Arbeitsrecht

Das letzte Gefecht  

VDI nachrichten, Nürnberg 3. 3. 06 moc Das Ende kam schnell. Am vergangenen Sonntag wurde bekannt, dass der ehemalige bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu im AEG-Streik vermitteln werde. Nach einem Verhandlungsmarathon in der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche hatten sich Gewerkschaft und Konzernleitung geeinigt. Das AEG-Werk in Nürnberg wird bis 2007 geschlossen.

Am letzten Freitag im Februar ist es vor dem Werksgelände der AEG in Nürnberg noch einmal richtig kalt geworden. In den Blechtonnen, die für die Nachtschicht vorgesehen sind, brennen Holzpaletten. Um sie stehen die Streikposten, um sich zu wärmen. Ein Arbeitskampf ist eine unspektakuläre Sache, erst recht am 36. Tag, wenn das ganz große öffentliche Interesse sich erstmal beruhigt hat und Übertragungswagen und Fotografen nur dann vorbeikommen, wenn sich hoher Besuch angekündigt oder neue Ergebnisse erwartet werden.

Das ist am letzten Freitag schon nicht mehr der Fall. Am Wochenanfang hatten beide Seiten ihre Verhandlungen noch als konstruktiv bezeichnet. „Nicht viel, aber doch ein Stück“ habe man sich aufeinander zu bewegt, so IG-Metall-Verhandlungsführer Werner Neugebauer am Montag vergangener Woche. Doch am Dienstag wurden die Verhandlungen abgebrochen.

Seit dem 20. Januar wird nun schon gestreikt.

Fast ein Jahr geht jetzt der Kampf ums Überleben – seitdem die schwedische Muttergesellschaft Electrolux vorgerechnet hat, dass Geschirrspüler und Waschmaschinen in Polen billiger zu produzieren sind. Das wusste man auch in den Nürnberger Werkhallen. Weshalb man sich auf die 30-Stunden-Woche und Stellenabbau eingelassen hat. Doch nun soll der Standort bis 2007 komplett geschlossen werden. Rund 1750 Beschäftigte sind betroffen.

Im großen Zelt, wo sich die Streikenden aufwärmen können, sind die Wände mit Briefen und Plakaten gepflastert. Und natürlich erschien auch Oskar Lafontaine, um den Werktätigen vor den Kameras beizustehen.

Drinnen im Zelt weiß niemand so recht, was er noch hoffen kann. Die Schließung so teuer wie möglich zu machen, damit sie sich am Ende für Electrolux nicht mehr lohnt – das war mal das Ziel. Zur Zeit rechnet der Konzern mit Schließungskosten von 245 Mio. €. Aber von diesem Ziel spricht niemand mehr.

Es scheint, als hätten sich die meisten mit dem Ende schon abgefunden. Es geht nur noch darum, die Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Denn was danach kommt, weiß keiner mehr.

Gegenüber dem Werksgelände prangt das Logo von Quelle, zurzeit selber mit Stellenabbau beschäftigt. Fast 60 % der Industriearbeitsplätze sind in Nürnberg in den letzten anderthalb Jahrzehnten verschwunden, mit ihnen große Namen wie Grundig oder Triumph-Adler.

Die Globalisierung muss man hier niemandem mehr erklären – dass eine Arbeitsstunde in Nürnberg den Konzern 28 € kostet und in Polen nur ein Zehntel, wurde ihnen schon vorgerechnet. Wie man aber mit weniger in Deutschland überleben soll oder wie ein polnischer Arbeiter mit 2,80 € brutto überlebt, das fragen sich die meisten immer noch. Das Wort „Sklaverei“ macht die Runde, von „Sonderwirtschaftszone“.

„Wenn ich Unternehmer wäre, würde ich auch dorthin gehen“, sagte ein streikender Anlagenführer, der seinen Namen ungern in der Zeitung lesen möchte. Für sich selber macht er sich keine Illusionen. Anfang 50 ist er, seit mehr als 30 Jahren im Betrieb und hofft eigentlich nur noch auf eine „überlebbare Vorruhestandsregelung“.

Wie groß die Wut im alten AEG-Betrieb ist, zeigt sich am Rande. An der Fassade hinter dem Werktor zu den Betrieben, die nicht bestreikt werden, hängt eine Puppe vom Dach: der Konzernchef von Electrolux, Hans Stråberg. Ein paar Tage zuvor hing er noch von der Brücke vor dem Tor.

Stråberg hatte die Arbeiter als Geiseln der IG Metall erklärt, die sich auf deren Kosten profilieren wollen. Etliche haben sich daraufhin einen Pappstreifen auf den roten Plastiküberzieher geklebt: „Geisel“ ist darauf zu lesen, gefolgt von einer Nummer.

Die Arbeiter bezahlen für Management-Fehler, ereifern sich die Streikposten an ihren provisorischen Feuerstellen. „AEG sei die Premium-Marke des Konzerns, wurde immer wieder betont“, erklärt einer der Männer kopfschüttelnd. „Trotzdem hat man sich auf einen unsinnigen Preiskampf eingelassen.“ Und sein Kollege ergänzt: „Miele und Siemens haben gezeigt, dass es auch anders geht.“

Der Metall-Gewerkschaft bleibt dazu wenig zu sagen. Sie spielt auf der gesamten Klaviatur ihrer Symbolik und Rhetorik. Im Zelt tritt Streikführer Jürgen Wechsler ans Mikrofon und berichtet vom Stand der Dinge. Dass in Polen seit heute morgen die erste Produktlinie nicht weiterproduziert werden könne, weil die Teile aus Nürnberg fehlen. Vom Besuch einer Gymnasialklasse, aus dem benachbarten Erlangen. Im Unterricht wird das Thema Arbeitskampf durchgenommen. Was mit lautem Beifall und Gepfeife quittiert wird.

Aus dem Norden ist eine Delegation der IG Metall angereist. Ein Scheck wird in die Hohe gereckt, 5500 € habe man unter den Werftarbeitern gesammelt, um den Kollegen in Nürnberg die Solidarität zu zeigen. Wieder Pfeifen und Klatschen.

Ein Streikordner steht nachdenklich hinten im Zelt: „Die Frage ist doch, was passiert mit diesem Land? Ich glaube, dass sich viele das fragen. Deshalb gibt es diese große Solidarität.“

Geholfen hat sie wenig – und viele haben auch während des Arbeitskampfes kaum daran geglaubt, dass das Werk bestehen bleibt.

Für die betroffenen Arbeiter wurde ein Paket mit Abfindungszahlungen, Qualifizierungsmaßnahmen und Vorruhestandsregelungen geschnürt. 1,8 Bruttomonatslöhne je Beschäftigungsjahr soll jeder erhalten.

PETER HARTIG

Von Peter Hartig

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