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IG Metall bekämpft Verfall von Arbeitszeit

Die IG Metall will mehr Ingenieure gewinnen. Das Thema Zeitsouveränität soll deshalb größere Bedeutung bekommen, sagt Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall.

VDI nachrichten: Ingenieure und andere hoch Qualifizierte sind derzeit gesucht. Warum sollen sie sich dann gewerkschaftlich engagieren?

Wetzel: Das ist kein Widerspruch. Wenn man sich erst organisiert, wenn es Probleme gibt, ist es zu spät. Es ist immer sinnvoll, ein wirksames Korrektiv zum Arbeitgeber zu haben, zum Beispiel, um Einfluss auf die Investitionen zu nehmen und Themen wie Innovation oder Nachhaltigkeit aus der Perspektive der Beschäftigten voranzubringen. Die meisten Unternehmen denken da viel zu kurzfristig. Oft kommen die entscheidenden Anstöße durch den Betriebsrat und die IG Metall. Und wir brauchen dafür das Know-how und die Erfahrung der technischen Experten und Expertinnen.

In den vergangenen Jahren hat sich die Arbeitsbelastung für hoch Qualifizierte erhöht. Die IG Metall sieht deshalb tariflichen Regelungsbedarf. Wie könnte der aussehen?

Es wird in einem ersten Schritt darum gehen, den Verfall von Arbeitszeit zu bekämpfen. Außerdem muss es darum gehen, den Beschäftigten mehr Zeitsouveränität zu verschaffen. Um sich zum Beispiel Auszeiten für Weiterbildung, die Familie oder einfach nur zum Ausspannen nehmen zu können, wenn sie sie brauchen, und nicht nur dann, wenn es dem Unternehmen passt. Dafür haben wir noch kein Patentrezept, aber wir arbeiten zusammen mit Betriebsräten und Beschäftigten an Lösungen. Klar ist: Wir können mit Tarifverträgen nur Rahmenbedingungen setzen. Damit die nicht nur auf dem Papier stehen, müssen sich die Beschäftigten mehr in die betriebliche Gestaltung einbringen und sich stärker gewerkschaftlich organisieren als bisher.

Hoch Qualifizierte haben ein starkes Leistungsbewusstsein. Passt das zusammen mit dem gewerkschaftlichen Gedanken der Solidarität?

Das passt sehr gut zusammen. Wir sind ein führender Industriestandort, weil wir den Wettbewerb über die Leistung der Menschen, die sich in Innovationen und hochwertigen Produkten ausdrückt, gewonnen haben. Und dies haben wir mit unserer solidarischen Tarifpolitik unterstützt, indem wir Faktoren wie Gehalt und Arbeitszeiten aus dem Wettbewerb genommen und dafür gesorgt haben, dass Leistung entsprechend entlohnt wird. Heute glauben einige der Arbeitgeber, den Wettbewerb durch prekäre Beschäftigung, niedrige Löhne und unmenschliche Arbeitszeiten gewinnen zu können. Das sehen wir anders. Darum sagen wir, es muss nach dem Grundsatz „Besser statt billiger“ gehandelt werden.

Hoch Qualifizierte halten oft Abstand zu Gewerkschaften. Hat das mit dem Auftreten der IG Metall zu tun?

Die IG Metall ist bei den hoch Qualifizierten auf einem sehr guten Weg. Die Zahl unserer Mitglieder unter Angestellten oder Ingenieuren steigt seit einigen Jahren kontinuierlich an. Hier beginnen sich unsere zielgruppenorientierten Konzepte und Aktivitäten auszuzahlen, die wir in den letzten Jahren entwickelt haben. Wir haben uns auch thematisch breiter aufgestellt. Die bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, die Gleichstellung von Frauen und Männern, berufliche Entwicklung und Qualifizierung spielen in unserer Tarif- und Betriebspolitik eine größere Rolle. Die wichtigste Veränderung ist aus meiner Sicht, dass wir stärker auf beteiligungsorientierte Gewerkschaftsarbeit setzen. Die Zeit der Stellvertreterpolitik ist vorbei. Die IG Metall ist eine Mitmach-Gewerkschaft. Immer mehr hoch Qualifizierte erleben, dass sie, wenn sie bei uns mitmachen, mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitsbedingungen und ihrer Arbeitsinhalte gewinnen. HARTMUT STEIGER

Von Hartmut Steiger

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