11.07.2008, 00:00 Uhr

Im Vorstellungsgespräch ins Schwarze treffen

Verkaufszeit im Vorstellungsgespräch effektiv nutzen.

Verkaufszeit im Vorstellungsgespräch effektiv nutzen.

Foto: panthermedia.net/ AndreyPopov

Manchmal ist es nur schwer nachvollziehbar, weshalb einige Ingenieure nach dem Studium sehr schnell eine Arbeitsstelle erhalten und andere monatelang warten müssen. Das liegt nicht nur an besseren Noten, dem großen Namen der Universität oder den Praktika bei besonders renommierten Unternehmen. Häufig gibt es kaum Unterschiede zwischen den Kandidaten. Gleiches gilt für den persönlichen Auftritt, die Unterschiede zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ bleiben häufig marginal. Woran liegt es dann? Erfahrungen aus dem Coaching zeigen, dass bei vergleichbaren Kandidaten, was Persönlichkeit, Qualifikationen etc. angeht, die fachliche Qualität der Antworten maßgeblich die Entscheidungen der Personaler beeinflusst. Dies gilt umso mehr für Positionen, die unmittelbar vom Fachwissen des Stelleninhabers abhängen und das ist eben bei vielen Ingenieurpositionen der Fall.

Einige Ingenieure nutzen die Zeit des Vorstellungsgespräches mehr, andere weniger, um fachlich zu glänzen. Erfolgreiche Ingenieure schaffen es in Vorstellungsgesprächen mit jeder oder zumindest fast jeder Antwort auch fachlich ins Schwarze zu treffen. Das beginnt bereits bei den einfachen Fragen zum Lebenslauf. Ein Kandidat betet mehr oder weniger unbeteiligt seinen Werdegang herunter. Mit der zu besetzenden Stelle „Projektingenieur Forschung und Entwicklung für den Hochfrequenzbereich“ haben seine Antworten wenig zu tun. Der Ingenieur trägt lediglich den Lebenslauf vor, unverändert zur schriftlichen Fassung in den Bewerbungsunterlagen. Das bringt keine Punkte. Die „Verkaufszeit“ im Gespräch ist verstrichen, die Interviewpartner erfahren nichts Neues. Ein anderer Ingenieur verfährt da sehr viel geschickter. In wenigen Worten kommt er bis zum Studium und legt dann los: „Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik waren meine Studienschwerpunkte. So beschäftigte ich mich im Rahmen des Faches CAD mit der Entwicklung eines rauscharmen Verstärkers.“ Er fährt fort: „Während meines Praxisprojektes sammelte ich erste Erfahrungen in der Pflege von außerordentlich großen Datenbanken.“

Das Interview geht über zu den „taktischen“ Fragen, die ja den Personalern besonders wichtig sind. Hier nur ein Beispiel: „Wie sieht es denn mit Ihrer Fähigkeit zur Teamarbeit aus?“ Weitschweifig erklärt der erste Kandidat anhand seiner Erfahrung in der Jungschararbeit die Vorteile der Teamarbeit. Gut gemeint, aber es geht auch besser. Der zweite Kandidat spricht über seine Projektarbeit an der Hochschule, bei der es um das Thema UMTS/GSM-Inhouse-Infrastruktur ging. Er schildert hier die Vorteile der Teamarbeit durch sich ergänzendes Fachwissen der einzelnen Kommilitonen, dass jeder vom anderen lernen konnte und er insbesondere sein Wissen in RFID entscheidend aufstocken konnte. Geschickt benutzt er hier also eine taktische Frage, um weiterhin sein Wissen anzubringen, ohne an der eigentlichen Frage vorbei zu antworten.

Nun folgt der Komplex der fachlichen Fragen. Hier gibt es nur graduelle Unterschiede. Aber auch hier scheint der zweite Kandidat kompetenter. Schon vor dem Gespräch setzt er sich hin und machte sich Gedanken, welches Fachwissen zur Position passt. Dadurch fallen ihm jetzt die Antworten leichter. Wirklich überlegen muss er nicht. Klar, dass er hier seine Diplomarbeit „verkauft“, bei der es um den Entwurf eines integrierten VCO ging und seine guten Kenntnisse in der mobilen Kommunikation unterbringt. Überall wo es die Fragen hergeben, nutzt der Kandidat die Einladung, um sein passendes Fachwissen ins Ziel zu bringen. Dem Fachvorgesetzten macht das Gespräch Spaß, da er an dieser und jener Stelle nachfassen kann. Er merkt schnell, dass es im Gespräch zur Sache geht und nicht nur leeres Stroh gedroschen wird. Die Kollegen aus der Personalabteilung haben möglicherweise nach dem Gespräch das Gefühl, dass ihnen der Kopf platzt, weil sie wahrscheinlich die vielen fachlichen Passagen nicht verstanden haben. Das ist aber nicht schlimm, denn dieser Zustand untermauert auch bei ihnen den Eindruck, dass dieser Kandidat fachlich auf jeden Fall etwas drauf hat, während der erste Kandidat in der Beurteilung doch merklich abfällt.

Fazit: Bei der Besetzung von Fachstellen sollten Ingenieure vermitteln, dass sie wirkliche Fachleute sind. Es schadet daher nicht, dass häufig taktisch geführte Vorstellungsgespräch auf eine rein fachliche Ebene zu ziehen und dann zu glänzen. Jede Frage der Gegenseite sollte genutzt werden, um fachlich brillante Antworten in die Runde zu werfen – ohne an den wirklichen Fragen vorbeizureden. Gerade bei Fragen zu Stärken und Schwächen, Erfolgen, Misserfolgen oder den Sozialkompetenzen kann besonders gepunktet werden, wenn es gelingt, die eigentlichen Antworten mit fachlichen Highlights zu garnieren. Dass ein derartig überzeugendes Vorstellungsgespräch natürlich nicht aus dem Hemdsärmel geschüttelt werden kann, versteht sich von selbst. Die Kandidaten müssen sich schon in der Vorbereitungsphase intensiv mit der Stellenausschreibung und ihren eigen Qualifikationen beschäftigen.

Von Bernd Andersch – Karrierecoach Düsseldorf

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