Recht

Schattenwirtschaft feiert Rekorde

Deutschland – Schlusslicht beim Wachstum? Aber nein. Wachstumsraten von mehr als 7 % in diesem und im nächsten Jahr sagen Ökonomen voraus – allerdings nur für die Schattenwirtschaft.

Während die Konjunkturforschungsinstitute ihre Erwartungen an die statistisch erfasste deutsche Wirtschaftsleistung nach unten korrigieren, hebt ein Ökonom seine Prognosen an: Der international bekannte Schwarzarbeits-Experte Professor Friedrich Schneider von der Universität Linz.
Im Jahr 2002, so seine Schätzung, werden in Deutschland rund 355 Mrd. € schwarz verdient werden – das entspricht der Rekordgröße von mehr als 16,5 % der offiziellen deutschen Wirtschaftsleistung. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um 7,6 %, für 2003 rechnet Schneider mit einem Plus von 7 %. Die Schattenwirtschaft ist damit „der eigentliche Boom-Sektor unserer Wirtschaft geworden“, sagt der baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring. Rechnet man die Arbeitsleistung in diesem Sektor auf Vollzeitjobs um, dann handelt es sich um 5 Mio. Arbeitsplätze.
Ursachen für diesen mächtigen Trend sind die Arbeitskosten und die bürokratischen Regelwerke. Auf beiden Feldern werden – entgegen wohlklingender Ankündigungen – die Weichen von Regierung zu Regierung immer konsequenter in Richtung Schwarzarbeit gestellt. „Das machen wir wirklich gründlich“, kritisiert Schneider. So steigen die ohnehin hohen Lohnnebenkosten von 41,3 % (2002) auf mindestens 42,2 % (2003). Außerdem werden die Bemessungsgrenzen zum Teil deutlich angehoben.
Auch die Steuerpläne der Regierung sowie die anhaltende Regulierungsfreude des Gesetzgebers fördern die Schattenwirtschaft. „Versuchen Sie mal, eine Putzfrau offiziell zu beschäftigen!“, rät Schneider zur Selbsterfahrung. Viele haben es versucht, sind aber an Regularien wie dem 325-Euro-Gesetz gescheitert. Unter den offiziellen Brutto-Netto-Bedingungen gibt es für viele einfache Tätigkeiten weder eine ausreichend zahlungskräftige Nachfrage noch ein arbeitswilliges Angebot.
Und doch werden diese Arbeiten erledigt – in Schwarzarbeit. Es werden keine Sozialversicherungsbeiträge und Steuern abgeführt, brutto ist netto. Arbeitsgesetze und Meldepflichten werden ignoriert.
Gestützt wird dieser Trend durch tarifliche Anmaßungen wie der Überstunden- und Arbeitszeitbegrenzung: Wenn laut Umfragen im Westen mehr als die Hälfte der männlichen Arbeiter lieber länger arbeiten wollen als es die von der IG Metall durchgesetzte 35-Stunden-Woche zulässt – dann suchen sich viele von ihnen eben einen Zuverdienst in der Freizeit. Der Nebenverdienst ist ein wichtiges Motiv: Rund zwei Drittel der deutschen Schwarzarbeiter haben auch reguläre Jobs, höchstens ein Drittel ist arbeitslos.
Natürlich ist es unmöglich, den Umfang der Schattenwirtschaft exakt anzugeben. Doch es gibt wissenschaftliche Methoden, die Aussagen ermöglichen. Da Schwarzarbeit üblicherweise bar bezahlt wird, ist in Ländern mit hohem Schwarzmarktanteil viel mehr Bargeld im Umlauf als für die offiziell erfasste Wirtschaftstätigkeit benötigt wird.
Hinweise liefern auch Befragungen oder die Differenz zwischen tatsächlichen Ausgaben und steuerdeklarierten Einnahmen.
In Deutschland konzentriert sich Schwarzarbeit auf das Baugewerbe, das Handwerk und sonstige Dienstleistungsbetriebe – sowie auf private Haushalte, die schwarz Leistungen einkaufen. Dazu zählen beispielsweise die besagten Putzdienste. „Putzfrau ist ein Beruf, den wir praktisch komplett in die Schattenwirtschaft ausgelagert haben“, so Schneider.
Dass dem Staat und den Sozialkassen auf diese Weise viele Einnahmen entgehen, ist richtig – aber nur zum Teil. Denn ein dicker Batzen des schwarz verdienten Geldes wandert als – sonst nicht vorhandene – Nachfrage zurück in den offiziellen Wirtschaftskreislauf. In Österreich trifft das auf 70 % der Schwarzeinnahmen zu.
Während in anderen Ländern der Trend zur Schwarzarbeit rückläufig ist, nimmt der illegale Sektor in Deutschland weiter kräftig zu.
Ob in Österreich, Dänemark oder Belgien – überall gibt es Versuche, die Schattenarbeiter in die reguläre Wirtschaft zurückzuholen. So hat die Mehrwertsteuerbefreiung von Altbausanierungen in Belgien die Schwarzarbeit in diesem Sektor um ein Drittel verringert. Vorschläge liegen – abseits der offenbar illusionären pauschalen Senkung von Steuern, Lohnnebenkosten und Bürokratie – auch für Deutschland vor.
So plädiert Schneider dafür, die Wohnbauförderung umzustellen. Staatliche Mittel sollten Bauherren nur erhalten, wenn sie damit die Lohnnebenkosten der von ihnen beschäftigten Bauarbeiter bezahlen. Vorteil: Reguläre Arbeitskräfte sind nicht mehr teurer als Schwarzarbeiter und bieten dazu noch die Gewährleistungspflicht. Die Erstattung der Brutto-Netto-Differenz wäre sogar günstiger für den Finanzminister, da der Auftragsanstieg im legalen Bausektor die Steuerquellen sprudeln lässt.
Auch eine Schattenwirtschaftspauschale, die in einer mit 20 % besteuerten Zuverdienstmöglichkeit von 300 € bis 400 € je sozialversichertem Arbeitnehmer besteht, könnte den Anreiz zur Schwarzarbeit senken. Doch Experte Schneider sieht wenig Chancen für seine Vorschläge: „Wir wollen wahrscheinlich erst italienische Verhältnisse“. Zwar verspricht der Koalitionsvertrag einen „Masterplan Bürokratieabbau“ – doch derlei hat Schneider schon zu oft gehört.
Auch schärfere Kontrollen seien keine Lösung: „Ein paar Zöllner machen Razzia auf der Baustelle – das ist vielleicht gut für die Tagesschau, aber das bringt Nullkommajosef“, sagt er.
Wie bei der Steuerhinterziehung zeigt sich auch an der Schwarzarbeit wachsender Argwohn der Bürger gegenüber staatlichen Institutionen. Nach Umfragen des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen sehen inzwischen 55 % Schwarzarbeit als „legitime“ Notwehr gegenüber einem „ausbeuterischen“ Staat an. Eine Mehrheit sieht Schwarzarbeit als „Kavaliersdelikt“.
THILO GROSSER/ps

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