Arbeitsrecht

Krisen machen den Betriebsrat attraktiv

Überall im Land finden Betriebsratswahlen statt. Selbst in der New Economy führt organisierte Mitbestimmung kein „Orchideendasein“ mehr.

Nach Angaben des IG-Metall-Vorsitzenden Jürgen Peters sind in den letzten zwölf Monaten in mehr als 50 Unternehmen erstmals Arbeitnehmervertreter gewählt worden. Und connexx.av, der New Economy-Ableger der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), rührt kräftig die Werbetrommel. Das Wort „Erfolg“ schreibt Meike Jäger in Anführungszeichen. Die Mitarbeiterin von connexx.av bleibt auf dem Boden: „Noch ist connexx.av weit entfernt von dem, was wir vor Augen haben: Flächen- oder Rahmentarife, zumindest zur Regelung von Urlaub oder Mehrarbeit. Mit diesen Zielen sind wir eben doch ganz Gewerkschaft“. Für gewöhnlich betont connexx.av das in der Außendarstellung nicht so gern. Denn das Projekt wirbt um eine Klientel, die Worte wie Solidarität oder Betriebsrat gern mit „Hand- und Fußfesseln“ übersetzt: dazu zählen auch Ingenieure der Internet- oder Medienfirmen, die noch bis vor kurzem von Gewerkschaft nichts wissen wollten.

Das hat sich teilweise geändert. Entlassungswellen rollen durch die Branche, und die Arbeitnehmer reagieren. Trotz vermeintlich flacher Hierarchien („Wir sind hier ja wie eine große Familie“) und verlockender Aktienoptionsprogramme („Ein bisschen gehört die Firma ja auch uns“) wird beim Stellenabbau schnell deutlich, wer wirklich das Sagen hat. Unter enormem Medien-Echo haben im vergangenen Jahr deswegen die Belegschaften von mehreren Dutzend Firmen (z. B. EM.TV, Amazon) der New Economy Betriebsräte gegründet. Oft hatten sie dann nichts anderes mehr zu tun als Sozialpläne auszuhandeln. Andererseits: Wo sich die Firmen halten, wird der Betriebsrat schnell das, was er in der Montanindustrie seit langem ist – der Normalfall. „Die Geschäftsleitung nimmt’s sportlich“, kommentiert lächelnd Markus Kempken, Sprecher des im vergangenen Jahr gegründeten Betriebsrates bei der Agentur Pixelpark Berlin.

Nach einer gelungenen E-Mail-Aktion – als moderne Variante von Flugblättern vor dem Werktor – hatte connexx.av für die Pixelpark-Mitarbeiter ein interaktives Diskussionsforum auf seiner Website eingerichtet. „Das war während der ersten heißen Phase vor der Betriebsratsgründung sehr wichtig“, sagt Kempken. Nachdem erst einmal der Wahlvorstand gebildet war, führten die „Pixel“, wie sich die Mitarbeiter selbst gern nennen, weitere Diskussionen lieber innerbetrieblich.

Nach der Wahl des Betriebsrates ließen sich dessen Mitglieder von der Gewerkschaft in Seminaren fortbilden, „das Angebot haben wir mit Handschlag angenommen.“ Der neue Betriebsrat musste, soeben ins Wasser geworfen, bereits schwimmen: „Wir hatten gleich am ersten Tag Kündigungen zu behandeln.“ Inzwischen hat sich der Betrieb im Betriebsrat eingespielt, und die Rolle von connexx.av hat damit deutlich an Gewicht verloren. „Gewerkschaft interessiert mich eigentlich nicht“, sagt Kempken, und den Organisationsgrad in der Firma schätzt er als „sehr niedrig“ ein.

„Viele nehmen uns als Krisenmanager wahr“, so connexx.av-Vertreterin Meike Jäger. Sie glaubt, dass rd. 5 % der Mitarbeiter in den Medien- und Internetfirmen der New Economy gewerkschaftlich organisiert sind – immerhin, denn vor connexx.av habe der Prozentsatz bei null gelegen. Und nicht immer bedeutet Mitgliedschaft auch gewerkschaftliches Verständnis: Mancher, der sich bei connexx.av eingeschrieben hat, „wundert sich, wenn er seine Mitgliedsrechnung von ver.di bekommt“, lacht Jäger. Kraftvolles gewerkschaftliches Auftreten bis zum Arbeitskampf verbietet sich da. Andererseits müsse die Gewerkschaft aufpassen, sich nicht einen Ruf als „Organisation der Loser“ zu erwerben – als letzte Instanz, wenn der Jobabbau droht. Jäger freut sich, wenn Betriebsräte über das Krisenmanagement hinaus perspektivisch arbeiten können. In Hamburg bei der Tomorrow Focus Sales GmbH stehe eine Vereinbarung zur Datensicherheit auf dem Programm des Betriebsrates. „Da kommen auch wieder gewerkschaftliche Kontakte und das Interesse an unseren Seminaren zustande.“ Freilich gibt es auch viele Belegschaften, die glauben, ohne Betriebsrat auszukommen.

Bei SinnerSchrader in Hamburg hat sich in einer von connexx.av durchgeführten geheimen Abstimmung keine Mehrheit für eine Betriebsratsgründung gefunden. Inzwischen wird eine „innerbetrieblich organisierte Mitarbeiterberatung“ mit dem Namen „iBomb“ auf der Grundlage einer „Betriebsverfassung light“ ausgehandelt, wie der Hamburger connexx.av-Vertreter Olaf Hofmann spottet. Karl Geiger von iBomb sieht das anders: „Wir wollen lieber etwas selbst aufbauen, statt ein Produkt von der Stange zu kaufen.“ Connexx.av, so findet der SinnerSchrader-Mitarbeiter, habe die Stimmung der Belegschaft falsch eingeschätzt.

Was all das wert ist, zeigt sich im Konfliktfall, wie er nach Ansicht des Münchener connexx.av-Mitarbeiters Steffen Schmidt den Mitarbeitern des Kirch-Inmperiums drohe. Für den Pay-TV-Sender Premiere erwartet er Massenentlassungen – und wundert sich, dass die Mitarbeiter wenig Interesse an einer Betriebsratsgründung zeigen: „Wenn sie sich nicht schnell aufraffen, werden sie mit fast nichts auf die Straße gestellt werden.“ T. FINKEMEIER

ver.di-Projekt

connexx.av an den Standorten Berlin, Hamburg, München und Köln ist eine 1999 von der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft DAG und der IG Medien gegründete und inzwischen von der Vereinigten Dienstleistungs-Gewerkschaft (ver.di) getragene Initiative für die Beschäftigten in Medien- und Internet-Unternehmen. Ver.di hat bekannt gegeben, dass das Projekt bis mindestens 2005 verlängert wird. Auf seiner Website hält die Initiative so viele Tipps und Serviceangebote bereit, dass sie von Spöttern bereits als „Gewerkschafts-ADAC“ bezeichnet wird. tf

@ www.connexx-av.de

Von Finkemeier
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