Recht

Genossen auf dem Vormarsch  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 20. 4. 07, sta – Beim Begriff „Genossenschaft“ denken viele an antiquierte Verbandsmeierei. Dabei kann die Rechtsform eine attraktive Alternative zur GmbH sein – vor allem nach der jüngsten Gesetzesreform. Sie bietet sich besonders für Zusammenschlüsse von einzelnen Unternehmern an.

Seit zwei Jahren wird im niedersächsischen Nörten-Hardenberg genossenschaftlich geschwommen. Um die Schließung des örtlichen Hallenbades zu verhindern, hatten sich einige Unternehmer und Bürger mit der Gemeinde zusammengetan und das erste genossenschaftliche Schwimmbad Deutschlands gegründet. Am Ende hatten alle gewonnen: Die Gemeinde reduziert ihre Kosten und erhält das Bad als Standortfaktor, die Unternehmer partizipieren an den Erlösen und die Bürger können weiterhin im eigenen Dorf ihre Bahnen ziehen.

Was im Fall Nörten-Hardenbergs als Mittel zur Rettung des Schwimmbads diente, ist bei jungen Unternehmern derzeit eine beliebte Rechtsform zur Firmengründung. „Genossenschaften sind eindeutig auf dem Vormarsch“, sagt Frank Scholderer, Partner der Anwaltssozietät Clifford Chance in Frankfurt. Die Gesetzesreform des vergangenen Jahres hätte für Genossenschaftsgründer vieles einfacher gemacht. So sind zur Gründung statt sieben nur noch drei Personen notwendig. Der Vorstand kann aus nur einer Person bestehen. Und auf den Aufsichtsrat kann gänzlich verzichtet werden – wenn die Genossenschaft nicht mehr als 20 Mitglieder hat. Außerdem wurden die Prüfungsvorschriften für Genossenschaften mit Umsätzen unter 2 Mio. € und einer Bilanzsumme von weniger als 1 Mio. € gelockert: Sie müssen ihre Bücher nicht mehr mindestens jedes zweite Jahr komplett prüfen lassen. Auch die Kapitalbeschaffung wurde erleichtert. So ist zum Beispiel auch eine Sachgründung zulässig. Zu guter Letzt wurde auch noch die Übertragung von Geschäftsanteilen erleichtert.

Ergebnis: Während üblicherweise etwa 60 bis 70 neue Anmeldungen pro Jahr dazukommen, gab es allein im Januar dieses Jahres schon 17. Aktuell sind insgesamt rund 5500 Genossenschaften im Handelsregister eingetragen.

Die Rechtsform der Genossenschaft, abgekürzt eG, hat auch nach der Reform noch vieles mit dem eingetragenen Verein (e.V.) gemeinsam. Hier wie dort finden sich Personen zu gemeinsamen Zwecken zusammen und verwalten ihre gemeinsame Arbeit selbst. Doch während das Leitbild des Vereins nicht auf wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb ausgelegt ist, verfolgen Genossenschaften in der Regel ökonomische Zwecke. Im Gegensatz zum Verein geht es den Genossen zudem weniger um den Nutzen der Allgemeinheit als um den Nutzen ihrer Mitglieder. Die Genossenschaft kann sich ein Mindestkapital geben, das Gesetz schreibt jedoch keinen festen Betrag vor – wie dies etwa bei einer GmbH oder AG der Fall ist.

„Für die meisten Gründer ist der Wegfall der Mindesteinlage der Grund, sich für eine Genossenschaft zu entscheiden“, sagt Scholderer. So zeichnet jedes Mitglied einen oder mehrere Geschäftsanteile, deren Höhe die Satzung regelt. Im Gegensatz zu den Kapitalgesellschaften hat aber jeder Zeichner unabhängig von der Höhe der Einlage nur eine Stimme. Wichtige Institutionen in diesem Zusammenhang sind die Prüfungsverbände. Jede Genossenschaft muss einem solchen Verband angehören. Dieser prüft sowohl das Gründungsvorhaben im Interesse der Mitglieder und Gläubiger sowie in regelmäßigen Abständen die wirtschaftliche Entwicklung. Zudem berät er seine Mitglieder in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und steuerlichen Fragen.

Bislang sind Genossenschaften in Deutschland meist in Verbindung mit traditionellen Unternehmen und Strukturen zu finden. Der Lebensmittelhändler Edeka zum Beispiel bildet eine typische Konsumgenossenschaft. Darüber hinaus ist ein kompletter Teil des dreigliedrigen Bankensystems auf der Rechtsform der Genossenschaft aufgebaut. Es sind die Volks- und Raiffeisenbanken die als Gegenpart zu den Privatbanken und Sparkassen den genossenschaftlichen Sektor repräsentieren. Einen weiteren großen Vertreter dieser Rechtsform lernen viele zum ersten Mal kennen, wenn sie ihren Mietvertrag unterschreiben. Denn Wohnungsbaugenossenschafen sind hierzulande noch immer wichtige Spieler in der Immobilienbranche.

Mittlerweile kommen immer mehr Firmenchefs aus innovativen Branchen auf den Geschmack der traditionellen Rechtsform. Neben dem niedrigen Stammkapital lockt sie auch die Tatsache, dass sich die Haftung für die Geschäfte der eG wie bei der GmbH begrenzen lässt. Die Mitglieder der Genossenschaft haften also, anders als Einzelunternehmer oder Teilhaber einfacher Personengesellschaften, nicht mit ihrem vollen Privatvermögen.

Geeignet ist die Rechtsform Experten zufolge besonders für weibliche Gründer. „Frauen gründen eher kleine Unternehmen, die weniger kapitalintensiv sind“, sagt Scholderer. Iris Kronenbitter, Projektleiterin bei der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga), ist ähnlicher Ansicht: „Die Genossenschaft bietet für viele weibliche Gründungen eine interessante Alternative, zeichnet sie sich doch durch flache Hierarchien, faire Mitbestimmungsmöglichkeiten und vor allem durch eine beachtliche wirtschaftliche Stabilität aus. Wir raten vielen Frauen, eine Genossenschaft zu gründen, anstatt eine One-Woman-Show zu veranstalten.“

Eine Vorzeigegenossenschaft ist die so genannte „Weiberwirtschaft“ mit Sitz in Berlin. Die Firma zählt über 1550 Genossinnen und ist Eigentümerin von Europas größtem Existenzgründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum in Berlin-Mitte. „Die Genossenschaft ist eine ideale Rechtsform, um kleine Teams zusammenzuführen“, sagt Christina Zech aus dem Vorstand der Weiberwirtschaft eG. So fänden sich auf den 5900 m2 Nutzfläche etwa 60 frauengeführte Unternehmen. „Von Rechtsanwältinnen und Fotografinnen bis zu Salons für Farb- und Stilberatung“, sagt Zech. Und die Chefinnen sind allesamt Teilhaberinnen der Genossenschaft, in deren Räumen sie gemeinsam arbeiten.

PHILIP JÜRGENS/sta

www.neuegenossenschaften.de

Gesetzesreform ermöglicht auch Sachgründungen

Von Philip Jürgens/Stefan Asche
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