Recht

„Wir sind doch nicht auf dem Basar…“

Seit Mittwoch sind Rabattgesetz und Zugabeverordnung Geschichte. Händler sind jetzt in ihrer Preisgestaltung freier und können mit kleinen Präsenten ihre Angebote ausschmücken. Die VDI nachrichten testen, ob jetzt echte Schnäppchen zu schlagen sind. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Genervt giftet uns die Verkäuferin im Supermarkt an. „Die Preise haben wir so in der Kasse, da können wir nix machen.“ Schwupp, schon rutscht die Schokolade über den Scanner und der zarte Versuch, deren Preis herunter zu handeln, wird vom Bing der Kasse jäh beendet. „Fünf Tafeln kosten 5,95 DM – Ende der Diskussion.“ Gut, dann eben ein anderer Weg: Statt der 63,66 DM für die Gesamtrechnung legen wir 60 DM auf das Laufband. „Watt? Hier hat noch niemand gehandelt“, stellt die Frau klar, ohne danach gefragt worden zu sein. Rabattgesetz hin oder her. „Bei uns wird sich nichts ändern, es sei denn der Chef will´s so.“ Nun müsse sie aber wieder arbeiten, schließlich wollten auch noch andere Leute zahlen. Deren bohrende Blicke fühlten sich schon die ganze Zeit nicht wirklich gut an, und einer murmelt tatsächlich: „Wir sind doch nicht auf dem Basar…“

Ok. Wir hatten nichts anderes erwartet. Die Preise der großen Handelsketten werden in Mühlheim, Köln oder Essen gemacht – und nicht vor Ort in München-Bogenhausen. Anders sieht es beim Mittelstand aus. Wir testen einen Bäcker im Stadtteil Haidhausen. Der Morgenansturm ist vorbei, die Luft ist rein, keine lästigen Beobachter beim Versuch zu handeln: „Sagen Sie, bekomme ich die zwei Croissants für 3 DM statt für 3,90 DM?“ Kaum gefragt, bricht ein Sturm der Entrüstung los: „Ja, da könnt ja jeder kommen! Sollen wir wohl alles runtersetzen? Das wäre ja noch schöner!“ Ob sie denn wisse, dass in den kommenden Tagen wohl mehr Kunden mit diesem unmoralischen Ansinnen kommen werden? „Nein! Und das ist mir auch egal. Nehmen Sie die Croissants jetzt oder sind Sie ihnen zu teuer?“ Und tschüss…

Wir peilen eine blau-weiße Zapfsäule an. Aber halt: Für die großen Tankstellen gilt preismäßig dasselbe wie für Lebensmittelketten. Wir fahren also zur freien Konkurrenz. „Ach, das Rabattgesetz“, die Frau an der Kasse schmunzelt, „da geht aber leider nichts.“ Wenigstens ist sie nett. Sie macht sich gar die Mühe, zu erklären, weshalb das aus ihrer Sicht so ist: Das Kartellamt achte scharf auf die Preise, der Staat sorge mit Steuern dafür, dass die Tankstellenbetreiber keinen Spielraum haben. „Überall können Sie handeln, nur bei uns nicht. Versuchen Sie es doch mal im Supermarkt.“

Nein danke, da waren wir schon. Im Süden der Republik drehen wir uns erfolglos im Kreis. Also ab in den Norden. Im Schaufenster eines Reisebüros in der Hamburger Dammtorstraße hängt ein verlockendes Angebot: Zwölf Tage Thailand, Hotel mit Halbpension und direkt am Strand, 1599 DM pro Person. Das Problem: Der Flug geht ab Frankfurt, der Zug dahin kostet 130 DM extra. Hmm… Muss das sein? Wir versuchen unser Glück. „Wie sieht’s aus? Gibt es das Ticket gratis dazu?“ Ungläubig wiederholt die Dame hinter dem Tresen langsam die letzten Worte. „…gratis dazu?“ Sekunden später hat sie sich gefangen. „Natürlich nicht! Unsere Provision liegt bei nur etwa 10 %. Auf die Reise legen wir sowieso schon drauf. Die Tickets gingen ja von unserer Provision ab.“ Ihre Prognose: „In Reisebüros wird es nie Zugaben geben.“

Enttäuscht ziehen wir weiter. Der Frucht- und Feinkostmarkt in der Karolinenstraße sieht aus, als würde er gerade seine zweite Rabattgesetz-Änderung miterleben. Die maßgefertigten Holzregale stehen mindestens schon seit den 30er Jahren hier. Auf ihnen stapeln sich Apfelsinen und Zartgemüse aus der Dose. Ein leckeres Angebot. Wir aber wollen Gummimäuse ­– fünf Stück zum Preis von dreien. Der Besitzer scheint unser Anliegen nicht verstanden zu haben: „Fünf weiße Mäuse für 30 Pfennige?“ Genau! „Warum?“ Na, weil doch das Rabattgesetz gefallen ist ­– und da müsste doch ein kleiner Preisnachlass drin sein. Mit Blick auf die andere Straßenseite erläutert er: „Der ,Spar“ macht das nicht, dann kann ich das auch nicht tun.“ Keine Kulanz bei klebrigen Gelatineklumpen? „Nein, nichts zu machen. Eine Dose mit 100 weißen Mäusen kostet mich schon fast 10 DM. Da bleibt mir doch so schon kaum was.“ Wir haben ein Einsehen und liebäugeln mit dem Aufschnitt in der Auslage. „Da könnte man mal drüber reden“, sagt er misstrauisch. „Aber auch nur sehr begrenzt.“ Na dann… Wir nehmen eine Cola. Zum Festpreis.

Erfrischt zieht es uns in einen Altonaer Fachmarkt für Unterhaltungselektronik. Im Schaufenster von „Tata Land 197“ stehen Musikanlagen zu günstigen Preisen. Ein Ghettoblaster für schlappe 129 DM. Ob da noch was geht? Die Augen der Verkäuferin blitzen auf. Sie fühlt sich herausgefordert. „125 Mark. Aber das ist das absolut letzte Angebot. Es sind nur noch zwei da.“ Überraschende Worte. Wie’s kommt? Es hätten schon einige Leute nach Rabatten gefragt und so habe ihr Bruder, der Besitzer von Tata Land 197, den Preis von 149 DM auf 129 DM gesenkt, um billiger als die großen Ketten zu sein. 125 DM sei aber die absolute Preisuntergrenze, sonst bliebe nichts übrig. Das ist ein Wort. Wie sieht es bei den anderen Artikeln aus? „Es ist schon alles sehr knapp kalkuliert, aber im Einzelnen kann man noch mal drüber reden.“ Wieder funkeln ihre Augen. „Wir kommen aus Sri Lanka, da gehört das zum Einkaufen dazu.“

Scheinbar müssen wir uns gen Osten orientieren. Aber muss es gleich Asien sein? Wir versuchen es in der Brandenburgischen Landeshauptstadt. Die Rolltreppe führt vom Bahnsteig direkt ins „Potsdam Center“. In der Filiale einer Elektronikkaufhauskette eröffnen wir die Schnäppchenjagd. Im Visier: einen Minidisc (MD)-Recorder für 497 DM. Der Hersteller zieht sich aus dem Kleingerätemarkt zurück, ein Auslaufmodell also. Da sollte doch was machbar sein. Ein junger Verkäufer im gelben Hemd erklärt bereitwillig die Vorzüge des Geräts und lobt auch noch die Marke. „Wie, die Firma gibt auf?“ Davon will er nichts wissen. „Das kann nicht sein. Im neuen Firmenkatalog gibt es ganz neu aufgelegte MD-Recorder.“ Gut, wenn er meint… Neue Taktik: Im Internet gebe es das gleiche Modell 50 DM billiger… Auch das lässt ihn kalt. Der Fall des Rabattgesetzes interessiert ihn schon überhaupt nicht. Schließlich lehnt er sogar Skonto bei Barzahlung ab. Er habe strikte Order, sich nicht auf feilschende Kunden einzulassen.

Eine halbe Stunde später am Platz der Einheit. Ein Regal voll Lego. Jedes zweite Set führt „Starwars“ im Titel. Ein Vater kommt mit seinem Sohn, zielsicher greift der Knirps einen dieser Kartons und so schnell sie kamen, sind sie wieder weg. Science-Fiction scheint hier der Renner zu sein. Ganz oben im Regal verstauben unterdessen Adventure-Baukästen. Wir wittern unsere Chance, greifen nach der Forschungsstation mit den Dinosauriern, giftigen Schlangen und Spinnen für 129,99 DM.

Auf in den Kampf, ran an die Kasse. Dem Verkäufer erzählen wir was von einer Tochter, die jetzt in das Lego-Alter komme und dass „Krieg der Sterne“ im Kinderzimmer doch eher bedenklich sei. Er stimmt mit nachdenklichem Blick zu. Über den Preis der wenig gefragten Forschungsstation will er aber nicht reden. „Das ist schon ein Supersonderaktionspreis. Aber wie alt ist denn ihre Tochter?“ – „Sieben.“ – „Na, dann mag sie doch sicher Seifenblasen.“ Ein Griff nach hinten, schon liegt das dunkelblaue Röhrchen mit dem gelben Bärchen auf dem Lego-Paket.

Wir haben Blut geleckt – und wollen mehr. Er merkt es und kommt uns abermals entgegen. Sein neues Angebot: 120 DM, die Seifenblasen inklusive. Später erklärt er, er habe uns als Neukunden gewinnen wollen. Bis zu 10 % könne er nachlassen, müsse das jedoch gegenüber der Geschäftsleitung begründen.

Szenenwechsel. Ein Autohaus, Neuwagen mit viel Chrom und edle Gebrauchte auf dem Hof. Der Verkäufer ist clever, geht uns nicht auf den Leim. Sofort merkt er, dass wir nicht wirklich ein Auto kaufen wollen. „Das ist keine Seltenheit“, berichtet er, „immer wieder kommen vermeintliche Kunden, die Feilschen zum Selbstzweck betreiben.“ Inzwischen reagiere er darauf allergisch. Deshalb rät er, über Preisnachlässe erst zu verhandeln, wenn der Kauf kurz vor Abschluss steht. Kunden, die zuerst nach Rabatt fragen, würden am Ende mehr zahlen. Schon aus Prinzip.

Für die VDI nachrichten gingen einkaufen:
Anja-Maria Meister, Insa Lienemann und Peter Trechow.

 

Rabattgesetz: Fall der alten Regelungen bringt neue Vorschriften auf den Plan

Die Freiheit ist nicht grenzenlos

Nach Ansicht von Wirtschaftsminister Werner Müller bringt die Abschaffung von Rabattgesetz und Zugabeverordnung mehr Freiheit bei der Preisgestaltung, mehr Wettbewerb und mehr Chancen für die Entwicklung innovativer Vertriebsformen und Marketinginstrumente. Vor allem jedoch werde dadurch eine Inländerdiskriminierung beseitigt. Die ergibt sich daraus, dass ausländische Wettbewerber beim Internethandel im Gegensatz zu deutschen Unternehmen nicht den restriktiven rechtlichen Rahmenbedingungen hier zu Lande unterliegen.

Dennoch hatte insbesondere der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) immer wieder erhebliche Einwände gegen einen ersatzlosen Wegfall der Regelungen vorgebracht. Er fürchtete, so beispielsweise Erich Vorwohlt, Präsident des Landesverbandes des Bayerischen Einzelhandels, dass insbesondere die ohnehin heftig unter Wettbewerbs- und Preisdruck leidenden mittelständischen Betriebe „in Zukunft neben dem Preiskampf einen zusätzlichen Wettstreit um die höchsten Rabatte und die wertvollsten Zugaben zu bestehen haben“.

Grenzenlos, beschwichtigt Müller, sei die neue Freiheit doch keineswegs. Nach wie vor gelten nämlich die allgemeinen Regeln des Wettbewerbsrechtes, insbesondere das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), die Preisangabenverordnung und das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen unverändert weiter.

Weit über dem Marktniveau liegende „Mondpreise“ beispielsweise, die dann werbewirksam wieder drastisch rabattiert werden, wären nach Einschätzung von Dr. Beate Ortlepp, Wettbewerbsspezialistin bei der IHK München auch künftig für Anbieter extrem gefährlich. Da nämlich greift § 3 UWG. Der stellt solches Verhalten ganz klar unter Strafe, falls der Unternehmer nicht eindeutig den Nachweis führen kann, dass er diese Preise tatsächlich über einen gewissen Zeitraum hinweg ernsthaft am Markt durchzusetzen versuchte.

Das UWG schränkt künftig auch allzu muntere Phantasien bei den Zugaben ein. Nach wie vor darf nämlich weder über den Wert der Zugabe getäuscht werden noch die Zugabe den Wert der Hauptware verschleiern. Sonst nämlich greift leicht der Verdacht der Irreführung.               REINHOLD MÜLLER

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer (m/w/d) mit Fokus Software im Embedded-System Lüneburg,Hannover,Hamburg
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baukonstruktion Oldenburg
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Medizintechnik und Regulatory Affairs Wilhelmshaven
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baubetrieb Oldenburg
Hochschule Aalen-Firmenlogo
Hochschule Aalen Stiftungsprofessur der Carl-Zeiss-Stiftung (W3) Digitale Methoden in der Produktion Aalen
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Konstruktion und Bauteilfestigkeit Saarbrücken
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Bio- und Umweltverfahrenstechnik Saarbrücken
Hochschule Offenburg-Firmenlogo
Hochschule Offenburg Professur (W3) für Medizintechnik Offenburg
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern W3-Professur für "Elektromobilität" (m/w/d) Kaiserslautern
Zur Jobbörse

Top 5 Arbeitsrec…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.