Arbeitsrecht

Metall-Vize Huber dämpft Erwartungen

In der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie sollte nur über Löhne und Gehälter verhandelt werden. Doch mit der Forderung der Arbeitgeber nach mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit und der Entlastung für die weitere Finanzierung des Entgeltrahmentarif- vertrags (ERA) ist ein ganzes Tarifpaket geschnürt.

Am Dienstag dieser Woche folgte auch der größte IG-Metall-Bezirk NRW der Empfehlung seines Frankfurter Gewerkschafts-Vorstands: 4 % mehr Lohn und Gehalt sollen es im kommenden Jahr werden, die Laufzeit soll bei einem Jahr liegen. Zuletzt hatten schon die Bezirke Küste und Niedersachsen dieselbe Forderung gestellt.
In einem internen Papier des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall heißt es, jede Lohnsteigerung müsse unter 1,4 % liegen. Außerdem fordern die Arbeitgeber betriebliche Spielräume bei der Arbeitszeit bis 40 Stunden. Schließlich müssen noch – verteilt auf den Zeitraum bis 2008 – Kosten für die Einführung des Entgeltrahmentarifvertrags (ERA) von 1,4-%-Punkten aus den kommenden Tariferhöhungen aufgebracht werden.
„Angesichts des Anpassungsdrucks, dem unsere Unternehmen international ausgesetzt sind, können wir nicht einfach eine Tarifrunde nach alter Väter Sitte machen“, sagt Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser. Mit ihrer 4-%-Forderung wecke die Gewerkschaft falsche Erwartungen.
Berthold Huber, als neuer Zweiter Vorsitzender der IG Metall erstmals für die Tarifpolitik zuständig, hat die Erwartungen der Mitglieder hinsichtlich eines hohen Tarifabschlusses gedämpft. Zwar schauten die Firmen optimistischer in die Zukunft, meint Huber. Doch noch könne man nicht absehen, „ob die positiven Erwartungen sich in nächster Zeit in harten Zahlen niederschlagen werden“, sagt der IG-Metall-Vize.
Die Unternehmen drängen zunächst auf mehr betriebliche Spielräume, die sie bei der Bezahlung auch schon nutzen. So ist im Maschinenbau die Lohndrift – der Abstand zwischen Tariflohn und dem, was tatsächlich gezahlt wird – in den 90er Jahren immer geringer geworden, wie eine Untersuchung des Verbandes der Investitionsgüterindustrie VDMA in Frankfurt zeigt. Viele Unternehmen haben Lohnerhöhungen gegen Zulagen aufgerechnet, doch dieser „Speck“ sei weitgehend aufgezehrt.
Jetzt suchen die Unternehmen ihr Heil in einer flexibleren Auslastung von Mensch und Maschine. Dabei ist ihnen die IG Metall durchaus schon entgegengekommen. So arbeitet die Forschung und Entwicklung der Bosch-Gruppe weitgehend in einer 40-Stunden-Woche. Peter Gasse, Chef des IG-Metall-Bezirks NRW, sieht gerade die Arbeitszeitfrage ganz realistisch: „Die IG Metall begrenzt die Arbeitszeit nicht. Die Unternehmen können rund um die Uhr und an sieben Tagen pro Woche arbeiten, wenn ihnen dies die Behörden genehmigen. Wir wollen lediglich die Höhe der Bezahlung jenseits der 35-Stunden-Woche regeln“.
Schon jetzt liegt die tatsächliche Wochenarbeitszeit im verarbeitenden Gewerbe bei knapp 39 Stunden im Westen und bei gut 40 Stunden im Osten und damit über dem Tarif. Bundesweit und über alle Branchen werden im Schnitt 40 Stunden in der Woche gearbeitet, wie Steffen Lehndorff vom Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen ermittelt hat.
Der Grund für die Abweichung von der tariflichen Arbeitszeit: Nur gut zwei Drittel der Beschäftigten in Westdeutschland arbeiten in Betrieben mit Tarifbindung, in Ostdeutschland sind es nur 44 %.
In den 90er Jahren hätten die Unternehmen, so Lehndorff, die für den Anfang einer Wachstumsphase typischen Arbeitszeitverlängerungen über die gesamte Wachstumsphase fortgesetzt und weniger Mitarbeiter zusätzlich eingestellt. Erst mit der aktuellen Stagnation seien die tatsächlichen Arbeitszeiten wieder leicht gesunken.
Ein Vergleich zwischen EU-Ländern zeigt, dass Länder mit langen Arbeitszeiten eine relativ niedrige Arbeitsproduktivität erreichen, z. B. Großbritannien, während in Ländern mit kurzen Arbeitszeiten überdurchschnittlich produktiv gearbeitet würde. Lehndorff zieht daraus die, wie er einräumt, überspitzte und provozierende Folgerung, dass kurze Arbeitszeiten als Produktivitätspeitsche wirkten und längere Arbeitszeiten „Anlass zur Zeitverschwendung“ gäben.
Für die Arbeitgeber ist diese Behauptung „fragwürdig“. Gesamtmetall verweist auf die Einführung der 35-Stunden-Woche in den 80er und 90er Jahren in Westdeutschland, die rund 350 000 Arbeitsplätze gekostet habe. „Dieser Zeit muss niemand nachtrauern.“
Derweil zeigen Metallarbeitgeber und IG Metall, wie reformfähig der viel geschmähte Flächentarif ist. In Hannover einigten sich die beiden Tarifparteien nach elfjährigen Verhandlungen auf einen Entgeltrahmentarifvertrag (ERA), der die Trennung zwischen gewerblichen Arbeitnehmern und Angestellten im Betrieb aufhebt.
Als „Zeichen für eine moderne Tarifpolitik“ wertete NiedersachsenMetall die Einigung für die rund 75 000 Beschäftigten. Vor allem für qualifizierte Facharbeiter würde es jetzt leichter, die höheren der insgesamt 13 Entgeltgruppen zu erreichen. Die Grundentgelte reichen von 1620 € im Monat für einfachste Tätigkeiten über 2075 € für Tätigkeiten mit Berufsausbildung bis maximal 4000 € für hoch qualifizierte Tätigkeiten. Die höchsten Tarifgruppen sind wiederum als Einstiegsgehalt auch für die Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten vorgesehen. Um ERA zukunftssicher zu machen, finden in dem 13-stufigen Entgeltsystem sogar die noch nicht überall eingeführten Hochschulabschlüsse Bachelor und Master ihre Plätze.
Bei der leistungsbezogenen Entlohnung können die Betriebsparteien nach dem niedersächsischen ERA-Tarif per Leistungsbeurteilung und – bei höher qualifizierten Tätigkeiten und Projektarbeit – per Zielvereinbarung bezahlt werden. „Damit lösen wir den Anspruch auf differenzierte und leistungsorientierte Entlohnung und betriebliche Wahlmöglichkeiten ein“, lobt der Hannoveraner IG-Metall-Chef Hartmut Meine den Abschluss.
Trotz des „bunten Straußes an Wahlmöglichkeiten“ wird die Bezahlung der Arbeitszeit jenseits der 35 Stunden die Verhandlungen und den nächsten Tarifabschluss bestimmen. „Anders als beim verlorenen Kampf um die 35-Stunden-Woche, bei dem wir den Tarif gekündigt hatten, läuft der aktuelle Arbeitszeittarif ungekündigt mindestens bis Ende Dezember 2004“, meint ein hochrangiger IG-Metaller. „Das ist die Chance, ohne Druck über eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit von mehr als 35 Stunden zu verhandeln.“
ro/has

Von Ro/Hartmut Steiger

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