Recht

Spielregeln für die virtualisierte Wissenschaft  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 7. 06, jdb – Eine Studie zu „Märkten der virtualisierten Wissenschaft“ von Rand Europa fordert die Regierung auf, Bedingungen für die Veröffentlichung von Ergebnissen von Forschungen, die mit öffentlichen Geldern finanziert wurden, zu klären. Damit mischt sie sich in die aktuelle Dikussion um das Urheberrecht ein.

Der Bundestag beschäftigt sich zurzeit mit der Novelle des Urheberrechts. Neben der Geräteindustrie kritisieren vor allem Forscher- und Nutzervertretungen die geplanten Änderungen. So befürchtet etwa die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, dass das neue Recht „die Kooperation von Wissenschaftlern über die Datennetze erheblich erschwert, die wissenschaftliche Erforschung insbesondere audiovisueller Dokumente massiv behindert und die schon in der letzten Zeit dramatisch gestiegenen Kosten für die Bereitstellung und Nutzung digitaler Informationsmaterialien für Bildung und Wissenschaft erheblich steigen werden“.

Die jetzt veröffentlichte Studie von Rand Europa, „Markets of Virtual Science“, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellt wurde, stellt einige neue Ansatzpunkte für die Urheberrechtsdebatte vor. Die Studie untersucht, welche ökonomische und politische Folgen die Virtualisierung der Wissenschaft haben könnte. Für das Wachstum der virtuellen Wissenschaft sei der Schutz des geistigen Eigentums die ausschlaggebende Hürde. Open Access als alternative Form des Wissenszugangs und der wissenschaftlichen Produktion werde an Bedeutung gewinnen.

Die Autoren der Rand-Studie sehen aber eindeutig die Regierung in der Pflicht, wenn es darum geht, Ergebnisse von Forschungen, die mit öffentlichen Geldern finanziert wurden, allgemein verfügbar zu machen. Sie müsse entweder die Bedingungen mit wissenschaftlichen Verlagen aushandeln oder von den Wissenschaftlern fordern, ihre Arbeit auch in frei zugänglichen Zeitschriften zu veröffentlichen. Bislang hat sich aber besonders das Bundesforschungsministerium in dieser Frage zurückgehalten.

Die Studie kritisiert zudem, dass die Kostenstruktur von Wissenschaft und ihrer Infrastruktur bislang intransparent sei. Auch seien die derzeit praktizierten Geschäftsmodelle für wissenschaftliche Dienstleistungen nicht dauerhaft tragfähig und entsprächen nicht den realen Gegebenheiten. Deshalb müssten die Produktionskosten bei virtuellen wissenschaftlichen Kooperationen und die Kosten von wissenschaftlicher Publikationen neu bewertet werden.

Als Maßnahme empfiehlt die Studie der Regierung bei der Finanzierung öffentlicher Forschung ein gesondertes Budget für die Kosten von Veröffentlichungen auszuweisen. Basierend auf Informationen des Wissenschaftsverlags Elsevier geht sie davon aus, dass die Forschungsbudgets durchschnittlich um einen Prozentpunkt angehoben werden müssten.

Weitere Empfehlungen für eine nachhaltige Virtualisierung der Wissenschaft betreffen aber auch Themen jenseits der Urheberrechtsdebatte. So könne das Ministerium etwa auch Unterstützung bieten, um die Patentanmeldung zu erleichtern, ebenso wie eine Anleitung, die die Wissenschaftler durch den Anmeldungsprozess führt und sie mit Partnern aus der Industrie in Kontakt bringt.

Die Rand-Experten empfehlen: „Ziel der Forschungspolitik sollte es sein, die sinnvollen Auswirkungen der Virtualisierung zu fördern.“ So sollen Kosten auch im öffentlichen Bereich gesondert offen gelegt werden und Kostendeckungsgeschäftsmodelle für bestimmte Dienstleistungen eingeführt werden. Zudem sollen öffentliche Finanzierungsmechanismen sicherstellen, dass die Vertragsforschung für die Industrie nicht die „von der Neugier angetriebene“ Grundlagenforschung verdrängt.

Skeptisch zeigt sich die Rand-Studie angesichts der Hoffnung, der Markt könne ein digitales Netzwerk der nächsten Generation bieten, das dasselbe Maß an Zugriff und Kapazität für alle Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland bereitstellen wird: „Wenn die Entwicklung ausschließlich dem Markt überlassen bleibt, können die Kosten für Aufbau und Zugriff verhindernd wirken, und sei es nur deswegen, weil die Infrastruktur nicht genutzt würde, um Erträge zu erzielen und damit einen Teil der Kosten zu decken.“ Es liege aber im öffentlichen Interesse, ein dichtes wissenschaftliches Netzwerk zu schaffen, das Wissenschaftlern die modernsten Einrichtungen bietet und die Wissenschaft mit Industrie und Regierung verbindet. Daher seien öffentliche Investitionen in digitale Infrastrukturen und ihre Einbindung berechtigt.

CHR. SCHULZKI-HADDOUTI

Geförderte Forschungsnetze verbinden Wissenschaft, Politik und Industrie

Von Chr. Schulzki-Haddouti

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