Recht

„Das stinkt mir langsam!“

 Schneller und innovativer sein als die Ideendiebe.

Plagiate sind für viele Richter leider noch immer ein Kavaliersdelikt“, klagt Prof. Rido Busse. „Dabei ist der wirtschaftliche Schaden, den skrupellose Nachahmer anrichten, gigantisch. Allein in Deutschland beläuft er sich auf jährlich rund 35 Mrd. €. Weltweit sind es über 300 Mrd. €. Die Dunkelziffer ist noch größer. Viele Firmen melden ihre Probleme mit Fälschern gar nicht. Sie fürchten eine erhöhte Nachfrage nach den meist billigeren Kopien.“ Bereits 10 % aller gehandelten Güter seien Plagiate – Tendenz steigend. „Je schlechter die Zeiten, desto größer die Versuchung, Ideen zu klauen und die Produkte andernorts günstiger herstellen zu lassen“, so der Designer. Damit einher gehe ein gewaltiger Verlust von Arbeitsplätzen.
Um dem entgegenzuwirken, erfand Busse 1977 den Negativpreis „Plagiarius“, symbolisiert vom schwarzen Zwerg mit der goldenen Nase. Vergangene Woche wurde er bereits zum 28. Mal verliehen. Von den „Gewinnern“ war – wie in den Jahren zuvor – keiner anwesend. Ihre Opfer aber traten an, um vor den Ideendieben zu warnen. Marina Prak, Marketing Managerin der holländischen Prolyte Products Group, klagt: „Unsere Boxcorner, ein variables Knoten-Element für Vierkant-Traversen, wird seit Jahren von der tschechischen Firma Milos kopiert.“ Die Fälschungen der Fachwerkträger aus Aluminium, die vor allem in der Veranstaltungstechnik zum Einsatz kommen, sind äußerlich kaum vom Original zu unterscheiden. Ihre Qualität aber ist nicht vergleichbar. „Die Toleranz der Verbindungsstücke ist viel größer, aufgebaute Konstruktionen werden dadurch instabil. Menschen in ihrer Nähe werden durch herunterstürzende Teile gefährdet.“ Besonders perfide: Die Fälschung passt auf das Original, das Original aber nicht mehr auf die Fälschung …
Einmal mehr fand sich auch die Alfi GmbH in der Opferrolle wieder. Ihre Isolierkanne „Modern Classic No. 1“ gefiel den Designern der chinesischen Gesellschaft Taizhou Donbao Plastic Vessels so gut, dass sie sie fast eins zu eins übernahmen. Jörg Dümmig-Zitzmann, Geschäftsführer des Wertheimer Haushaltswaren-Herstellers, ist über die Ehre des Kopiertwerdens wenig erfreut: „Seit Anfang des Wettbewerbs sind wir regelmäßig in der Opferrolle. Das stinkt mir langsam!“
Hersteller des am frechsten kopierten Originals 2004 ist die Firma Rudisport, Ulm. Ihr „Davoser Klappschlitten“ wird von der Funcenter Industrial Inc. in Taiwan en detail nachgebaut. „Eigentlich“, sagt Firmengründer Rudi Scheib, „ist es eine Auszeichnung, dass meine Erfindung so viel Anklang findet.“ Doch wirklich freuen kann er sich nicht – drohen ihm doch Umsatzeinbrüche und ein Imageschaden. Sein Rezept zur Problemlösung: „Immer neue Innovationen!“
Damit spricht der Preisträger dem Laudator Lothar Späth aus der Seele. „Deutsche Entwickler müssen schneller und besser sein als die Fälscher in anderen Teilen der Welt.“ Der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Jenoptik AG fordert mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung. „Wir brauchen mehr kreative Leute und mehr Innovationen.“ Außerdem wünscht sich Späth einen besseren Schutz geistigen Eigentums und eine schärfere Strafverfolgung von Fälschern. „Wir können es uns nicht erlauben, dass wir unseren geistigen Vorsprung nicht länger in bare Münze umwandeln können.“
Wirksame Schutzmechanismen gegen die Produktfälscher gibt es indes kaum: „Die oft eingesetzten Hologramme lassen sich fast genauso schnell nachbasteln wie die Produkte“, so Busse. Andere Lösungen, etwa integrierte Microchips, seien zu teuer. Ansatzweise helfen könnten Mikropartikel. „Sie werden Kunststoffteilen des Originals beigemengt, bleiben für den Fälscher aber unsichtbar.“ In Schadenfällen mit Fälschungen könnten damit zumindest Regeressansprüche vom eigentlichen Hersteller abgewendet werden.
Besonders brisant sind laut Busse Fälschungen im Medikamentenbereich. „Beliebt bei den Nachahmern ist etwa die Potenzpille Viagra. Patienten, die Tabletten mit leicht abgeänderter Rezeptur bekommen, können sich noch glücklich schätzen. Peinlich wird es unter Umständen für solche, die eingefärbtes Traubenzucker einnehmen. Und gar Lebensgefahr besteht dann, wenn die Inhaltsstoffe des vermeintlichen blauen Wunders zu unvorhersehbaren Wechselwirkungen mit anderen Arzneien führen.“ S. ASCHE

Von S. Asche

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