Arbeitsrecht

Gerechte Löhne sind keine Fiktion  

Die Höhe der Löhne in den vergangenen 45 Jahren in Deutschland entsprach den Geboten der Fairness und Gerechtigkeit. In seinem Modell gibt es keine Lohnerhöhungsformel, es setzt auf Ertragsbeteiligung.

Lohnfragen sind Verteilungsfragen und stehen daher im Mittelpunkt des sozialpolitischen Interessenkonfliktes.

Wie Tarifverhandlungen aus diesem Streit herausgenommen werden können, hat der Wirtschaftswissenschaftler Fritz Helmedag von der TU Chemnitz jetzt aufgezeigt. Mit seinem Modell, so Helmedag, ließe sich eine unparteiische Formel für Lohnverhandlungen finden, die auch den Anforderungen nach Gerechtigkeit entspräche.

Ausgangspunkt für Helmedag ist die Frage, wie hoch Löhne fairerweise sein sollten. Dieser Aspekt bleibt bei den gängigen beschäftigungspolitischen Begründungen für die Höhe der Löhne außen vor. Auch die beiden Antipoden in der Ökonomie, Karl Marx und Friedrich von Hayek, kümmerten sich kaum um Fairness oder Gerechtigkeit. Für Karl Marx waren Lohnkorrekturen nichts anderes als ein Kurieren an Symptomen, und für den liberalen Friedrich von Hayek sorge die reine Marktwirtschaft schon von selbst dafür, dass jeder bekomme, was er verdiene.

Im Gegensatz zu diesen beiden Häuptern zweier ökonomischer Denkrichtungen will Helmedag eine „Gerechtigkeitsdiskussion mit professioneller Kompetenz“ eröffnen. Dabei greift er zurück auf das Konzept des „Schleiers der Unwissenheit“ des US-amerikanischen Philosophen John Rawls. Wenn niemand wisse, welchen Rang er in einer Gesellschaft später einmal einnähme, würde, so Rawls, jeder, der über die Zukunft befinde, vorurteilsfrei argumentieren und nur faire Regelungen für die Verteilung von Gütern akzeptieren.

In ähnlicher Manier schließt Helmedag, dass es „zweckdienlich“ sei, „bestimmte vernünftige Proportionen zwischen ökonomischen Größen zu fordern.“ Mit diesen Normen und einem Lohnverhandlungsmodell, wie es von dem Spieltheoretiker und Wirtschafts-Nobelpreisträger John Nash entwickelt wurde, ermittelt Helmedag die Relationen zwischen Löhnen und Gewinnen. Danach liegt der faire oder gerechte Durchschnittslohn bei knapp 62 % des Netto-Ertrags pro Beschäftigten, die anderen 38 % wären die Gewinne der Unternehmen.

Dabei ist überraschend: Das von Helmedag errechnete gerechte Verhältnis entspricht ziemlich genau der tatsächlichen Verteilung von Löhnen und Gewinnen zwischen 1960 und dem Ende der 90er Jahre. Sowohl in der alten Bundesrepublik wie in den Jahren nach der Wende lagen die Brutto-Stundenverdienste im Durchschnitt aller Branchen „etwas über dem Niveau gerechter Löhne“, Anfang der achtziger Jahre allerdings bis zu 17 % höher. Seitdem zeige die Entwicklung aber wieder nach unten und nähere sich den Geboten von Gerechtigkeit und Fairness wieder an. Für unbezahlte Mehrarbeit, wie sie die Arbeitgeber in vielen Branchen durchsetzen wollen, sieht Helmedag vor dem Hintergrund seiner Analyse und des empirischen Befundes keinen Grund.

Angemessen sind nach Ansicht des Chemnitzer Professors, der eher zu den nachfrageorientierten Ökonomen zählt, im Großen und Ganzen auch die gegenwärtigen Unterstützungsleistungen wie das Arbeitslosengeld oder das Arbeitslosengeld II oder die Sozialhilfe.

Sollte in Zukunft ein gesetzlicher Mindestlohn fixiert werden, müsste der nach den Helmedagschen Fairnesskriterien bei – abgabefreien – 1075 € im Monat liegen, das wären 38 % des durchschnittlichen, branchenübergreifenden Netto-Ertrages. Zum Vergleich: In Frankreich liegt der Mindestlohn bei 1173 €, in Großbritannien bei 1083 €, in Irland bei 1073 € im Monat.

Seine Methode, so Helmedag, lasse sich sowohl für Lohnfindungen in einem Flächentarif als auch im Betrieb anwenden. Sie liefere jedoch keine Lohnerhöhungsformeln, sondern sei ein Modell zur Ertragsbeteiligung. Insofern dürfte es bei Gewerkschaften auf Kritik stoßen. Doch auch die Arbeitgeber werden darüber kaum in Jubel ausbrechen: Sind sie doch aus einzelwirtschaftlicher Sicht an möglichst geringen Lohnstückkosten interessiert.

In dieser Position zwischen den Stühlen fühlt Helmedag sich wohl: Wenn seine Idee Kompromisse von beiden Tarifparteien abverlange, könne sie so falsch nicht sein, meint der Professor.

Wer an seinem Ansatz zur Bestimmung fairer Löhne Kritik übe, den fordert Helmedag auf, Grundsätze der Lohnbildung zu nennen, die „eher überzeugen“. Durch die Verknüpfungen mit der Produktivität gäbe es ferner keinen Grund mehr, die Höhe der Arbeitslosenunterstützung eher willkürlich oder gar nach Kassenlage festzusetzen. Insgesamt gesehen reduzierten sich die materiellen und immateriellen Kosten der Verteilungskonflikte, die Lohnfindung selbst würde objektiviert. HARTMUT STEIGER

www.tu-chemnitz.de/wirtschaft/vwl2

Von Hartmut Steiger

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