Arbeitsrecht

. . . und das alles ohne Vergnügen fürs Volk

Auch bei Abfindungen eifern deutsche Manager ihren amerikanischen Vorbildern nach. Vertragsabschlüsse, die im Falle des vorzeitigen Ausscheidens üppige Ruhegeldzahlungen vereinbaren, werden immer mehr zur lieben Gewohnheit.

Als Kuschelkapitalismus wird der Kapitalismus deutscher Machart oft karikiert und als Auslaufmodell abgeschrieben. So richtig zum Kuscheln wird es vor allem in den oberen Etagen großer Unternehmen. Auf jeden Fall dann, wenn das Beispiel der 60-Mio.-DM-Abfindung an den scheidenden Mannesmann-Chef Klaus Esser Schule macht. Und genau das erwarten Experten. Denn für Trendsetter USA gilt, dass die höchsten Gehaltsgebote für Manager umgehend Standard werden, behauptet Robert Frank, Wirtschaftswissenschaftler an der Cornell University, in seinem Buch „The Winner Take-All Society“. Wenn BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel anregt, Essers Abfindung im Lichte der hohen Sportler-Gagen zu betrachten, übersieht er diesen Effekt.
Tatsächlich überholt das Geschäft mit den Abfindungen die Verschiebegeschäfte mit Sportlern. Bereits heute bieten mehr als vier Fünftel der wichtigsten Firmen in den USA ihren Top-Managern vertraglich eine Abfindungszusage für den Fall eines Firmen-Verkaufs oder einer vorzeitigen Entlassung. Neuerdings sollen auch amerikanische Manager auf unteren Führungsebenen vom „Fallschirm-System“ profitieren. Pfiffige Chefs schaukeln sich in den USA ohnehin bereits von einem goldenen Handschlag zum anderen hoch. Etwa Frank Biondi jr., der 1996 von Viacom 30 Mio. DM (15 Mio. Dollar) beim Rausschmiss kassierte, drei Jahre später von Seagram“s gleich 60 Mio. DM (30 Mio. Dollar). Und alles ohne Vergnügen fürs sportbegeisterte Volk.
Oder Vodafone: Der Konzern hat nicht nur Esser den Abschied vergoldet. Im letzten Jahr kassierte Sam Ginn, Chef der US-AirTouch Communications, Aktien und Aktienoptionen von rund 200 Mio. DM (über 100 Mio. Dollar), als Vodafone das Unternehmen kampflos kaufte. Auch Orange-Chef Hans Snook verdient mit an der Vodafone-Aktion – aufgrund eines Deals vom Oktober letzten Jahres mit dem Orange-Käufer Mannesmann. Und demnächst, so streute Vodafone-Boss Chris Gent über die FAZ, werde wohl auch der Mannesmann-Aufsichtsratsvorsitzende Joachim Funk zurücktreten.
Die Mannesmann-Übernahme ist zwar die größte in der bisherigen Wirtschaftsgeschichte trotzdem erscheint das Abschiedsgeschenk für Esser hierzulande spektakulär, weil es außerhalb deutscher Denksphären liegt. BMW-Chef Bernd Pischetsrieder erhielt im letzten Jahr „nur“ 15 Mio. DM, Helmut Werner von Mercedes 8 Mio. DM und Kajo Neukirchen von Hoesch mickrige 6,5 Mio. DM. Doch bereits in wenigen Wochen werden die Deutschen wohl amerikanische Dimensionen kennen lernen. Dann soll Robert Eaton, Co-Chairman von DaimlerChrysler, kassieren: Gehandelt werden Summen bis zu 270 Mio. DM als Gehaltszahlung bis 2001 und in Form von Aktien und Optionen.
Weniger Aufmerksamkeit hierzulande erregten die 200 Mio. DM (100 Mio. Dollar), die dem kooperationsfreudigen Frank Newman, Chef von Bankers Trust, im letzten Jahr den Abschied versüßten, als die Deutsche Bank das Unternehmen widerstandslos eroberte. Schließlich weiß man, dass in den USA auch die Manager-Gehälter die hier üblichen bei weitem übersteigen. Dreistellige Millionensummen sind keine Seltenheit. 2000 Mal so viel wie ein durchschnittlicher amerikanischer Arbeitnehmer sollen die US-Führungskräfte verdienen, deutsche Manager lediglich 25 Mal so viel wie der „Normalbürger“. In den 90er Jahren ereignete sich das US-Wunder, als sich die Spitzeneinkommen mehr als vervierfachten und parallel dazu die Abfindungsspirale anheizten.
Als Besoldungs-Avantgarde fungieren auf beiden Seiten des Atlantiks die Unterhaltungs- und IT-Branchen. Doch während CBS-Chef Mel Karmazin fast eine halbe Mrd. DM jährlich verdient und Disney-Boss Michael Eisner sogar die Milliarden-Grenze erreicht, bleiben deutsche Vorstände auch international agierender Konzerne wie Bertelsmann vergleichsweise bescheiden. Nur Mobilcom soll seinem Top-Manager Gerhard Schmid einen zweistelligen Millionenbetrag überweisen, knapp über 10 Mio. DM.
„Wir haben eine andere Kultur“, resümiert Arnulf Tänzer, Partner der Kienbaum Management Consultants. „In den USA orientiert man sich nicht nur am erwirtschafteten Gewinn, sondern sehr stark an der Kapitalrendite, was durch Beteiligungssysteme gefördert wird.“ Stock Options (Aktienoptionen) bilden oft Teil des Manager-Einkommens, das dadurch an den Unternehmenswert gebunden wird. Diese Schicksalsgemeinschaft zwischen Mitarbeiter und Firma könnte sich Tänzer auch für Nicht-Führungskräfte vorstellen. Das erhöhe schnelle und marktgerechte Reaktionen der Firmen. „Wenn es dadurch den Unternehmen gut geht, werden auch die Mitarbeiter weiter unten kräftig mitverdienen.“ Doch bis zum Deal der Deutschen Bank in den USA waren wertorientierte Vergütungen wie Stock Options hierzulande problematisch, erinnert Tänzer.
Seitdem das System in Deutschland möglich ist, werden auch Abfindungen nach US-Vorbild wahrscheinlicher. Bereits bei Esser spielte die Fortschreibung des 1,4 Mio. DM hohen Jahresgehalts bis Vertragsende im Juni 2004 die kleinste Rolle – insgesamt 4,9 Mio. DM. Gutes Geld brachten Prämien von 31,3 Mio. DM und ein komplexes Bonus-System von 23,8 Mio. DM. „In vielen Fällen legen auch deutsche Firmen – selbst mittlere und kleinere Aktiengesellschaften – bei Vertragsabschluss schon Zahlungen fest, die im Fall eines vorzeitigen Ausscheidens oder als Ruhegeld fällig werden“, weiß Tänzer. Häufige Richtlinie: ein Drittel der Vertragssumme. Künftig werden wohl auch Aktienpakete und -optionen zum goldenen Handschlag gehören. Das allerdings kann sich als Flop erweisen, wenn die Aktien in den Keller rutschen. Also, so die Rechnung, werden die Manager den Kurswert um jeden Preis hochzuhalten versuchen – zum eigenen und zu aller Nutzen.
Wie man den Wert aufmöbelt, demonstrieren seit einiger Zeit nicht nur junge Software-Firmen mit ihren „Phantom Stocks“. Auch Fusionsverhandlungen steigern den Börsenwert der beteiligten Unternehmen oft gigantisch, wovon Aktionäre und Abfindungskandidaten gleichermaßen profitieren. Esser hat für den Mannesmann-Wertzuwachs von knapp 200 Mrd. DM wenigstens noch eine Schlacht geschlagen. Vertraglich festgelegte Rückzugsgelder lassen Fusionen in den USA zwar glatter über die Bühne laufen. Transparenter machen sie den Handel allerdings nicht.
Mittlerweile belebt eine weitere Variante das Abfindungsgeschäft in den USA. Vorstände langen gleich zwei Mal zu: Sie legen ihr Amt gegen Entschädigung nieder und werden als Berater weiter beschäftigt. „Hier treffen sich Religion und Metaphysik“, kommentiert ein amerikanischer Personalchef die lukrative Schnittstelle zwischen Kassieren und Verdienen. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Top-Manager Klaus Esser ist der 60-Mio.-DM-Mann.
Dreh“ dich nicht um: Mit einem Koffer voll Geld fällt der Abschied leicht.

Von Dm.

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