Arbeitsrecht 31.08.2001, 17:30 Uhr

Gesetz zur Arbeitszeit ist überholt

Eine gesetzliche Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von derzeit 48 auf 40 Stunden, verbunden mit variablen und individuellen Lebensarbeitszeiten, fordert Steffen Lehndorff vom Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen.

Es gibt Behauptungen, mit denen lässt sich gut Politik machen. Das Verdikt des ehemaligen Kanzlers Kohl vom „Freizeitpark Deutschland“ ist so eine. Kaum jemand würde bezweifeln, dass die wöchentliche Arbeitszeit hierzulande zu den kürzesten in Europa zählt. Weit gefehlt! Zwar gelten mittlerweile in fast allen Branchen Flächentarifverträge mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von wöchentlich 37,8 Stunden, doch erstens profitieren längst nicht alle Beschäftigten davon (68 % im Westen, 50 % im Osten) und zweitens liegt die tatsächlich geleistete Arbeitszeit weit höher. EU-Statistiken gehen von knapp 42 Stunden aus, deutsche Studien sogar von 43 Stunden pro Woche.

Für Steffen Lehndorff, Wissenschaftler am Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik (IAT), sind diese Daten nur ein Grund, weshalb er eine gesetzliche Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit fordert. „Eine Reform des Arbeitszeit-Gesetzes würde die Tarifautonomie stärken, zum Überstundenabbau beitragen und damit letztlich eine Basis für neue Jobs darstellen“, argumentiert der Wissenschaftler. Die werktägliche Arbeitszeit sollte auf 40 Stunden pro Woche begrenzt werden. Zur Zeit liegt sie bei 48 Stunden, und darf in Ausnahmefällen auf 60 Stunden ausgedehnt werden.

Lehndorff ist sich sehr wohl bewusst, dass derlei Äußerungen auf ernsthafte Abwehr der Unternehmerschaft stoßen auch mit einer Unterstützung der bürgerlichen Parteien ist kaum zu rechnen. Gleichwohl ist er sich sicher, dass nur radikale Thesen die dringend notwendige breite öffentliche Debatte über die Zukunft der Arbeit anstoßen können. „Arbeitszeitpolitik ist Gesellschaftspolitik“, betont Lehndorff, „der Staat hat sehr wohl eine gestalterische Aufgabe, aber er nimmt sie zur Zeit nicht wahr.“

In den Niederlanden, Frankreich und Dänemark habe man die Arbeitszeitgesetze längst reformiert und dies sei immer von öffentlichen Diskussionen vorbereitet und begleitet worden. Warum also nicht auch in Deutschland, wo doch hierzulande in diesem Jahr rund 1,9 Mrd. Überstunden geleistet werden, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Fakt ist, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland ausgesprochen zerklüftet ist. Am oberen, hoch qualifizierten Ende spielen tarifvertragliche Regulierungen keine Rolle. Dort werden Überstunden selbstverständlich geleistet, denn sie dienen der Karriere. Gleichzeitig nimmt das Arbeitsvolumen in diesen Segmenten immer mehr zu, weiß Lehndorff, ohne dass die Zahl der Personen mitwächst.

Selbst in konjunkturschwachen Phasen wie derzeit, reißt die Klage über den Mangel an qualizierten Fachleuten bekanntlich nicht ab. All dies führt dazu, dass hoch Qualifizierte individuell immer mehr arbeiten müssen. Gerade sie wünschen sich Arbeitszeitverkürzungen, wie Untersuchungen des IAT ergaben. „Für diese Arbeitnehmer wären 40 Stunden schon ein ernormer Fortschritt“, sagt Lehndorff, der selbst oft genug 50 Stunden pro Woche am Schreibtisch zu finden ist.

Am unteren, weniger qualifizierten Ende des Arbeitsmarktes dagegen dominieren Teilzeitjobs und geringfügige Beschäftigung. Während oben vorwiegend Männer zu finden sind, sind es unten mehrheitlich Frauen, die aufgrund der herrschenden Familienpolitik auf Teilzeitarbeit angewiesen sind. Gerade von ihnen würde längerfristig die „Gegenkraft zur Arbeitszeitverlängerung bei Vollzeit arbeitenden männlichen hoch qualifizierten Angestellten ausgehen“, schätzt Lehndorff.

Voraussetzung dafür ist allerdings, so seine zweite Forderung, „ein neues Leitbild“: „Der Arbeitszeitstandard muss sich am Leitbild gleichrangiger Erwerbstätigkeit von Männer und Frauen orientieren und auf dem Gedanken variabler, individuell gestaltbarer Lebensarbeitszeit beruhen“.

Kurzum: Ein Wechsel von der Vollzeit- zur Teilzeitbeschäftigung und vor allem wieder zurück zur Vollzeitbeschäftigung muss weitaus leichter möglich sein als bisher. Erste Ansätze dazu finden sich im neuen Teilzeitgesetz, lobt Lehndorff. Es sieht nämlich vor, dass Teilzeitbeschäftigte, die wieder Vollzeit arbeiten wollen, künftig bei der Besetzung neuer Stellen als erste gefragt werden müssen. HC

Lesetipp: S. Lehndorff, Weniger ist mehr. VSA Verlag Hamburg, 2001, 205 S. 26,80 DM

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