Arbeitsrecht

Mehr Beschäftigung durch längere Arbeitszeiten?  

An einer Arbeitszeitverkürzung führe kein Weg vorbei, weil die Produktivität stärker steige als das Wirtschaftswachstum.

Pro

Die nationalen Arbeitsmärkte sind bislang wenig durch direkte Wanderungsprozesse miteinander verbunden. Entsendeprobleme wie sie zuletzt in der Fleischindustrie aufgetreten sind, beschränken sich noch auf Teilbereiche des Arbeitsmarktes. Die Diskussion über die so genannte Dienstleistungsrichtlinie zeigt aber, wie schnell sich dies ändern könnte. Bei ortsungebundenen Gütern und Dienstleistungen, die im Ausland hergestellt und dann auf dem heimischen Markt angeboten werden, schlägt der Wettbewerb ohnehin schon seit Jahren mit aller Härte zu.

Das gilt nicht nur für die Güterproduktion, sondern zunehmend auch für Dienstleistungen, wie die Angst vor Verlagerungen von IT- sowie FuE-Abteilungen nach Fernost zeigt. Und deshalb ist der Befund eindeutig: Der auf dem Arbeitsmarkt lastende internationale Wettbewerbsdruck lässt sich nicht aufhalten – es sei denn, man schränkt den Freihandel ein und schützt die heimische Wirtschaft durch Zölle und Mengenkontingente. Da dies für eine exportorientierte Volkswirtschaft kaum gangbar ist und der vielfach bestehende Qualitätsvorsprung deutscher Produkte immer wieder neu erarbeitet werden muss, werden die deutschen Arbeitskosten im internationalen Standortwettbewerb zu einer entscheidenden Stellschraube.

Eine Senkung der Löhne scheidet aus: Es entspricht nicht dem Selbstverständnis von Gewerkschaften, Lohnsenkungen zu vereinbaren. Als Alternative bietet sich an, die Arbeitskosten über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu senken. Verlängert man die tarifliche Arbeitszeit etwa in der Industrie von gegenwärtig rund 36 auf 40 Stunden, sinken die Arbeitskosten um 11 %, etwaige Überstundenzuschläge nicht eingerechnet. Damit lässt sich der Arbeitskostennachteil – die ungarischen oder tschechischen Arbeitskosten liegen nur bei einem Sechstel der deutschen – zwar nicht vollständig beseitigen. Wie zahlreiche betriebliche Bündnisse für Arbeit zeigen, reicht eine Kostenentlastung dieser Größenordnung aber oftmals aus, um eine Standortverlagerung abzuwenden und Arbeitsplätze zu erhalten.

In der Diskussion über eine Verlängerung der Arbeitszeit wird durchaus anerkannt, dass eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich betriebswirtschaftlich sinnvoll sein kann. Volkswirtschaftlich sei sie dagegen kontraproduktiv. Zum einen wird darauf verwiesen, die Deutschen arbeiteten im Schnitt schon rund 40 Stunden und damit genauso lange wie der EU-Durchschnittsbürger. Zum anderen könne die angeschobene Mehrproduktion nicht abgesetzt werden, so dass letztlich Arbeitsplätze verloren gingen.

Der erste Einwand übersieht, dass die tarifliche Arbeitszeit hierzulande vor allem in der Exportindustrie mit durchschnittlich 36 Wochenstunden sehr kurz ist. Noch kürzer wird nur in Frankreich gearbeitet. Da verfängt auch nicht der Hinweis auf die tatsächliche Arbeitszeit. Diese liegt zwar bei 39 Wochenstunden, ein gutes Drittel dieser Differenz beruht aber auf zuschlagspflichtigen Überstunden, was die Arbeitskosten spürbar erhöht.

Der zweite Einwand ignoriert, dass eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich zwar die Stundenlöhne senkt, die Monatseinkommen der Beschäftigten aber unangetastet lässt. Da sich das verfügbare Einkommen nicht ändert, besteht auch kein Anlass, weniger zu konsumieren. Auf der anderen Seite können die Unternehmen ihre Mehrproduktion zu günstigeren Preisen anbieten. Dies ist vor allem in der Exportwirtschaft zu erwarten. Durch die Preissenkungen steigt die reale Kaufkraft der in- und ausländischen Konsumenten, so dass sie mehr nachfragen können und die Mehrproduktion auch tatsächlich Abnehmer findet.

Eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich verbessert die Wettbewerbsposition, steigert die Kapitalrentabilität und macht Arbeit im Vergleich zu Kapital billiger. Diese Effekte mildern auf jeden Fall den Druck, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. HAGEN LESCH

Kontra

Arbeitszeitverkürzung in Deutschland ist notwendig, weil die Schere zwischen Produktion und Produktivität seit Mitte der 1970er Jahre immer weiter auseinander geht: Die Produktivität wuchs allein seit der Wiedervereinigung im Jahresdurchschnitt bis 2004 um 0,7 Prozentpunkte mehr als das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das Arbeitsvolumen ist im selben Zeitraum um rund 5 Mrd. Stunden zurückgegangen. Dies aber nicht durch eine Arbeitszeitverkürzung je Beschäftigtem, sondern durch einen drastischen Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Trotz steigendem BIP wurde und wird auch künftig weniger Arbeit gebraucht und nachgefragt.

Reale Lohnsenkungen und längere Arbeitszeiten haben nicht mehr Beschäftigung gebracht. Bei einer Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich fehlt im Inland die Nachfrage, um die durch die Mehrarbeit geschaffene zusätzliche Produktion noch abzusetzen. Zwar steigen kurzfristig die Gewinne der Unternehmen aufgrund sinkender Lohnstückkosten, bereits mittelfristig kommt es aber zu Absatzstockungen und weiterem Personalabbau.

Werden dagegen niedrigere Lohnstückkosten in Preissenkungen weitergegeben, bedeutet dies binnenwirtschaftlich keinen Wettbewerbsvorteil, womöglich aber eine deflatorische Entwicklung. Damit wird weder mehr Wachstum noch mehr Arbeit geschaffen.

Zwar wurde in den vergangenen Jahren ein Exporterfolg nach dem anderen erzielt, sie wurden aber erkauft durch eine weggebrochene Binnennachfrage, die wesentlich in der hohen Arbeitslosigkeit, in realen Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich ihre Ursache hatten. In einem Land mit 82 Mio. Einwohnern sollte die Binnennachfrage nicht vernachlässigt werden, zumal der Außenbeitrag (Exporte minus Importe) nur gut 5 % vom deutschen BIP ausmacht.

Zur Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit ist Arbeitszeitverkürzung nach wie vor nicht populär, und doch führt an ihr kein Weg vorbei. Mit Wirtschaftswachstum allein ist die Arbeitslosigkeit nicht abzubauen, es wäre auch aus ökologischen Gründen ein Problem. Dennoch wehren sich Arbeitgeber gegen Arbeitszeitverkürzungen: Sie befürchten Gewinnrückgänge und eine sinkende internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Aber auch Arbeitnehmer treten ungern Arbeitszeit an Erwerbslose ab und verzichten auf Einkommen. Um den Interessengegensatz aufzulösen, muss daher die Arbeitszeitverkürzung für Arbeitgeber weitgehend kostenneutral und für Arbeitnehmer weitgehend einkommensneutral ausfallen.

Würde der Bruttolohn etwa anteilig der Verkürzung der Arbeitszeit reduziert, dann blieben in den Unternehmen die Lohnstückkosten konstant. Um zu verhindern, dass für die Arbeitnehmer die Nettoeinkommen sinken, müssen sie bei der Lohnsteuer entlastet werden. Die Senkung der Lohnnebenkosten wäre dagegen kontraproduktiv, weil hierdurch ein weiterer Nachfragerückgang ausgelöst würde. Die Formel muss also lauten: Arbeitszeitverkürzung bei Bruttolohnsenkung aber ungefähr gleichem Nettolohn durch Senkung der Lohnsteuer.

Dieses Modell hat jedoch Folgen: Die Rentenbeiträge des einzelnen Arbeitnehmers sinken, damit auch die späteren Ansprüche an die staatliche Rentenversicherung. Diese Ausfälle bei den Renten müssten durch einen Ausgleich über Steuern kompensiert werden. Andererseits steigen bei diesem Modell in der Summe die Einnahmen der Rentenversicherungsträger.

Die Lohnsteuereinbußen beim Staat würden sich durch den Abbau der Kosten für die Arbeitslosigkeit (rund 75 Mrd. € jährlich) weitgehend selbst finanzieren. Der Rest wäre über eine Umschichtung des Steueraufkommens zu erbringen. Gewinne und Vermögenseinkünfte könnten stärker belastet werden. Zur Erinnerung: Anfang der 1960er Jahre stammten noch 20 % des Steueraufkommens aus Gewinn- und Vermögenseinkommen, heute sind es gerade noch 6 %. HEINZ-J. BONTRUP

Von Hagen Lesch

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