Industrie

„Ohne Lärm und Pulverdampf“  

Wenn Konzerne sparen, drohen oft Entlassungen, längere Arbeitszeiten, Gehaltskürzungen. Die Gewerkschaften antworten mit Protest. Dass es auch anders geht, zeigt die BASF in Ludwigshafen. Werksleitung und Betriebsrat haben sich auf ein Standortprojekt verständigt, mit dem bis Ende 2005 rund 450 Mio. € eingespart werden sollen. Keinem Mitarbeiter wurde gekündigt. Fragen an Werksleiter Albert Heuser und Betriebsratschef Robert Oswald.

VDI nachrichten: Herr Oswald, vor gut vier Jahren war die Stimmung bei der BASF in Ludwigshafen im Keller. Es gab Protestaktionen der Mitarbeiter, Sie selbst sprachen von Zukunftsangst. Was war da los?

Oswald: Das war eine schwierige Phase. Die BASF hatte damals große Investitionen in China und Malaysia getätigt. Die Mitarbeiter in Ludwigshafen waren verunsichert, weil sie nicht wussten, wie es hier weiter geht. Welchen Stellenwert der Standort künftig haben würde ¿

Heuser: ¿ der Vorstand hat dann aber schnell klar gemacht, dass es eine erfolgreiche BASF ohne Ludwigshafen nicht geben kann. Schließlich erzielen wir 56 % des Umsatzes in Europa. Die Frage war dann, wie wir dafür sorgen können, dass der Standort auf Dauer wettbewerbsfähig bleibt.

VDI nachrichten: Die Antwort haben Sie mit dem Standortprojekt gegeben. Auffällig ist dabei, dass Sie die Mitarbeiter stark einbezogen haben. Hat das der Betriebsrat durchgesetzt?

Heuser: Nein, in diesem Punkt lagen wir ohnehin auf einer Linie. Wir haben nicht willkürlich ein Sparvolumen oder einen bestimmten Personalabbau festgelegt. Wir wollten vielmehr die Kreativität und Fantasie der Mitarbeiter nutzen. Wir haben also Projektteams aus BASF-Mitarbeitern gebildet, die in die mehr als 200 Betriebe hier am Standort gegangen sind. Gemeinsam mit den Mitarbeitern vor Ort haben sie überlegt, wie wir noch produktiver und effizienter arbeiten können.

Oswald: Wir haben dabei den Vorteil, dass Ludwigshafen ein Verbundstandort ist. Wir verfügen über ein vernetztes Produktionssystem, das heißt, die Nebenprodukte einer Anlage dienen als Ausgangsstoffe für die Produktion einer anderen. Die Prozessketten lassen sich also relativ leicht stimulieren¿

VDI nachrichten: Aber das Ziel, das die Werksleitung vorgegeben hatte, war ja nicht gerade bescheiden. Fast eine halbe Milliarde Euro sollte dauerhaft eingespart werden. Hat diese Zahl die Mitarbeiter nicht abgeschreckt? Musste nicht jeder um seinen Job fürchten?

Heuser: Nein, diese Zahl war ja nicht aus der Luft gegriffen. Wir haben mit Modellprojekten angefangen. Deren Ergebnisse wurden hochgerechnet. Unsere Zielmarke von 450 Mio. € war also realistisch. Im Übrigen hatten wir mit dem Betriebsrat vereinbart, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Niemand wurde gezwungen, das Unternehmen zu verlassen.

Oswald: Ich muss zugeben, dass ich anfangs Zweifel hatte, ob wir die 450 Mio. € schaffen würden. Mir schien das ein sehr kühnes Ziel ¿

VDI nachrichten: ¿ das Sie jetzt aber offenbar erreichen werden.

Oswald: Ja, und das liegt sicher auch an der engen Zusammenarbeit zwischen Werksleitung und Betriebsrat in dieser Frage. Es ging um rund 20 000 einzelne Maßnahmen, über die wir gemeinsam beraten haben. Alles musste auch arbeitsrechtlich hieb- und stichfest sein, bevor wir an die Umsetzung gehen konnten.

VDI nachrichten: Bei so vielen Einzelmaßnahmen sind Konflikte beinahe unvermeidlich, zumal nicht jeder Mitarbeiter auf seinem angestammten Arbeitsplatz bleiben konnte. Wie haben Sie Streitigkeiten beigelegt?

Heuser: Wir haben jeden Dienstag einen Jour fixe. Da kommen Werksleitung, Vertreter des Betriebsrats und der leitenden Angestellten zusammen. Wir sprechen dann über die aktuellen Ergebnisse des Standortprojekts und überlegen, wie wir sie umsetzen können. Natürlich gibt es auch mal unterschiedliche Auffassungen, aber bisher haben wir immer pragmatische Lösungen gefunden.

VDI nachrichten: Ziel des Projekts ist es auch, eine Marktwirtschaft im Unternehmen zu etablieren. Die Produktionseinheiten sollen die Serviceabteilungen wie externe Dienstleister behandeln. Wer keine marktgerechten Preise anbietet, bekommt keine Aufträge mehr. Haben Sie kein Problem mit diesem Ansatz, Herr Oswald?

Oswald: Lassen Sie es mich andersrum sagen: Wer glaubt, er kann wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken, ist schief gewickelt. Auch die Arbeitsplätze in den Serviceabteilungen müssen wettbewerbsfähig sein. Nur dann sind sie auf Dauer sicher. Als Betriebsrat müssen wir den Realitäten ins Auge sehen.

VDI nachrichten: Aber werden so aus Kollegen nicht Konkurrenten gemacht? Spaltet das nicht die Belegschaft?

Oswald: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber natürlich muss mancher umdenken. Jeder muss sich klar machen, dass er seine Leistung für einen Kunden erbringt, egal ob das eine BASF-Abteilung ist oder ein externer Abnehmer. Wenn wir das verinnerlichen, ist das für den Standort ein Gewinn.

VDI nachrichten: Aber interner Wettbewerb ist unbequem. Gab es wirklich keinen Ärger, keinen Widerstand gegen diese Maßnahme?

Oswald: Ich will ja gar nicht bestreiten, dass der eine oder andere damit Probleme hat. Es ist auch für den Betriebsrat viel einfacher, den Kollegen nach dem Munde zu reden. Aber langfristig zahlt sich das nicht aus. Das Ergebnis der aktuellen Mitarbeiterbefragung zeigt, dass auch die Kollegen mit dem Ergebnis letztlich zufrieden sind. 80 % sagen, dass das Projekt gut ist für den Standort. Drei Viertel halten die BASF für einen guten Arbeitgeber. Und das alles haben wir ohne Lärm und Pulverdampf erreicht.

VDI nachrichten: Herr Heuser, das Standortprojekt wird Mitte des Jahres abgeschlossen. Ist der Standort Ludwigshafen dann auf absehbare Zeit saniert?

Heuser: Zunächst mal freuen wir uns über den großen Erfolg des Projekts. Nicht nur über das Ergebnis selbst, sondern auch darüber, wie wir es erreicht haben¿

VDI nachrichten: Sie meinen, ohne Entlassungen, Arbeitszeitverlängerung und Gehaltskürzungen, wie sie in vielen anderen Unternehmen an der Tagesordnung sind?

Heuser: Ja, wir haben bewusst einen anderen Weg gewählt. Bei uns haben nicht wochenlang Fernsehteams vor den Werkstoren campiert wie andernorts. Unser Weg war aber nur möglich, weil wir rechtzeitig aus einer Position der Stärke heraus gehandelt haben.

VDI nachrichten: Aber die Frage war, ist der Standort jetzt saniert oder nicht?

Heuser: Das Standortprojekt ist eine Etappe, kein Schlusspunkt. Wir haben in den vergangenen Jahren ein Klima geschaffen, wo die allermeisten mit Freude und Engagement dabei sind. Deshalb starten wir jetzt einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Denn eines ist klar: Wir müssen in Ludwigshafen permanent an unserer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.

VDI nachrichten: Aber reicht das aus? Auch die anderen BASF-Standorte verbessern ja permanent ihre Produktivität. Ist das nicht ein Hase-und-Igel-Rennen innerhalb des Konzerns?

Heuser: Jedes Werk hat seine Stärken und Schwächen. Ludwigshafen ist der mit Abstand größte Standort, hier sitzt die Konzernzentrale, hier haben wir Forschung und Entwicklung konzentriert. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Wir investieren hier auch in Zukunft inklusive Forschung rund 2 Mrd. € jährlich.

VDI nachrichten: ¿aber das meiste Geld fließt dabei in die Erhaltung von Anlagen. Drei Viertel aller Neuinvestitionen gehen hingegen ins Ausland, vor allem nach Asien. Die Belegschaft schrumpft. Wird Ludwigshafen nicht doch langfristig abgehängt?

Heuser: Nein, nicht abgehängt. Aber die betriebliche Standortsicherung stößt natürlich an Grenzen. Unsere Märkte bewegen sich Richtung Asien. Nur eine Zahl: Wir erwarten, dass bis 2015 die für uns relevanten Abnehmerindustrien in Europa jährlich um 1,5 % wachsen. In Asien ist die Wachstumsrate 2- bis 3-mal so hoch. Darauf müssen wir uns einstellen. Daraus leiten sich unsere Investitionen ab.

VDI nachrichten: Mehr Export nach Asien geht nicht?

Heuser: Export nach Asien macht nur bei Spezialitäten Sinn. Ansonsten sind allein die Logistikkosten einfach zu hoch.

VDI nachrichten: Welche Ihrer Kunden wandern am schnellsten ab?

Heuser: Vorreiter sind zum Beispiel die Textil- und Lederindustrie. Die sind in Europa wohl auf Dauer nicht zu halten. Oder nehmen Sie ein Produkt wie den Kühlschrank, in dem sehr viel Chemie steckt – vom Außenlack über die Kälteisolierung und die Treibmittel bis zur Innenausstattung. In fünf Jahren werden 80 % der weltweiten Produktion in Asien angesiedelt sein. Darauf müssen wir uns einstellen.

Oswald: Hinzu kommt, dass wir selbst die Arbeit aus dem Lande treiben. Die Standortbedingungen für Chemiefirmen verschlechtern sich. Die Energiepreise gehören zu den höchsten in der Welt. Das Gentechnikgesetz ist eine Maßnahme zur Verhinderung dieser Technologie in Deutschland. Wir fürchten, dass in diesem Bereich bei uns Arbeitsplätze verloren gehen, obwohl sich hier riesige neue Märkte auftun. An die sozialen Folgen wird in Berlin offenbar nicht gedacht.

Auch die Chemikalienrichtlinie, die zurzeit in Brüssel beraten wird, macht uns große Sorgen. Wenn tatsächlich noch strengere Prüfvorschriften erlassen werden, verzögert das Innovationen und schädigt damit Europas Wettbewerbsfähigkeit …

VDI nachrichten: Herr Oswald, Sie reden, als wollten Sie Ihren Vorstandsvorsitzenden als Präsidenten des Chemieverbands beerben…

Oswald: In diesen Fragen ziehen wir als Gewerkschafter an einem Strang mit dem Chemieverband. Unsere Anstrengungen zur Standortsicherung werden von der Politik teilweise torpediert. Anders kann man es nicht ausdrücken. Herr Heuser hat ja dargelegt, wie groß der Druck ist von Seiten der Märkte. Stichwort Asien. Wenn dann auch noch die Rahmenbedingungen sehenden Auges verschlechtert werden, ist das beängstigend. PETER SCHWARZ

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