Arbeitsrecht

„Von der Ersatzbank in den Sturm“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 6. 06, has – Das Management will die Probleme bei Volkswagen mit einer deutlichen Absenkung der Arbeitskosten in den Griff bekommen. Die IG Metall wirft der Unternehmensleitung vor, Maßnahmen zur Erhöhung der Effizienz verschlafen zu haben.

Es gärt bei Europas größtem Automobilhersteller Volkswagen. Im vergangenen Jahr hat VW an den westdeutschen Standorten Verluste in dreistelliger Millionenhöhe eingefahren, so Markenvorstand Wolfgang Bernhard. Nur mit Hilfe anderer Standorte sei ein dünner Gewinn erwirtschaftet worden. 20 000 Arbeitsplätze stehen bei dem Autobauer auf der Kippe.

Volkswagen hat ein Kostenproblem, sagen die Manager und rechnen vor: Eine Arbeitsstunde bei VW in Westdeutschland koste 55 €, bei der heimischen Konkurrenz 40 € und bei den osteuropäischen Konkurrenten zwischen 5 € und 10 €, so Bernhard.

VW hat ein Management-Problem, kontert die IG Metall. Bezirksleiter Hartmut Meine kritisiert, dass Maßnahmen zur Effizienzsteigerung, z. B. durch eine innovative Arbeitsorganisation, gar nicht oder zu spät aufgegriffen wurden.

Mit einem Sanierungsprogramm soll VW wieder bessere Zahlen schreiben. Zwar wurde in den vergangenen Jahren durch das Projekt „For Motion“ schon kräftig gespart, doch das reicht nicht. Bei einem Sondierungsgespräch, das vergangene Woche ohne Ergebnis blieb, kündigte Personalvorstand Horst Neumann eine Produktivitätsoffensive an und verlangte die Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit von 28,8 Stunden auf 35 Stunden – zum gleichen Lohn. Die Arbeitskosten sollen auf das Niveau der Metallindustrie gedrückt werden.

Das Problem: Der Haustarif von VW liegt rund 20 % über dem Niveau des Flächentarifs für die Metallindustrie in Niedersachsen, zudem sind betriebsbedingte Kündigungen per Tarifvertrag bis 2011 ausgeschlossen.

Neumann will auch die Vielfalt der Tarifverträge beenden und einen einheitlichen Haustarif aushandeln. Die vielen Entlohnungsmodelle behinderten die Flexibilität, so der Manager, weil jeder befürchten müsse, sich bei einer Versetzung schlechter zu stellen.

Bei der IG Metall trifft die Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf Kritik. Gewerkschafts-Chef Hartmut Meine fragt, woher denn das Arbeitsvolumen kommen solle, um die westdeutschen Werke bei 35 Wochenstunden auszulasten? Die IG Metall befürchtet, dass durch eine Arbeitszeitverlängerung noch mehr Arbeitsplätze gefährdet sein könnten. Schon heute, so Meine, sei mit der Vier-Tage-Woche nicht genügend Arbeit für die Beschäftigten vorhanden. Analysten rechnen damit, dass mit der 35-Stunden-Woche nicht nur 20 000 Beschäftigte zu viel an Bord sein könnten, sondern 30 000.

Bestätigt fühlen dürfte sich Meine durch die Verkürzung der Arbeitszeit im Nutzfahrzeugwerk Hannover. Dort soll nach den Werksferien ein Großteil der 15 000 Beschäftigten vorübergehend statt 37,5 Stunden nur 30 Stunden in der Woche arbeiten. Zwar gilt auch in diesem Werk die 28,8-Stunden-Woche, doch wurde die Arbeitszeit auf Grund der hohen Auslastung bei der Produktion des Transporters LT erhöht. Weil die Produktion des Transporters ausläuft, soll die Arbeitszeit gesenkt werden.

Auf der Betriebsversammlung im Werk Wolfsburg am Donnerstag vergangener Woche warb Markenvorstand Bernhard für seinen Restrukturierungskurs. Das Werk Wolfsburg müsse „von der Ersatzbank in den Sturm“, feuert er die mehr als 18 000 Mitarbeiter an. Die 35-Stunden-Woche solle nur schrittweise eingeführt werden, wenn „auch tatsächlich genug Aufträge für die verlängerte Arbeitszeit vorliegen“.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hat jetzt gegenüber der „Zeit“ erklärt, dass die Belegschaft auch 35 Stunden in der Woche arbeiten würde, „wenn Aufträge da sind“. Ob die Mehrarbeit bezahlt wird, müsse verhandelt werden. Er wolle vom Vorstand aber auch wissen, wie das eingesparte Geld verwendet werden solle, damit VW langfristig überlebensfähig sei. Es dürfe nicht sein, dass beim Personal eingesparte Mittel in „eine verrückte Ingenieuridee fließen“.

Vom Management verlangt Osterloh, dass alle Kosten und nicht nur die Arbeitskosten unter die Lupe genommen werden. Arbeitskosten machten z. B. beim Golf nur 11 % aus. Das Management müsse sich auch um die restlichen 89 % kümmern. Der Golf, so Osterlohs vernichtende Kritik, sei so konstruiert, dass man ihn eigentlich nicht bauen könne.

Die VW-Manager werben nicht nur für ihren Kurs, sie setzen auch Druckmittel ein. Der neue Golf soll in Wolfsburg gebaut werden, „aber nur, wenn das Unternehmen nicht bei jedem verkauften Auto drauflegt“, so Bernhard. Derzeit buttert VW bei jedem Golf rund 1000 € hinzu.

Die Nachricht, dass der Nachfolger für das in den 70er Jahren beliebte Coupé Scirocco in Portugal und nicht in Wolfsburg gebaut wird, dürfte seine Wirkung nicht verfehlt haben. Osterloh sieht darin eine Provokation, denn das Werk Wolfsburg habe nie zur Debatte gestanden, sondern das Werk Mosel in Sachsen, das preislich mit dem in Portugal gleichauf gelegen habe.

Kostensenkungen erhofft sich VW auch von der stärkeren Einbindung seiner 19 wichtigsten Zulieferer. Mit diesen Firmen will der Autobauer intensiver zusammenarbeiten, kündigte Francisco Javier Garcia Sanz, Beschaffungsvorstand des Konzerns, Ende vergangener Woche an. Die Lieferanten sollen bei neuen Modellen Vorschläge unterbreiten, die auch den Produktionsprozess bei Volkswagen verändern können.

Diese Kooperation besteht aus drei Bausteinen: Beim ersten stehen Materialkosten im Mittelpunkt – seit Oktober 2005 wurde dadurch bereits eine dreistellige Millionensumme gespart -, beim zweiten geht es um die Qualität der Zulieferteile und beim dritten um Innovationen.

Unter Kostendruck steht der Kleinwagen Fox, der in Brasilien gebaut wird. Auf Grund des stark gestiegenen Kurses des brasilianischen Real sei der Wagen in Europa ein Zuschussgeschäft, meldete die Zeitschrift „Automobilwoche“. Bernhard prüfe daher, ob der Fox in Europa produziert werden könne. In die engere Wahl seien das Seat-Werk in Matorell (Spanien) und das VW-Werk in Bratislava (Slowakei) gekommen. Wegen der hohen Kosten habe VW-Chef Bernd Pischetsrieder diese Pläne jedoch vorerst auf Eis gelegt. Von VW gibt es dazu keinen Kommentar. ap/rtr/ddp/has

Von Ap/Rtr/Ddp/Hartmut Steiger

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