterentwicklung, werden unzufrieden oder langweilen sich sogar im Job, dann zeigen sie ihrem Arbeitgeber für eine gute Karriereentwicklung auch deutlich schneller die kalte Schulter als früher.

Was heißt denn Karriere heute und gibt es Unterschiede zwischen den Generationen?

Das Verständnis von Karriere hat sich gewandelt: Selbstverwirklichung, Herausforderung und Anerkennung sind Begriffe, die 70 Prozent der Studienteilnehmer heute mit Karriere verbinden. Auf den letzten Plätzen rangieren Einfluss, Status und Wettbewerb. Das sture Klettern auf der Karriereleiter nach oben für mehr Macht und Einfluss ist vielen Mitarbeitern und Führungskräften heute nicht mehr wichtig. Sinn, Erfüllung und Zufriedenheit haben Geld und Status als Erfolgskriterien einer guten Karriere abgelöst.

Beim Blick in die Altersklassen steht die Selbstverwirklichung nicht immer auf dem obersten Platz. Jungen Menschen unter 30 Jahren ist die Anerkennung ihrer Leistungen am wichtigsten, Berufseinsteiger suchen die Bestätigung für ihr Können. Bei den 30 bis 40-Jährigen steht die Herausforderung oben. Denn nach den ersten Jahren im Beruf nimmt häufig die Routine zu, Neues lernen nimmt daher bei dieser Altersgruppe auch in den Studienergebnissen die Spitzenposition bei den Karriere-Zielen ein. Zwischen 40 und 50 Jahren geht es dann am stärksten um die Selbstverwirklichung, ab 50 Jahren dominiert wieder die Herausforderung.

Die meisten Klienten, die zu mir ins Karriere-Coaching kommen, sehnen sich wieder nach mehr Freude bei der Arbeit. Freude ist ein erlebtes Ergebnis. Um dies zu empfinden, ist vielen Angestellten und Führungskräften wichtig, in einem Umfeld zu arbeiten, das ihnen Freiräume im Denken und Handeln gewährt, wo Ergebnisse wichtiger als Präsenz sind und wo sie als Menschen wertgeschätzt werden.

Was bedeuten diese Karrieretrends für die Zukunft? Worauf müssen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber aus Ihrer Sicht einstellen?

Der Wunsch nach fachlicher, aber auch persönlicher Weiterentwicklung ist ein Trend, der sich aus meiner Sicht in den nächsten Jahren weiter fortsetzen wird. Selbstverwirklichung ist kein wirklich neues Ziel, doch die Möglichkeiten hierfür werden in der Arbeitswelt von morgen auch für die Breite der Angestellten immer realistischer.

Die hohe Wechselbereitschaft wird dabei anhalten, denn die Chancen der beruflichen Veränderung werden zunehmen. Damit wird auch das Thema Mitarbeiterbindung, insbesondere auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung sowie dem Mangel an Fachkräften in bestimmten Regionen und Branchen, an Bedeutung gewinnen und sollte aus meiner Perspektive noch viel stärker einen Platz in den HR-Strategien von Unternehmen einnehmen.

Die Sicht auf Karriere wird sich weiter wandeln. Flexibilität, Individualität und Selbstverantwortung sind Begriffe, die ich mit Arbeit und Karriere in Zukunft verbinde. Wie die Arbeitswelt werden auch Karrieren dynamischer und komplexer werden. Karriere wird immer weniger fremdbestimmtes Schema-F-Klettern sein, sondern mehr eine individuelle berufliche Entwicklung entsprechend der Lebensphasen sowie der persönlichen Werte und Ziele eines Menschen.

Vielen Dank für das Interview. Auf dem VDI nachrichten Recruiting Tag am 16. September in Darmstadt können Sie Dr. Bernd Slaghuis bei seinem Vortrag kennen lernen.

Dr. Bernd Slaghuis ist Systemischer Coach und Ökonom und arbeitet als Karriere- und Business-Coach in Köln. Er hat sich auf Karriereplanung und Neuorientierung sowie das Coaching von Führungskräften aus dem mittleren Management spezialisiert. Er hält Vorträge zu Bewerbung und Recruiting auf Augenhöhe, sein Blog „Perspektivwechsel“ zählt zu einem der meistgelesenen deutschen Karriere-Blogs. Interessierte können die ausführliche Dokumentation der Ergebnisse zur Studie „Karrieretrends 2016“ bei Dr. Bernd Slaghuis anfordern.

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