Alterssicherung

Die IG Metall will den flexiblen Übergang in die Rente

Die IG Metall fordert den Abschied vom starren Renteneintrittsalter. Künftig sollen eine neue Altersteilzeit, Alterskurzarbeit und die Neuregelung der Erwerbsminderung einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben erlauben, sagt IG Metall Bezirksleiter Armin Schild. Arbeitgeber, die zu wenige Ältere beschäftigen, sollen eine Demografie-Abgabe zahlen.

Armin Schild

Armin Schild

Foto: IG Metall

VDI nachrichten: Herr Schild, Sie sind Bezirksleiter der IG Metall und im Vorstand der SPD. Die IG Metall lehnt die Rente mit 67 ab, die SPD steht dazu. Wie schaffen Sie diesen Spagat?

Schild: Die Debatte um die Rente mit 67 ist ein guter Beleg dafür, wie wichtig es ist, dass sich Arbeitnehmervertreter in den demokratischen Parteien engagieren. Die Fehler der Rentenpolitik in den vergangenen Jahren hatten auch damit zu tun, dass es zu wenig Einfluss von Menschen gegeben hat, die auch die Entwicklung im Arbeitsleben einschätzen können. Die Rentenpolitik ist an der Wirklichkeit der Arbeitswelt vorbeigegangen.

Inwiefern?

Es ist doch ein Unterschied, ob ein Wissenschaftler bis 67 arbeitet oder ein Schichtarbeiter im Walzwerk. Die entscheidende Frage ist: Wie können flexible Übergänge vom Arbeitsleben in die Rente gestaltet werden, die unterschiedlichen Anforderungen und Belastungen der Arbeitswelt gerecht werden. Jedenfalls ist das nicht mit einer Einheitsrente für alle zu schaffen. Die Arbeitswelt in Deutschland ist heute bis zum Anschlag flexibel, nur beim Renteneintritt wurde die Flexibilität weitgehend eliminiert. Dabei bleiben individuelle, betriebliche und Branchenunterschiede weitgehend unberücksichtigt.

In der Metall- und Elektroindustrie hat sich der Anteil der über 60-Jährigen im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt: von 2,4 % auf 4,9 %, sagen die Arbeitgeber. Ist das nicht ein Erfolg?

Das ist doch statistische Scheinwirklichkeit. Eine Umfrage unter fast 4000 Betriebsräten der IG Metall zeigt, dass Ältere in nennenswertem Umfang nicht eingestellt werden und dass es heute eher weniger Arbeitsplätze für Ältere gibt. Derzeit sind gerade mal 3,8 % der Beschäftigten in der Metallindustrie älter als 60 Jahre. Fazit ist: 1. Die Beschäftigung Älterer entspricht bei Weitem nicht der demografischen Entwicklung. 2. Nach wie vor erreicht nur eine Minderheit der Arbeitnehmer das gesetzliche Renteneintrittsalter. 3. Die Betriebe tun zu wenig, der spätere Renteneintritt geht voll zulasten der Arbeitnehmer.

Es gibt in der Metallindustrie schon einen Tarifvertrag, der für besonders belastete Beschäftigte einen früheren Ausstieg aus dem Beruf zulässt. Reicht das nicht?

Dieser Tarifvertrag wurde abgeschlossen, als das Renteneintrittsalter noch bei 65 lag. Er beruht auf Freiwilligkeit. Das hat zur Folge, dass der frühere Ausstieg heute oftmals nur noch von den besser bezahlten Arbeitnehmern genutzt wird und die schlechter Bezahlten in die Röhre gucken. Doch das sind genau die, die eine sozial verträgliche Option zum früheren Ausstieg brauchen. Das Ziel der IG Metall ist deshalb ein flexibles System von Rentenübergängen, bei dem nicht mehr ein bestimmtes Lebensalter im Mittelpunkt steht und das stärker auf die Belastungen und Belange des einzelnen Beschäftigten zugeschnitten ist.

Wie sieht das im Einzelnen aus?

Grundsätzlich müssen Arbeitnehmer nach 45 Versicherungsjahren abschlagfrei in den Ruhestand gehen können, Zeiten von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Weiterbildung etc. eingerechnet. Erwerbsgeminderte sollten ab dem 60. Lebensjahr ohne Abschläge ausscheiden können. Für Betriebe mit Beschäftigungsproblemen sollte es eine Alterskurzarbeit geben, damit die Älteren gehen können, die gehen wollen und nicht die Jüngeren gehen müssen, die dringend einen Job brauchen. Und wir brauchen eine neue Altersteilzeit, die den Ausstieg für Arbeitnehmer an besonders belastenden Arbeitsplätzen auch vor dem 67. Lebensjahr ermöglicht, wenn dafür im Gegenzug junge Menschen eingestellt werden.

Das hat seinen Preis. Wer soll dafür bezahlen?

Klar ist: Wer einen Job hat, in dem man nicht bis 67 arbeiten kann, muss früher ohne Abschläge gehen können und darf dafür nicht auch noch zur Kasse gebeten werden. Das ist ja keine individuelle Entscheidung, wenn die Ursachen in einer jahrelangen gesundheitlichen Beeinträchtigung durch die Arbeit selbst liegen. Und wenn der frühere Renteneinstieg vom Arbeitgeber zu verantworten ist, weil er zum Beispiel gar keine Jobs für Ältere anbietet oder die Arbeitsbedingungen eben nicht altersgerecht gestaltet, dann müssen diese Arbeitgeber auch zur Finanzierung einer abschlagfreien Erwerbsminderungsrente herangezogen werden.

Das dürfte oft eine Bewertungsfrage sein.

Ich bin sicher, dass die Betriebs- und Tarifvertragsparteien dazu in der Lage sind, entsprechende Vereinbarungen zu treffen. Was wir dazu aber brauchen, sind die geeigneten gesetzlichen Grundlagen.

Müssen Sie nicht damit rechnen, dass dann viele versuchen, so früh wie möglich auszuscheiden?

Das sollte man nicht pauschal sagen. Nicht jeder will früher aussteigen. Aber viele, die es müssen, fallen heute in die Lücke, die unsoziale Rentenreformen der vergangenen Jahre geschaffen haben. Jedenfalls darf das Lebensalter eines Menschen neben seinem Einkommen angesichts der sich wandelnden Arbeitswelt nicht die einzige entscheidende Rolle für die armutsfeste Absicherung im Alter spielen.

Sie wollen die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen. Wie soll das aussehen?

Wir schlagen vor, dass Arbeitgeber, die keine ausreichende Zahl älterer Arbeitnehmer beschäftigen, eine zusätzliche Demografie-Abgabe an die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Ebenso sollen Arbeitgeber, die sich nicht durch einen Tarifvertrag oder eine Betriebsvereinbarung zur altersgerechten Gestaltung der Arbeitsplätze verpflichten, diese Demografie-Abgabe zahlen. Damit würden dann auch Arbeitgeber belohnt, die sich verantwortlich verhalten. Es würden Anreize für Arbeitgeber gesetzt, die es heute gar nicht gibt.

Was ist eine ausreichende Zahl von Arbeitsplätzen?

Man könnte die demografische Entwicklung als Maßstab nehmen. Wenn der Anteil der 60- bis 65-Jährigen im Betrieb dem Anteil dieser Gruppe in der Gesamtbevölkerung entspricht, wäre dieses Kriterium erfüllt. Steigt der Anteil der Älteren an der Bevölkerung, steigt auch die Quote in den Unternehmen. Wird diese Quote in einem Betrieb nicht erfüllt, müsste das Unternehmen die Demografie-Abgabe zahlen.

Mit diesem Konzept werden jene Unternehmen bestraft, in denen es objektiv harte Arbeitsbedingungen gibt, z. B. in der Gießerei- oder Stahlindustrie.

Ohne diese Abgabe müssen heute die dort beschäftigten Arbeitnehmer die Risiken ihrer Berufstätigkeit selbst übernehmen. Wer die Verantwortung für die Gestaltung der Arbeit hat, muss auch die Konsequenzen tragen, die dadurch entstehen, dass Menschen aufgrund dieser Belastungen nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter durchhalten. Die Rente mit 67 darf nicht ein Abschlagsystem für Beschäftigte in Branchen mit besonderen Belastungen werden.

Was sind altersgerechte Arbeitsplätze?

Das sind solche Arbeitsplätze, die von Arbeitnehmern, ihrem Lebensalter entsprechend, ausgefüllt werden können. Dabei wird der besondere Kompetenzzuwachs, den es im Alter gibt, stärker betont, während physische Beanspruchungen und andere Belastungen, mit denen Jüngere besser zurecht kommen, vermieden werden. Daneben gibt es die alternsgerechte Gestaltung der Arbeit. Die liegt dann vor, wenn in einem Betrieb mit vorausschauender Arbeits- und Ablaufgestaltung die Konsequenzen älter werdender Belegschaften berücksichtigt werden.

Belastend ist aus Sicht der IG Metall vor allem körperliche Arbeit in der Produktion. Ist für höher Qualifizierte die Rente mit 67 kein Problem?

Es geht nicht darum, Angestellte und hoch Qualifizierte, z. B. Ingenieure, bis 67 am Arbeitsplatz festzubinden. Es geht darum, eine gesetzliche Grundlage für flexible Rentenübergänge zu schaffen, die es den Tarifparteien erlaubt, diese Übergänge fair zu regulieren. Für Ingenieure wäre ein fließender Übergang in den Ruhestand mit einer Teilrente oder Altersteilzeit möglich. Klar ist dabei allerdings auch: Arbeitnehmer, die aus eigenem Wunsch und nicht aus Gründen, die in ihrer Gesundheit oder ihren Arbeitsbedingungen liegen, früher ausscheiden werden, müssen in gewissen Grenzen auch finanzielle Konsequenzen mittragen. Flexible Übergänge sollen aber solche individuellen Entscheidungen tatsächlich ermöglichen, unabhängig vom Einkommen.

Die gesetzliche Altersteilzeit wurde abgeschafft. Sie gilt als ein Grund, dass so wenige Ältere noch in den Betrieben sind.

Die Stigmatisierung der Altersteilzeit in Politik und Öffentlichkeit ist einseitig und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Die Altersteilzeit hat Millionen von Jüngeren den Einstieg in den Beruf eröffnet. Gerade die brauchen wir heute als Fachkräfte, die es ohne die Altersteilzeit nicht gäbe, weil sie gar nicht erst ausgebildet worden wären. Wir brauchen auch zukünftig eine gesetzliche Grundlage für eine geförderte Altersteilzeit, die zum Beispiel bei Personalabbau in einem Betrieb ermöglicht, dass Ältere ausscheiden, um Jüngere zu halten.

Warum ein Gesetz?

Weil wir an der Nahtstelle zwischen gesetzlicher Rente, Tarifvertrag und betrieblicher Gestaltung operieren. Die Politik kann das nicht alleine den Betriebs- und Tarifparteien überlassen.

Die Rentenbeiträge werden ab Januar 2013 sinken. Ein Fehler?

Ein Fehler und ein unverantwortliches politisches Wahlgeschenk, ein dreiviertel Jahr vor der Bundestagswahl. Die Beitragssenkung macht für jeden Arbeitnehmer nur wenige Euro im Monat aus, entlastet die Arbeitgeber ohne Not und verschärft auf längere Sicht die Finanzierungsbedingen der gesetzlichen Rentenversicherung, deren große Herausforderungen durch den demografischen Wandel ja in wenigen Jahren beginnen – dann aber umso massiver. Besser und für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber berechenbarer wäre der Aufbau einer Demografie-Reserve durch einen langsamen, stetigen Anstieg der Beiträge auf 22 % bis zum Jahr 2022. Mit dieser paritätisch finanzierten Demografie-Reserve könnte Vorsorge getroffen werden für die schwierigen Jahre der gesetzlichen Rente ab 2022. Daran müssten alle ein großes Interesse haben, weil das Sicherungsniveau damit stabilisiert werden könnte.

In zehn Jahren wird es zwei gegenläufige Entwicklungen geben: Beiträge werden steigen, Leistungen werden sinken. Das schafft Akzeptanzprobleme. Halten Sie es für plausibel, dass solche Akzeptanzprobleme genutzt werden, um eine weitere Privatisierung der gesetzlichen Rente voranzutreiben?

Für die Versicherungswirtschaft und ihre Lobby in der Politik ist es verlockend, an dieser Schraube zu drehen. Denn schon mit der Absenkung der Rentenbeiträge um wenige Zehntelpunkte werden riesige Summen bewegt. Schon jetzt wird jährlich eine zweistellige Milliardensumme zur Subventionierung der Riester-Rente indirekt an die Versicherungswirtschaft durchgereicht. Dieses Geld wäre besser bei der paritätisch finanzierten gesetzlichen Rentenversicherung aufgehoben als bei denen, deren oberstes Ziel ist, Verträge mit Gewinn zu verkaufen.

Ließe sich die Belastung am Arbeitsplatz nicht durch eine Verkürzung der Arbeitszeit entschärfen?

Die Zeiten sind vorbei, in denen man bei Arbeitszeitverkürzung immer an die Wochenarbeitszeit denkt. Es geht heute um einen komplexeren Blick auf Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Wenn wir vom flexiblen Übergang in das Erwerbsleben sprechen, ist das auch eine Frage der Arbeitszeitpolitik, weil damit Menschen die Chance haben, die Lebensarbeitszeit zu verkürzen, ohne zugleich Altersarmut zu riskieren. HARTMUT STEIGER

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