Recht

Die findigsten Köpfe Europas  

VDI nachrichten, Brüssel, 5. 5. 06, sta – Über 380 000 Patente wurden zwischen 1991 und 2000 mit einem europäischen Patent geschützt. Sechs der Urheber wurden am Mittwoch mit dem Preis „Europäischer Erfinder des Jahres“ ausgezeichnet. Zwei der Awards gingen an deutsche Wissenschaftler.

Rechner werden schneller, Speicher größer, Prozessoren kleiner. Glasfaserkabel am Meeresgrund sorgen für rasenden Datenaustausch zwischen den Kontinenten und die NASA hält Funkkontakt zum Mars. So ist die moderne Welt. Bei den meisten Errungenschaften merken wir nicht einmal mehr auf. Vorbei die Zeiten, da Glühbirne oder Röntgenstrahlen für Aufsehen sorgten.

Am Mittwoch haben die EU Kommission und das Europäische Patentamt (EPA) die Köpfe hinter 18 bahnbrechenden Erfindungen in den Mittelpunkt gestellt und sechs von ihnen zu „Europas Erfindern des Jahres“ gekürt. Eigentlich handelt es sich um Erfinder des Jahrzehnts. Schließlich standen 18 von 380 000 Erfindungen zur Wahl, die das EPA zwischen 1991 und 2000 unter Schutz stellte. Weil die Erfinder unter sehr verschiedenen Bedingungen arbeiteten, haben die Juroren den Preis in sechs Kategorien unterteilt – Erfinder aus Industrie, aus kleinen und mittleren Unternehmen, aus Unis und Forschungsinstituten, aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten und solche aus nichteuropäischen Staaten.

Drei Erfinder wurden für ihr Lebenswerk geehrt. Darunter der britische Düsentrieb James Dyson, ein Erfinder durch und durch: Als er einst ein Landhaus restaurierte, versank das Rad seiner Schubkarre ständig im Schlamm. Er löste das Problem, indem er das Rad durch einen Ball ersetze. Während diese Erfindung nicht den finanziellen Durchbruch brachte, hat ihn sein beutelloser Staubsauger zu einem der reichsten Männer Großbritanniens gemacht. Dafür pokerte er allerdings hoch: Bis zum Durchbruch baute er 5127 Prototypen des Saugers und stand kurz vor dem Ruin.

Ähnliche Bedrängnis führte zum ersten Mikrochip. Der Italiener Federico Faggin (Platz 1 in der Kategorie Lebenswerk) war ganz neu bei Intel, als ihn ein Kollege mit dem angeblich fertigen Chip für einen japanischen Kunden allein ließ und auf Geschäftsreise ging. Doch nichts funktionierte und der Kunde verließ fluchend die Präsentation. Faggin machte sich pflichtschuldig an die Arbeit, um den Auftrag zu retten – wohl wissend, dass die Konkurrenz nicht schlief. Ein halbes Jahr später hatte er die Lösung. Heute sagt er: „Erfinden ist ein zähes Ringen zwischen denen, die an ihre Idee glauben und jenen, die dabei etwas zu verlieren haben.“

Zwei der sechs ersten Preise gingen am Mittwoch nach Deutschland. Zbigniew Janowicz von der Düsseldorfer Rhein Biotech GmbH hat gemeinsam mit Cornelius Hollenberg Massen-Impfungen gegen Hepatitis B den Weg bereitet. Unter der Krankheit leidet laut WHO ein Drittel der Menschheit. Sie wird bei Sexualkontakten, über Spritzen oder verunreinigte Blutprodukte übertragen. Impfprogramme gelten als bestes Gegenmittel. Doch die Impfstoffe waren dafür zu teuer – bis die Düsseldorfer Forscher ein Verfahren schufen, das es erlaubt, sie an Hefestämmen zu züchten. Seither gingen über 450 Mio. Einheiten des Impfstoffs in alle Welt.

Auf ganz anderen Pfaden bewegt sich Prof. Peter Grünberg aus dem Forschungszentrum Jülich, Sieger in der Kategorie Forschungszentren. Seine Entdeckung sorgte für den sprunghaften Anstieg der Speicherkapazität von Computerfestplatten. In den 80ern experimentierte Grünberg mit dünnen Sandwiches aus zwei magnetischen Schichten, die von einer nur wenige Atomlagen starken, nichtmagnetischen Chromschicht getrennt wurden. In Magnetfeldern beobachtet er, dass die magnetischen Momente der äußeren Schichten sich mal parallel, mal antiparallel ausrichteten. Immer beim „Umklappen“ änderte sich der elektrische Widerstand dramatisch. Das Phänomen löste ein Problem, das die Festplattenentwicklung vorher in die Enge getrieben hatte. Je näher die magnetisierten Felder (Bits) auf Festplatten zusammengerückt wurden, desto schwieriger war es für den Lesekopf, die einzelnen Signale zu empfangen. Grünbergs Sandwich aber reagierte auf kleinste Magnetfeldänderungen mit großer Wirkung – und war somit der ideale Verstärker im Lesekopf. Dank der Erfindung ließ sich die Speicherkapazität von Festplatten ums 50fache steigern. Heute basieren über 90 % aller Festplatten auf dieser Idee.

In der Kategorie „Kleine und mittelständische Unternehmen“ siegten Stephen P.A. Fodor und Kollegen des niederländischen Unternehmens Affymax andere für die Erfindung des sog. DNA-Chips.

Als bester Erfinder in der Kategorie „Neue EU-Mitgliedsländer“ wurde John Edward Starrett von der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Prag, ausgezeichnet. Er hat gemeinsam mit Kollegen neuartige Wirkstoffvorläufer gegen Virus-Infektionen und für die Tumortherapie entwickelt.

Die Kategorie „Nicht-Europäische Länder“ entschieden Larry Gold und Craig Tuerk von NeXstar Pharmaceuticals Inc., USA, für sich. Sie entdeckten, dass sich Nukleinsäuren an ein Protein binden können, um so andere krankheitsauslösende Proteine abzufangen.

PETER TRECHOW

www.european-inventor.org

„Erfinden ist ein Ringen zwischen denen, die an Ideen glauben und jenen, die dabei etwas zu verlieren haben“

Von Peter Trechow

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