Arbeitsrecht

Versteckte Kritik an deutscher Lohnpolitik  

Frauen werden EU-weit bei der Entlohnung benachteiligt. Besonders groß sind die Unterschiede in Deutschland. EU-Kommissar Vladimir Spidla fordert Frauen auf, in Männerberufe zu gehen – doch dann sinken dort die Löhne.

Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen in der EU hat sich nicht verringert. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht der EU-Kommission. Im Durchschnitt verdienen Frauen EU-weit 15 % weniger als Männer. In Deutschland beträgt die Entgeltdifferenz, bezogen auf den Stundenlohn, sogar 22 %. Damit sei nur noch in Zypern, Estland und der Slowakei der Lohnabstand zwischen den Geschlechtern größer als in der Bundesrepublik.

Für diese Differenz sind nach Ansicht Vladimir Spidlas, EU-Kommissar für Soziale Angelegenheiten, mehrere Ursachen verantwortlich: Frauen haben häufiger Teilzeitstellen als Männer. Und Teilzeitarbeit wird schlechter bezahlt als Vollzeitarbeit. Außerdem seien Frauen in Branchen mit niedrigem Lohnniveau stark vertreten.

Bei den unter 30-Jährigen beträgt das geschlechtsspezifische Lohngefälle EU-weit 7 %, bei den 50-bis 59-Jährigen aber 30 %. Groß ist der Unterschied auch bei Akademikern: hier verdienen Frauen im Schnitt 30 % weniger als Männer, bei mittleren Qualifikationen beträgt die Differenz 13 %. Qualifikationen und Erfahrungen von Frauen, so Spidlas Schlussfolgerung, seien weniger wert als die von Männern und würden nicht voll ausgeschöpft. Dieses Lohngefälle sei auch „absurd“, weil Mädchen in den Schulen bessere Ergebnisse erzielen würden und rund 60 % der Hochschulabsolventen EU-weit Frauen seien.

Frauen fallen auch deswegen bei der Entlohnung zurück, weil sie die Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung unterbrechen. Besonders lange dauert diese Pause in Deutschland. US-Amerikanerinnen unterbrechen ihre Berufstätigkeit dagegen nur kurz, wie eine Untersuchung der Ökonomen Ronald Schettkat von der Bergischen Universität Wuppertal und Richard Freeman von der Harvard University zeigt.

Mütter in den USA könnten sich nach Auffassung von Schettkat diese kurze Pause für die Kindererziehung leisten, weil die Kinderbetreuung kein Problem sei. Dabei verstärken sich Angebot und Nachfrage: Je besser das Angebot an Kindergärten, umso leichter falle die Erwerbstätigkeit je selbstverständlicher die Erwerbstätigkeit, umso besser das Betreuungsangebot. Gute Kinderbetreuung wirke sich auch positiv auf die Geburten aus. Länder mit geringer Frauenerwerbstätigkeit hätten, wie die Studie von Schettkat und Freeman zeigt, auch eine niedrigere Geburtenrate.

Wie lässt sich das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen reduzieren? Spidla erwägt die Einführung eines generellen Vaterschaftsurlaubs, um die ungleiche Verteilung der Pflichten in der Familie abzubauen. Unternehmen sollten auf ihre soziale Verantwortung angesprochen werden, sie würden von mehr Lohngleichheit auch profitieren. Spidla ermuntert Frauen, sich nicht mehr nur auf bestimmte Berufe zu beschränken und auch in Männerdomänen einzudringen, z. B. in technische Berufe.

Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern, die auf Marktbedingungen zurückzuführen sind, sollten nach Auffassung von Spidla aber nicht in Frage gestellt werden. Faktoren wie Branche, Unternehmensgröße, Erfahrung und Qualifikation der Beschäftigten würden Lohnunterschiede rechtfertigen. Aber sie allein könnten die Differenzen, die sich über viele Jahre bei der Entlohnung von Frauen und Männern aufgebaut haben, nicht erklären. Und nur gegen geschlechtsspezifische Unterschiede richtet sich die Kritik der Kommission.

Wer glaubt, dass die Löhne steigen, wenn Frauen ihre traditionellen schlechter bezahlten Berufe verlassen und in besser bezahlte Männerberufe eindringen, täuscht sich. Komme es in einem von Männern beherrschten Sektor zu einer „Feminisierung, dann gehen die Löhne runter“, beobachtete Spidla und nennt als Beispiel den Journalismus. Dennoch klingt nach Auffassung von Thorsten Schulten, Tariffachmann beim gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in Düsseldorf, in der Kritik am Lohngefälle zwischen Männern und Frauen einen anderer Ton an. In der Lohndebatte würde von der EU-Kommission jetzt nicht mehr die Forderung nach Deregulierung und Flexibilisierung in den Mittelpunkt gestellt, sondern Gleichheit und Gerechtigkeit. Diese Maßstäbe ließen sich auch auf Leiharbeit übertragen, bei der es zum Teil erhebliche Lohnunterschiede zwischen Stammbelegschaften und Leihkräften gebe.

Mit dem Bericht der EU-Kommission werde, so der Eindruck von Schulten, der Lohnpolitik der vergangenen Jahre in Deutschland indirekt ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die zunehmenden Teilzeitstellen, Minijobs und schlecht bezahlten Vollzeitstellen würden vor allem von Frauen besetzt, zum Teil auch von hoch qualifizierten. Dadurch seien geschlechtsbedingte Entgeltdifferenzen noch verstärkt worden. Ein Mindestlohn könnte nach Überzeugung von Schulten diese Unterschiede abbauen. In Großbritannien habe der Mindestlohn mehr zur Verringerung der Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern beigetragen als alle Kampagnen für gleiche Bezahlung. HARTMUT STEIGER

Frauen sind besser ausgebildet, aber schlechter bezahlt als Männer

Von Hartmut Steiger

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