Arbeitsrecht 30.07.2004, 18:32 Uhr

Europäer sollen länger arbeiten

VDI nachrichten, Düsseldorf, 30.7.04 -Die französische Regierung kündigt die Abkehr von der 35-Stunden-Woche an, Arbeitgeber in den Niederlanden, Belgien und Österreich fordern die 40-Stunden-Woche. In Deutschland wollen Bosch, Viessmann und Voith Kosten senken und die Arbeitszeiten verlängern. Bei Voith gibt es eine Beschäftigungsgarantie bis 2009.

Eine „Erpressung“, die „so in Frankreich nicht möglich wäre“, nannte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy erst kürzlich die Arbeitszeitverlängerung bei Siemens. Mittlerweile hat Sarkozy seine Auffassung geändert. Die 35-Stunden-Woche, vor vier Jahren in Frankreich eingeführt, hält er jetzt für „schlecht“. Mit steuerlichen Anreizen will Sarkozy nun Arbeitsplätze aus dem Ausland zurückholen.
Die Geschäftsleitung von Bosch in Frankreich dürfte sich durch die Politik bestätigt fühlen. Im Werk Vénissieux bei Lyon wird künftig 36 statt 35 Stunden in der Woche gearbeitet. Bosch verzichtet darauf, die Produktion von Dieselpumpen nach Tschechien auszulagern.
Die Ausweitung der Arbeitszeit ist auch in der EU wieder zu einem Thema geworden – in Reaktion auf die Arbeitszeitdebatte in Deutschland, so der Arbeitsmarktexperte Thorsten Schulte vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf.
So plädieren in den Niederlanden private wie öffentliche Arbeitgeber für eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche, berichtet Schulten. Dort werden derzeit 37 Stunden gearbeitet. In Belgien, wo erst Anfang dieses Jahrzehnts die Arbeitszeit von 39 auf 38 Stunden gesenkt wurde, werde mit Blick auf Siemens wieder die 40-Stunden-Woche gefordert. In Österreich, wo tariflich 38,5 Stunden gearbeitet werden, spreche der Vorsitzende der Industriellenvereinigung von der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche. Und in Polen, wo die 40-Stunden-Woche gesetzlich festgeschrieben ist, werde über eine Öffnung diskutiert. Die Vorteile, die sich deutsche Unternehmen durch eine Verlängerung der Arbeitszeit verschaffen, gingen dann wieder verloren, wenn im Ausland die Arbeitszeiten verlängert würden, meint Schulten.
Indessen geht die Diskussion um Einsparungen und längere Arbeitszeiten in Deutschland weiter.
Bei Bosch will die Geschäftsführung im größten Produktionswerk in Stuttgart-Feuerbach laut IG Metall 17,5 Mio. € pro Jahr sparen. Ein Sprecher des Betriebsrates sagte, die Verhandlungen seien auf September vertagt worden.
Der Heiztechnik-Hersteller Viessmann will für seine 3700 Mitarbeiter am Stammsitz in Allendorf/Eder eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche erreichen. Eine Einigung mit den Tarifparteien steht aber noch aus. Mit fünf Stunden unbezahlter Mehrarbeit pro Woche sollen die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens erhöht und die Arbeitsplätze gesichert werden. Das Urlaubs- und Weihnachtsgeld soll unangetastet bleiben. Geplant ist eine vom Unternehmenserfolg abhängige Jahresprämie, die in eine betriebliche Altersversorgung einfließen oder ausgezahlt werden kann.
Längere Arbeitszeiten gibt es auch beim Maschinen- und Anlagenbauer bauer Voith in Heidenheim. Durch die Streichung von Wege-, Qualifizierungs- und Verteilzeiten sowie von Pausen wird die Arbeitszeit pro Jahr um bis 2,5 Wochen verlängert. Die für den kommenden März vereinbarte Tariferhöhung von 2 % wird nicht weiter gegeben, unter der Woche bleibt Mehrarbeit zuschlagsfrei. Auch außertarifliche Mitarbeiter und das Management werden an dem Sparprogramm beteiligt. Die Einsparungen sind Teil eines Paketes zur Standortsicherung. Damit sind unter anderem eine Beschäftigungsgarantie bis zum Jahr 2009 und der Aufbau weiterer Fertigungskapazitäten verbunden. Außerdem würden bereits beschlossene Arbeitsplatzverlagerungen nicht umgesetzt.
Trotz der Verlagerungen der vergangenen Jahre ist Deutschland noch nicht so stark de-industrialisiert wie andere OECD-Staaten. Die Zahl der Industriearbeitsplätze ist in den vergangenen 25 Jahren zwar überall gesunken, aber in Deutschland gibt es im produzierenden Gewerbe anteilig noch mehr Stellen als z. B. in den USA, Großbritannien, Frankreich und Japan.
Doch nicht immer sind es die Kosten, die zur Flucht aus Deutschland führen. Im Falle Opel ist es ein Rüstungsgeschäft zwischen der polnischen Regierung und dem US-Konzern Lockheed. Im Rahmen einer Lieferung von F-16-Kampfflugzeugen an Polen im Wert von 4,5 Mrd. Dollar haben sich die US-Regierung und Lockheed zu weiteren Investitionen in Polen verpflichtet. Deshalb wird General Motors, die Muttergesellschaft von Opel und Geschäftspartner von Lockheed, 800 Mio. Dollar in Gleiwitz investieren, um dort den Zafira zu bauen. An den deutschen Standorten sind dadurch rund 1200 Arbeitsplätze gefährdet.
Kosten hätten auch bei der geplanten Verlagerung des Otis-Werkes von Stadthagen nach Tschechien zum Jahresende nicht den Ausschlag gegeben, so ein Betriebsrat. Doch diese Darstellung wird vom Unternehmen mit dem Hinweis auf 20 % niedrigere Kosten in Tschechien zurückgewiesen. Dementiert wird der Vorwurf, Mitarbeiter in Stadthagen hätten in den beiden vergangenen Jahren kostenlos Engineering-Leistungen für andere Otis-Firmen erbringen müssen. Die Position des Betriebsrates, die Schließung sei die Folge einer strategischen Entscheidung des Konzerns, längerfristig Werke von West- nach Osteuropa zu verlagern, wird vom Unternehmen nicht kommentiert. has/ro/sb

 

Ein Beitrag von:

  • Hartmut Steiger

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Aus- und Weiterbildung, Studium, Beruf.

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