Arbeitsrecht

Viele Mittelständler wollen nur einen „Betriebsrat light“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 10. 11. 06, has- Deutsche Mittelständler sperren sich nicht gegen die Mitsprache der Beschäftigten, doch viele lehnen formelle Beteiligungsregelungen, auf die Arbeitnehmer einen Abspruch haben, ab. Zu diesem Ergebnis kommt der Kasseler Sozialforscher Wolfram Wassermann in einer Befragung unter Betrieben.

Wassermann: Nein, derart politisch zugespitzte Formulierungen trifft man bei Inhabern eher nicht. Aber das traditionelle patriarchalische Führungsverständnis der Mittelständler sieht eine zweite, rechtlich legitimierte und mit Macht ausgestattete Stimme im Betrieb nicht vor, weil die Inhaber sich als Alleinverantwortliche sehen, die alle wichtigen Fragen am besten selbst entscheiden können.

VDI nachrichten: Zum Mittelstand in Deutschland zählen rund 3 Mio. Betriebe. Lassen sich da überhaupt typische Einstellungen finden?

Wassermann: Verallgemeinerungen sind sicher problematisch. Dennoch haben wir bei Inhabern und Geschäftsführern in ihrem Verhältnis zu Mitbestimmung und Demokratie im Betrieb vier Typen unterschieden.

VDI nachrichten: Welche sind das?

Wassermann: Die erste Gruppe sind Mittelständler, die eine „kollegiale Führung“ praktizieren. Die zweite Gruppe sind die „aufgeklärten Patriarchen“. Die dritte Gruppe nenne ich die „gespaltenen Patriarchen“ und die vierte schließlich „traditionelle Patriarchen“.

VDI nachrichten: Wodurch unterscheiden die sich?

Wassermann: Mittelständler, die kollegial führen, suchen den Austausch mit der Belegschaft und wollen eine gemeinsame Problemlösung. Betriebsräte sind für sie kein Problem, sie versuchen sie auch in ihre Führungsstruktur einzubauen.

Die „aufgeklärten Patriarchen“ halten aufgrund ihrer Stellung als Eigentümer an der Letztentscheidung fest, suchen aber den Dialog mit den Beschäftigten und pflegen dort, wo es Betriebsräte gibt, mit ihnen ein schiedlich-friedliches Verhältnis.

Die „gespaltenen Patriarchen“ schwanken ständig zwischen Tradition, Alleinherrschaft und Modernisierungsanforderungen hin und her. Eine schwierige Gruppe, aber sie ist offenbar weit verbreitet.

Die „traditionellen Patriarchen“ sind häufig im Handwerk zu finden und halten an alten Führungsmustern fest. Nach diesem Verständnis ist ein Betriebsrat fast undenkbar, manch einer würde eher den Betrieb schließen, als einen Betriebsrat zuzulassen.

VDI nachrichten: Welche Schwierigkeiten haben die „gespaltenen Patriarchen“ mit ihrer Rolle?

Wassermann: Sie sehen sich in der Verantwortung gegenüber ihrer Familie und dem Betrieb, der für sie kein Job ist, sondern Schicksal. Alles was aus ihrer Sicht an unsachgemäßen oder riskanten Einflüssen in den Betrieb hineinspielen könnte, dazu gehört der Betriebsrat, vor allem, wenn er Kontakt zur Gewerkschaft pflegt und auf die Einhaltung tariflicher Normen drängt, wird in ihren Augen zu einem Gefährdungsmoment. Andererseits wissen sie, dass sie nicht mehr im 19. Jahrhundert leben und die Gesetze einhalten müssen. Dann kann es dazu kommen, dass ein Inhaber erklärt, er arbeite mit seinem Betriebsrat gut zusammen und wenig später meint, den Betriebsrat könne man schnell los werden, das sei nur eine Frage des Geldes. Hier zeigt sich der Januskopf des Mittelständlers.

VDI nachrichten: Wie sehen kollegial führende Unternehmer dieses Problem?

Wassermann: Dieser Typ kommt vor allem in kleinen Unternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten vor. Dort haben Inhaber oft das Talent der Menschenführung sie werden in ihrer Position als primus inter pares anerkannt. Dort werden auch Formen der Problemlösung gefunden, die sachdienlich sind, bei denen die Belegschaft mitzieht und bei denen sie keine List wittert. Auch die Beschäftigten selbst wollen hier oft keinen Betriebsrat solange sie den Eindruck haben, dass alles fair zugeht. Bei diesen Inhabern besteht so etwas wie eine „diffuse Angst“ vor einem Betriebsrat. Sie wünschen sich keinen, fühlten sich durch einen Betriebsrat aber auch nicht unter Konkurrenzdruck gesetzt.

VDI nachrichten: Wie sollte aus Sicht der Mittelständler Mitbestimmung im Betrieb aussehen?

Wassermann: Mittelständler, die lange Erfahrung mit einem Betriebsrat haben, wissen, dass der nur etwas Wert ist, wenn er eine starke Position hat und von der Belegschaft anerkannt wird. Andere Mittelständler wünschen sich schwache Betriebsräte. Da ein Betriebsrat mit Schulungen und eventuell Freistellungen viel Geld kostet, sei es besser, nur einen Sprecher zu haben. Die Idee eines „Betriebsrates light“ spukt schon in den Köpfen vieler Mittelständler: so wenig formelle Beteiligungsregeln wie möglich, auf die Beschäftigte einen Anspruch hätten.

VDI nachrichten: Haben Sie das bei allen Unternehmen beobachtet?

Wassermann: Das gilt vor allem für Unternehmen mit weniger als 200 Beschäftigten. In kleinen Betrieben gibt es eine nicht geringe Zahl von „Quasi-Betriebsräten“ als „runder Tisch“ oder andere informelle Einrichtungen, die von den Arbeitgebern selbst eingerichtet wurden. In ihnen haben die Arbeitnehmer keine Durchsetzungsrechte, können nicht vor Gericht gehen, keine Einigungsstelle anrufen und sind auch nicht demokratisch legitimiert. Diese Fälle zeigen aber zumindest, dass die Inhaber den Dialog mit der Belegschaft suchen.

VDI nachrichten: Gelten Betriebsräte als Blockierer?

Wassermann: Auf diese Einschätzung sind wir gestoßen. Häufig wird bemängelt, dass Betriebsräte ihr Recht auf Schulung auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten exzessiv nutzen würden, was unter Umständen an die Substanz gehen könnte. Doch es wird nicht wirklich gerechnet, wie viel der Betriebsrat kostet. Da geht es eher um eine „gefühlte Ökonomie“, die für den Inhaber wichtig ist. Allerdings muss man einräumen, dass Inhaber oft von vielen Seiten bedrängt werden: von Banken und Kunden, dann kommt auch noch der Betriebsrat mit seinen Ansprüchen. Ein Betriebsrat, der sich während der Arbeitszeit auf Kosten der Unternehmen bei der Gewerkschaft schulen lassen kann, ist für einen traditionellen Mittelständler ein Ärgernis.

VDI nachrichten: Haben Mittelständler gelernt, mit Betriebsräten umzugehen, z. B. in Krisensituationen?

Wassermann: Ja, aber das funktioniert nur auf Gegenseitigkeit. Betriebsräte ziehen z. B. ein Krisenmanagement nur durch, wenn sie im Gegenzug für die Beschäftigten was rausholen. So stimmen sie dem Verzicht auf Sonderzahlungen meist nur dann zu, wenn Beschäftigung gesichert wird oder die Zahlungen später nachgeholt werden. Der Geschäftsführer eines Unternehmens mit 60 Beschäftigten erzählte uns, dass sie zum ersten Mal seit 20 Jahren Kurzarbeit anmelden mussten. Das war für dieses Unternehmen eine schwierige Situation, die ohne Betriebsrat nicht gemeistert worden wäre. Der Geschäftsführer hat gelernt: Wenn ich die Arbeitnehmervertretung frühzeitig und gut informiere, dann bekomme ich was von ihr. Da hat sich offensichtlich eine Krisenpartnerschaft entwickelt. Schwierig ist es jedoch, wenn Inhaber oder Geschäftsführer jahrelang auf Distanz zum Betriebsrat gegangen sind, ihn dann plötzlich als Krisenmanager entdecken wollen.

VDI nachrichten: Was erwarten Unternehmer von Betriebsräten?

Wassermann: Sie meinen, er solle nicht alle seine Rechte bis zum Äußersten ausschöpfen, sie erwarten einen verständigen Betriebsrat, der einsieht, dass man die Kuh nicht schlachten kann, die man melken will. Beide sollen Verständnis für die jeweils andere Seite haben. Aber es gibt auch Fälle, in der sie wie Kampfhähne aufeinander treffen und monatelange, höchst schwierige Auseinandersetzungen folgen. HARTMUT STEIGER

Von Hartmut Steiger

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