Fehlende Bewerbungspraxis schafft Probleme

Trotz fehlender Bewerbungspraxis Ruhe bewahren.

Trotz fehlender Bewerbungspraxis Ruhe bewahren.

Foto: panthermedia.net/Kzenon

Ingenieuren, die lange Zeit beim selben Arbeitgeber beschäftigt sind, fehlt naturgemäß die Bewerbungspraxis. Die letzten Bewerbungen liegen manchmal sieben, zehn oder noch mehr Jahre zurück. Häufig wird der Aufwand bei der Suche nach einer adäquaten Anschlussbeschäftigung von diesen Ingenieuren unterschätzt. Die Bewerbungsphase am Arbeitsmarkt kann unnötig lang werden und die notwendigen Lernprozesse viel Zeit kosten. Diese Zeit hat jedoch nicht jeder, der rasch dafür sorgen muss, eine Anschlussposition zu finden, weil das Beschäftigungsverhältnis (aus welchen Gründen auch immer) ausläuft. Was ist zu tun?

In der Regel sehen die Lebensläufe von Ingenieuren mit langen Verweilzeiten beim aktuellen Arbeitgeber recht ordentlich aus. Die schriftliche Bewerbung stellt daher erfahrungsgemäß nicht unbedingt die höchste Hürde dar. Das Studium des einen oder anderen Bewerbungsratgebers dürfte ausreichen, um hier den Kandidaten auf den neuesten Stand zu bringen. Doch was nützen viele Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, wenn sie nicht zum gewünschten Ergebnis führen?

Schon einfache Fragen zu Stellenwechseln, Aufgaben- und Projekterfahrungen können die Kandidaten alt aussehen lassen, weil sie hier nicht die richtigen Schwerpunkte in den Antworten setzen oder die entscheidenden Fakten schlicht und ergreifend nicht abrufbereit „im Kasten“ liegen haben. So wird im laufenden Vorstellungsgespräch von einigen Kandidaten der Lebenslauf seit Jahren erstmals wieder reflektiert. Lange muss über Gründe für Stellenwechsel nachgedacht werden. Die Antworten wirken holprig, unsicher, wenig überlegt und unlogisch. Häufig werden auch die verkehrten Prioritäten gesetzt. Was bringt es dem Produktmanager, wenn er in epischer Breite zur dreimaligen Umfirmierung seines Arbeitgebers mit den einhergehenden Umstrukturierungen, wechselnden Besitzverhältnissen usw. berichtet und den Interviewpartner somit in ein undurchdringliches Informationswirrwarr stellt. Was bringt es, wenn der Kandidat mit Begeisterung über seine längst vergangene Promotionszeit ausholt, während den Antworten kaum zu entnehmen ist, welche Projekte und Aufgaben er in letzter Zeit bei seinem Arbeitgeber bewältigt hat.

Ungeübt zeigen sich viele der Kandidaten, wenn es um die Beantwortung der beliebten taktischen Fragen geht. Da vergisst etwa der Projektmanager eines Automobilzulieferers als größten Erfolg die Gewinnung des Key Accounts Volkswagen anzusprechen. Statt langfristige Karrierepläne in der Forschung und Entwicklung eines Unternehmens darzustellen, spricht ein Bewerber um die Position eines Entwicklungsleiters über eine mögliche Karriere im Hochschulbereich. Sehr schwach geht es meist bei den abschließenden Fragen zu. Selbstverständlich muss der verheiratete Ingenieur, der sich 400 Kilometer von seinem Wohnort entfernt bewirbt und zwei Kinder im schulpflichtigen Alter hat, damit rechnen, dass entsprechende Fragen aufkommen: Wie steht Ihre Familie zu einem Umzug? Können die Kinder zum jetzigen Zeitpunkt (noch) sinnvoll die Schule wechseln? Wie sieht es mit dem Beschäftigungsverhältnis der Ehefrau aus? Hierzu müssen klare Antworten parat liegen, die Bedenken entkräften. Selbstverständlich muss man sich auch zum eigenen Marktwert Gedanken gemacht haben und darf nicht die Frage zum Gehalt an das Unternehmen zurückgeben.

Auch der Ingenieur, der im zweiten Gespräch bei einem namhaften Unternehmen der Lebensmittelindustrie als Produktionsleiter scheiterte, machte einiges verkehrt. Wenn dort etwa ein Geschäftsführer sitzt, der in Medien als „Papst im TPM“ tituliert wird, dann dürfte es selbstverständlich sein, dass im Vorfeld im Internet recherchiert wird, welche Thesen der Mann vertritt. Die Vorabrecherche im Internet zu hochkarätigen Gesprächspartnern gehört ohnehin zum täglichen Brot von Bewerbern! Die Alternative zum „Learning by doing“ stellt das gezielte Coaching zum Vorstellungsgespräch dar. Schon durch ein bis zwei Sitzungen kann erreicht werden, dass die Kandidaten im Vorstellungsgespräch glänzen und damit den Bewerbungsprozess wesentlich abkürzen können.

 

Von Bernd Andersch

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