Arbeitsrecht

Nachteile für Beschäftigte in kleinen Betrieben

Tarifverträge, die, wie von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel angeregt, bei Lohnerhöhungen nach der Ertragslage der einzelnen Unternehmen unterscheiden, weist der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine zurück. Möglichkeiten zur Differenzierung gebe es schon jetzt.

VDI nachrichten: IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hat auf dem Zukunftskongress der Gewerkschaft für differenzierte Tarifverträge plädiert: Zu einer Lohnerhöhung für alle sollen ertragsabhängige Gehaltssteigerungen kommen.Sie lehnen das ab.Warum?

Hartmut Meine: Ich bin kein Gegner von Differenzierungen, nur von gespaltenen Tarifverträgen.Sie würden für die Beschäftigten in der Mehrzahl der Unternehmen Nachteile haben.Bei den Unternehmen hätte das verzerrte Wettbewerbsbedingungen und bei den Beschäftigten eines Tarifbezirks eine gespaltene Einkommenssituation zur Folge.

Hartmut Meine
…ist seit 1998 IG-Metall-Bezirksleiter in Niedersachsen.Vor seiner Gewerkschaftskarriere war er Fertigungsplaner in der Industrie.Meine, Jahrgang 1952, ist der einzige Ingenieur unter den Bezirksleitern der IG Metall.Im vergangenen Jahr hat er mit VW das Tarifmodell 5000 x 5000 ausgehandelt. has Tarifreform in der Metall- und Elektroindustrie.

VDI nachrichten: Wo kann nach Ihrer Auffassung bei Tarifverträgen differenziert werden?

Meine: Es gibt im Organisationsbereich der IG Metall eine Reihe von Tarifverträgen, mit denen schon jetzt nach Branchen unterschieden wird, z.B. zwischen der Elektro- und Metallindustrie und der Holz und Kunststoffindustrie.Außerdem haben wir Haustarifverträge abgeschlossen für Unternehmen, die nicht in den Flächentarif passen, z.B. für die VW-Autostadt in Wolfsburg.Hier würde der VW-Haustarif ebenso wenig passen wie der Flächentarif.

VDI nachrichten: Würde die IG Metall bei ertragsabhängigen Tarifverträgen nicht an Einfluss auf die Tarifpolitik verlieren?

Meine: Das kommt hinzu, ist aber noch nicht einmal das Hauptproblem.

VDI nachrichten: Was ist dieses Hauptproblem?

Meine: Das Niveau, das bei ertragsabhängigen Abschlüssen für alle Beschäftigten erreicht würde, wäre niedriger.Ein Ergebnis wie in diesem Jahr wäre kaum zu erzielen, vor allem nicht in kleineren Betrieben.Das Beispiel Italien, wo es ein solches zweistufiges System bereits gibt, zeigt, dass die ertragsabhängige zweite Stufe nur in 50 % der Betriebe ankommt.

VDI nachrichten: Wer könnte über eine zweite Komponente verhandeln: Der Betriebsrat oder die Gewerkschaft?

Meine: Das ist eine von vielen ungeklärten Fragen.Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Arbeitgeberverband einen Tarifvertrag unterschreibt, der dazu führt, dass die Betriebe damit rechnen müssen, dass die IG Metall in einer zweiten Runde weitere Lohnerhöhungen durchsetzen will.Ungeklärt ist bisher auch, ob eine zweite Lohnrunde in einen Arbeitskampf münden könnte.Es steht den Unternehmen schon jetzt frei, Zulagen on top zu zahlen, sofern es die Ertragslage erlaubt.Und wenn Unternehmen umgekehrt in eine Schieflage geraten, sind wir die letzten, die sich einer Lösung in den Weg stellen.

VDI nachrichten: Für die Mitglieder hat Arbeitszeitverkürzung keine Priorität.Ist das jetzt kein Thema mehr?

Meine: Zunächst geht es uns darum, die Arbeitszeit in den neuen Ländern, die ja noch 38 Stunden in der Woche beträgt, auf 35 Stunden zu reduzieren.

VDI nachrichten: Wird dieses Thema dann vom Tisch sein?

Meine: Mittelfristig ja.Ich kann aber nicht ausschließen, dass diese Debatte in fünf oder sechs Jahren wieder geführt wird.In nächster Zeit steht allenfalls die Verkürzung der Arbeitszeit für bestimmte Gruppen an, z.B. für Schichtarbeiter.Zudem gibt es Regelungsbedarf bei Arbeitszeitkonten.

VDI nachrichten: In einer Befragung haben die Mitglieder einem sicheren Arbeitsplatz hohe Priorität eingeräumt.Steht das nicht im Widerspruch zur Politik der Lohnerhöhungen?

Meine: Ich sehe hier keinen Widerspruch.Beide Ziele stehen bei den Mitgliedern weit oben.Die Arbeitnehmer wollen einen sicheren Job, sie wollen aber auch an der Wertschöpfung teilhaben.

VDI nachrichten: Wird es die IG Metall in 10 oder 15 Jahren noch geben?

Meine: Ja, da bin ich sehr zuversichtlich.Die IG Metall wird dann auch mindestens ebenso viele Mitglieder haben wie heute, rund 2,6 Mio.Das ist weit mehr als alle politischen Parteien zusammengenommen.

VDI nachrichten: Was soll der Kanzler anders machen, wenn er die Wahl gewinnt?

Meine: Die SPD hat in den vergangenen vier Jahren zu sehr auf die sogenannte Neue Mitte geschaut und zu wenig die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angesprochen.Ein gutes Signal ist aber, dass der Kanzler auf dem Zukunftsforum ein eindeutiges Bekenntnis zum Flächentarifvertrag abgelegt hat.

Gespaltene Tarifverträge?

Tarifverträge erhalten und ausbauen – dafür soll sich die IG Metall einsetzen.Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Gewerkschaft unter Mitgliedern und nicht organisierten Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie.Aber: Gut 40 % würden auch begrüßen, dass Tarifverträge von betrieblichen Regelungen zunehmend abgelöst würden.Diesen Gedanken hat jetzt IG-Metall-Chef Klaus Zwickel aufgegriffen.Tarifverträge, so seine Idee, könnten gespalten werden: Alle Beschäftigten eines Tarifgebietes bekommen die gleiche prozentuale Lohnerhöhung, über eine weitere Steigerung würde auf betrieblicher Ebene verhandelt und sie wäre abhängig von der Ertragslage des einzelnen Unternehmens.Damit, so Zwickel, würden auch die Beschäftigten in Unternehmen, denen es schlechter geht, „nicht im Regen stehen“, in florierenden Betrieben würden zusätzliche Einkommenschancen erschlossen.In der IG Metall ist dieser Vorschlag umstritten.Zu den Kritikern gehört Hartmut Meine, IG-Metall-Bezirksleiter in Niedersachsen.Die Beschäftigten in der IT-Industrie, so die Umfrage weiter, halten den Flächentarif zwar für wichtig, aber nur für die „normalen“ Arbeitnehmer, für die eigene Situation betrachten sie ihn eher als „kontraproduktiv“.

  • Hartmut Steiger

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