Arbeitsrecht

Streß zwischen Volks- und Kinderwagen

die Vier-Tage-Woche bei VW. Doch die Flexibilität hat ihren Preis: Mehr Ehescheidungen und Belastungen des Familienlebens.

In der Provinz sollte die Welt noch in Ordnung sein – weit gefehlt. Nach Einführung der Vier-Tage-Woche bei VW Ende 1994 ist die Zahl der Ehescheidungen in Wolfsburg um bis zu 56 % in die Höhe geschnellt, stellen zwei angehende Ökonomen von der Universität Lüneburg im Rahmen einer Untersuchung zu den „Auswirkungen des Lean Managements auf das Familienleben“ fest.
Ehe- und Familienberater kirchlicher Träger in Wolfsburg, mit denen sich die Lüneburger Forscher in Verbindung setzten, bestätigten, daß die Zahl der Beratungsgespräche in Wolfsburg deutlich über dem Durchschnitt in anderen Teilen Niedersachsens liege. Die Lüneburger Ökonomen halten es deshalb für „sehr wahrscheinlich“, daß es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Arbeitszeitverkürzung und Ehekrise gibt. Ihre Hypothese: „Durch Arbeitszeitverkürzung mußten der Lebensstandard der Familien, ihre Konsumgewohnheiten und ihr Freizeitverhalten neu strukturiert werden.“ Finanzielle Einbußen als Folge der Arbeitszeitverkürzung, verbunden mit den laufenden Ausgaben für den Lebensunterhalt, für Miete und Auto, bergen Konfliktpotential bis hin zur Ehekrise.
Zu völlig anderen Ergebnissen gelangen jedoch Sozialwissenschaftler von der Universität Hannover: „Die verläßliche und kontinuierliche Vier-Tage-Woche hat in allen Familien zu einer Entspannung des Familienklimas geführt“, heißt es im Abschlußbericht der von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung „Zwischen Volks- und Kinderwagen“, die demnächst als Buch erscheint.
Wie lassen sich diese widersprüchlichen Ergebnisse erklären? Eine Vorstudie der hannoverschen Wissenschaftler hatte bereits gezeigt, daß eine tatsächliche Arbeitszeitverkürzung nie für alle Beschäftigten galt: „Die tatsächliche Vier-Tage-Woche stellt nur ein Umsetzungsmodell von vielen dar und wurde lediglich am Standort Emden kollektiv über einen längeren Zeitraum beibehalten.“ An allen anderen Standorten gelten insgesamt zwölf Arbeitszeitmodelle mit etwa 150 Abstufungen, so daß die tatsächliche Arbeitszeit von Anfang an „teilweise deutlich über 28,8 Stunden“ lag.
Das hannoversche Forscherteam, unter Leitung des Soziologen Karsten Reinecke, verglich deshalb die Umsetzung der „verläßlichen Verkürzung der Arbeitszeit“ in Emden mit flexiblen Modellen der 28,8-Stunden-Woche an den Standorten Salzgitter und Hannover.
Zwar hätten sich in Emden die vorwiegend jungen Familienväter zunächst daran gewöhnen müssen, mit weniger Geld und mehr Freizeit klarzukommen, aber zunehmend hätten sie auch die Vorzüge des neuen Zeitwohlstandes kennen und schätzen gelernt, berichten die Wissenschaftler: „Unabhängig von möglichen Nachteilen bewerten alle Männer die verkürzte Arbeitszeit als spürbare Entlastung von den Anstrengungen der Schichtarbeit.“
Sie empfänden sich als ausgeglichener und offener gegenüber ihrer Familie.
Auch die Frauen sehen positive Effekte. Das gemeinsame Familienleben erlebten sie, im Vergleich zur Fünf-Tage-Woche, wesentlich streßfreier, so die Wissenschaftler. Auch die Verbindung von Familienleben und Schichtarbeit falle allen Paaren deutlich leichter.
In hohem Maße unzufrieden, mit häufig wechselnden und kaum kalkulierbaren Arbeitszeiten zeigten sich dagegen die befragten VW-Arbeiter in Hannover und Salzgitter. Ebenso wie in Wolfsburg, sei Mehrarbeit im Rahmen der flexiblen Volkswagenwoche an diesen Standorten eher die Regel als die Ausnahme.
Folglich sei die Arbeitszeitverkürzung für die Betroffenen kaum spürbar gewesen: „Kurzfristige Ankündigungen von Mehrarbeit machen jegliche Planungen im Privaten oftmals zunichte und schmälern die Akzeptanz der 28,8-Stunden-Woche“, stellen die Wissenschaftler fest.
Die befragten Paare plädierten daher für eine stärkere Beteiligung an der Arbeitszeitorganisation und forderten ein höheres Maß an Verläßlichkeit.
Dabei erklärten sie sich grundsätzlich zu gelegentlicher Mehrarbeit bereit – etwa zur Bewältigung von aktuellen Auftragsspitzen. Auch der Wiedereinschluß des Freitags in den Produktionsrhythmus schaffe keinerlei Probleme, beobachten die Autoren der Studie. Im Gegenteil: „Hohe Verkaufszahlen für ein neues Fahrzeugmodell bedeuten eine Stärkung der Marktposition des Konzerns und werden als Erhöhung der Arbeitsplatzsicherheit wahrgenommen.“
Kürzere Arbeitszeiten brachten größere Belastungen Dieser Schulterschluß mit den Unternehmen nehme jedoch spürbar ab, wenn Mehrarbeit, wie spätestens seit 1998 in fast allen Werken üblich, auch das Wochenende einbeziehe und zum Dauerzustand werde: „Bei allen Paaren belastet die Mehrarbeit das Familienklima.“ Die Folge: Die Ehepartner fielen wieder in die alte Rollenaufteilung zurück, Männer könnten sich nicht mehr im gleichen Umfang wie früher an der Hausarbeit beteiligen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Umfrage des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts Emnid bei mehr als 1000 Beschäftigten im Auftrag des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Danach möchten lediglich 19 % der Vollzeitarbeitnehmer und etwa ein Drittel aller Befragten weniger als 35 Stunden pro Woche arbeiten. Arbeitnehmer, die in letzter Zeit Erfahrungen mit tariflich verordneten Arbeitszeitverkürzungen gemacht hatten, klagten mehrheitlich über Streß am Arbeitsplatz, heißt es in der Studie: „Fast 53 % der Befragten berichten, daß sich für sie wegen der Arbeitszeitverkürzung der Arbeitsdruck erhöht hat.“
Vor allem Arbeitnehmer in Westdeutschland, wo die tarifliche Arbeitszeit stärker reduziert wurde als im Osten, sowie Gewerkschaftsmitglieder und Arbeitnehmer ab 40 Jahren klagen über Mehrbelastung im Job. Für mehr als die Hälfte der Befragten habe die Arbeitszeitverkürzung zu zusätzlichen Überstunden geführt, so die Emnid-Befragung.
Die Hoffnung auf einen Zuwachs an Arbeitsplätzen durch Arbeitszeitverkürzung wird durch diese Untersuchungen nicht genährt.
Kurzfristig anberaumte Überstunden und Arbeitsverdichtung scheinen eher die Norm zu sein. Kein Wunder, denn im Tausch gegen kürzere Arbeitszeiten mußten die Gewerkschaften den Arbeitgebern mehr Flexibilität einräumen.
D. SOBULL

Von D. Sobull
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