Recht

Markenhersteller wehren Produktpiraten ab  

30 % der von Plagiaten betroffenen Firmen erleiden Umsatzrückgänge von 3 % und mehr.

Produktpiraterie wird für deutsche Hersteller zunehmend zu einer Bedrohung, wie die gerade zu Ende gegangene Hannover Messe belegte. „Vor zwei Jahren haben wir ein Plagiat auf der Hannover Messe entdeckt, voriges Jahr zwei und in diesem Jahr vier. Tendenz: exponentiell steigend“, beschreibt Hans Sondermann, Geschäftsführer beim Antriebshersteller SEW Eurodrive in Bruchsal den Trend. Damit steht er nicht alleine. Mehrere Firmen gingen auf der Industriemesse gegen Nachbildungen ihrer Produkte vor, denn neben Umsatzverlusten durch Billigimporte drohen auch Imageschäden durch Ausfälle minderwertiger Nachbauten.

Für Robert Schullan, Chef der Industriesparte der Schaeffler-Gruppe, Schweinfurt, sind die Auswirkungen der Produktpiraterie Chefsache: „Das ist kein Bagatelldelikt. Wir sprechen hier von organisierter Kriminalität, die einerseits unsere Arbeitsplätze gefährdet und andererseits bei mangelnder Produktqualität zu schwerwiegenden Defekten bis hin zu hohen Haftungsforderungen führen kann.“ In der Schaeffler-Gruppe, zu der neben den Wälzlagerherstellern FAG und INA auch LuK gehört, werde deshalb jedes Delikt direkt an die Geschäftsleitung berichtet.

„Es ärgert uns zunehmend, dass die gefälschten Produkte verstärkt auch nach Deutschland kommen“, stellt Schullan fest. Nach Angaben des Herstellers werden die nachgemachten Produkte vorwiegend in China, Indien oder auch der Türkei produziert und gelangen schließlich über Drehscheiben wie Dubai sowie Bombay durch europäische Graumarkthändler zu den Endanwendern. Für Letztere sei es dabei schwierig, diese vom Original zu unterscheiden. „Selbst für unsere Leute ist es bei ,guten“ Fälschungen auf den ersten Blick schwer, das Plagiat als solches zu identifizieren“, so der FAG-Chef. Lager seien dabei inklusive Logo und Seriennummer optisch identisch. Unterschiede lägen z. B. in der geringeren Härte der Laufbahnen sowie der geringeren Schmiermittelmenge.

Robert Schullan macht deutlich: „Während unsere Fachleute noch andere Sicherheitsmerkmale kennen, ist eine Fälschung für Endanwender allenfalls an einer unsauber geprägten Seriennummer zu identifizieren.“ Zudem sei auf eine ordentliche Verpackung und mögliche Schlagstellen zu achten. Damit ein vermeintlich billiger Einkauf nicht zu einem großen Schaden wird, für den kein Zulieferer die Haftung übernimmt, empfiehlt er deshalb gerade bei den vermeintlich „kleinen“ Ersatzteilen den Weg zu autorisierten Händlern.

Die Dreistigkeit der Kopierer bekam der Kölner Energieketten-Hersteller Igus auf der Hannover Messe zu spüren. „Wir konnten einen chinesischen Kopierer eines relativ jungen Patentes des Messestandes verweisen“, berichtet Geschäftsführer Frank Blase. Obwohl in China schwer dagegen anzugehen sei, zeigt er sich entschlossen: „Beim Export werden wir dagegen vorgehen.“

Neben einzelnen Konstruktionselementen sind aber auch ganze Baugruppen und Systeme betroffen, wie die aktuellen Fälle der Antriebsspezialisten Flender und SEW Eurodrive auf der Industriemesse belegen. So zeigte Tianjin Speed Reducer aus dem chinesischen Linyang in Halle 26 Raubkopien von Getrieben und Getriebemotoren beider Hersteller. Kurz nach Messebeginn waren diese dann zunächst auf Drängen der Originalhersteller abgedeckt und später komplett entfernt worden. Weiße Wände und leere Ablageflächen bestimmten dort schließlich das Bild zum Ende der Messe.

Für SEW-Geschäftsführer Hans Sondermann ist das Thema sehr sensibel. „Die Messe unterstützt uns beim Vorgehen gegen Raubkopierer. Dennoch müssen wir mit Bedacht agieren, um die bilateralen Kontakte zu seriösen Unternehmen zu erhalten“, weiß der Antriebsspezialist. „Bisher wurde das Thema verniedlicht – als Marktführer fühlten sich deutsche Hersteller oft sogar geschmeichelt“, erkennt er selbstkritisch. Nun würden aber auch zunehmend neuere Produkte kopiert und weltweit vertrieben. Wie Robert Schullan sieht auch Hans Sondermann dabei ein zunehmendes Sicherheitsrisiko für die Anwender, welches die Originalhersteller zum Handeln zwinge. „Gerade in den USA mit ihren extrem hohen Schadensersatzforderungen brauchten Anwender verlässliche Lösungen.“ So gebe es bei SEW auch enge Qualitätsanforderungen in Bezug auf die Produkte ihrer Zulieferer.

Deutlich wurde dazu in Hannover aber auch, dass die Bedrohung nicht allein aus China kommt. Beispielsweise hatte Getriebebau Nord aus Bargteheide bei Hamburg Produkte eines türkischen Produzenten entfernen lassen, die in der gleichen Messehalle ausgestellt waren. „Die Produkte waren vom äußeren Erscheinungsbild absolut identisch, obwohl der Aussteller das bestritt,“ schildert Ralf Brenneisen, Leiter der Projektierung beim deutschen Getriebehersteller. Dabei hatte man bereits 2003 nach der Hannover Messe juristische Schritte gegen die Nachahmungen eingeleitet und deren Vertrieb in Europa unterbunden. „Damals waren selbst die Inhalte der Kataloge, inklusive der Druckfehler, mit unseren identisch“, erinnert sich Brenneisen. Diesmal hätte man dagegen keine Kataloge mehr in den Auslagen am entsprechenden Messestand gefunden.

Hartmut Rauen vom Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) verdeutlicht dazu die Linie des Branchenverbandes: „Wir setzen uns für einen internationalen Verhaltenskodex ein, der uns und unseren internationalen Partnern hilft, den schwarzen Schafen der Branche das Leben schwer zu machen.“ Dazu werde generell der Druck auf die Messegesellschaften erhöht, entsprechende Ausschlussklauseln in ihre Verträge mit den Ausstellern aufzunehmen – insbesondere auch in chinesischer Sprache.

Als Mitglied der Hauptgeschäftsführung des VDMA sieht Rauen auch dringenden politischen Handlungsbedarf. „Die Unterstützung der EU gegenüber Regierungen der Herkunftsländer von Plagiaten ist mangelhaft“, stellt er stellvertretend für die mittelständisch geprägte Industrie fest. Zudem bemängelt Rauen die einseitige Strategie der politischen Entscheidungsträger: „Es macht keinen Sinn 72 Mrd. € in das nächste EU-Forschungsprogramm zu stecken und gar nichts in den Schutz der Innovation.“ Das müsse Politikern und Unternehmern spätestens jetzt klar werden. MARTIN CIUPEK

Industrie warnt vor Produkten vom Graumarkt

Ende der „Schonfrist“ für dreiste Fälscher

Herstellung und Vertrieb von Plagiaten belasten zunehmend die Bilanzen von Markenherstellern. Für Anwender werden die vermeintlich günstigen Produkte dagegen im Schadensfall sehr teuer. Auf der Hannover Messe wurde jetzt deutlich, dass sich die Unternehmen deshalb verstärkt dagegen wehren. Aus gutem Grund: „Chinesen respektieren nur diejenigen, die nicht alles hinnehmen“, so SEW-Geschäftsführer Hans Sondermann.

Die Woge schwappt mittlerweile aus der Ferne – wo z. B. vor wenigen Wochen im jordanischen Hafen Akaba 9 t gefälschte FAG-Lager aus dem Verkehr gezogen wurden – auch nach Europa: Auf der Hannover Messe mussten gleich mehrere Aussteller Produkte und Plakate entfernen, weil ‧“ihre Zurschaustellung wettbewerbsrechtlichen Grundsätzen“ aus den Vertragsbedingungen der Messegesellschaft widersprach. CIU

Von Martin Ciupek

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