Geheimniskrämerei ums Einkommen

Bezahlung – ein Tabuthema

In deutschen Unternehmen der Normalfall, in den USA weitgehend unbekannt. Dort wird offener über Gehälter gesprochen.

Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus? In privat geführten Unternehmen sind Gehälter geheim. In der DDR dagegen wusste jeder, was der andere verdient. Die Gehaltsunterschiede waren ohnehin gering, selbst ein Leitender hatte nie über 2 000 Mark im Monat auf dem Lohnstreifen. Wie Arbeit in Geld bewertet wurde, war publik.
In der Marktwirtschaft aber, zumindest der deutschen, ist die Bezahlung ein Tabuthema. „Viele Angestellte haben sogar in ihrem Arbeitsvertrag einen Passus unterschrieben, der zum Schweigen über das Gehalt verpflichtet“, sagt Stefan Küpper von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Köln. Gängige Erfahrung: Was die Mitmenschen verdienen, lässt sich nur bei jahrelangen guten Freunden in Erfahrung bringen.

Publizität bei den Einkommen würde Neid schüren

Personalabteilungen begründen die Geheimniskrämerei so:

  • Publizität würde den Neid schüren, deshalb ist Stillschweigen zu bewahren.
  • Begehrlichkeiten vermeiden: Wenn vor fünf Jahren ein Informatiker für 50 000 DM Jahresgehalt eingestellt wurde, dieselbe Qualifikation aber jetzt für 100 000 DM rekrutiert wird, würde das bei Publizität Begehrlichkeit wecken.
  • Schutz der Mitarbeiter: Wenn jemand auf einen geringerwertigen Job versetzt wird, aber seinen Lohn behält, dient Schweigen dem Betriebsfrieden.
  • Spitzenkräfte im Vertrieb verdienen oft mehr als der Vorstand und andere Leitende. Auch darüber wird nicht gesprochen, um keine Begehrlichkeiten zu wecken.

Alexander von Preen, der sich bei der Kienbaum Vergütungsberatung, Gummersbach, mit Gehaltsanalysen beschäftigt, fasst seinen Eindruck so zusammen: „Es schickt sich nicht, über Geld zu reden.“
Schweigen sei nach wie vor die kulturelle Norm. Geschäftsleitungen unterstützen das: Sie scheuen die Publizität wie der Teufel das Weihwasser, weil sie Angst haben, dass sonst die Arbeitnehmer versuchen, die Gehaltsschraube nach oben zu drehen. Wenn von Preen bei seinen Recherchen Gehälter auswertet und vergleicht, schickt er die anonymisierten Ergebnisse als Studie immer an den Arbeitgeber, nie an die Mitarbeiter. Die Gewerkschaft bestätigt die Gründe für die verbreitete Heimlichtuerei: „Manchmal werden nicht nachvollziehbare Unterschiede in der Entlohnung gemacht. Wenn das alles offen liegen würde, gäbe es nur Ärger“, meint Helmut Cors von der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG), Hamburg.
Die Mauer des Schweigens hat freilich auch Löcher: Im Staatsdienst etwa sind die Gehälter öffentlich. Jeder kann nachsehen, was der Polizeibeamte von der Wache um die Ecke verdient, oder der Hochschulprofessor, oder der Leiter des Einwohnermeldeamtes – oder der Bundeskanzler.
Dass der offene Umgang mit Informationen zum Geld nicht ungewöhnlich ist, zeigt die Praxis in den USA: „Viele Zahlen sind offen zugänglich oder werden freiwillig bekannt gegeben“, beschreibt Peter Thiels, Mitinhaber des Immobilienberatung Transinvest, Atlanta, die Situation. Steuererklärungen sind in den USA beim Finanzamt einsehbar, und im lockeren Gespräch sind viele Amerikaner offen mit Informationen über ihren Verdienst.
Hintergrund dieser Einstellung: „Amerikaner sind nicht neidisch, anders als Deutsche“, so Thiels, der vor seiner Firmengründung in verschiedenen Funktionen für die Commerzbank arbeitete. „Wenn jemand weiß, Joe macht 20 000 Dollar mehr im Jahr – dann ist die Schlussfolgerung: Sieh an, es geht, also habe auch ich eine Chance. In Deutschland dagegen würde sich jeder fragen: Warum verdient der mehr als ich?
In Amerika wird die Verlockung des Geldes ganz offen als Motivationsmittel eingesetzt, mit Erfolg. Diese Erfahrung nutzt auch die Mensch und Maschine Software AG (MuM), Wessling, bei München. Hier wird ein für deutsche Verhältnisse ungewöhnliches Gehaltsmodell praktiziert: Jeder weiß von jedem, was er verdient, es herrscht totale Gehaltstransparenz – so weiß auch die Telefonistin, dass der Gründer und Vorstandsvorsitzende Adi Drotleff im vorletzten Jahr insgesamt 384 696 DM überwiesen bekam.

Alle Mitarbeiter bestimmen, wie hoch das Gehalt sein darf

Ergänzt wird das Modell um ein demokratisches Verfahren: Über Gehaltserhöhungen wird per demokratischer Wahl abgestimmt. Das Verfahren: Alle sechs Monate wird der Gehaltskuchen um 3 % vergrößert. Wer wie viel von diesem Wachstum abbekommt, regeln die Mitarbeiter selbst. Die Abstimmung ist geheim, jeder kann über die Bezüge der Kollegen befinden. Als Bewertungsmaßstab dient eine Skala von minus eins bis plus vier, Stimmrechte von Häuptlingen werden höher gewichtet als die der einfachen Krieger. Die Ergebnisse werden kumuliert und der Gehaltskuchen gemäß den Werten verteilt. Wer sehr gut abschneidet, kann eine Lohnerhöhung bis 12 % bekommen, wer nur Minuspunkte kassiert, dem wird das Salär um bis zu 1 % heruntergesetzt. „Alle haben die Offenlegung begrüßt“, sagt Michael Endres von MuM. „Wir wollten verhindern, dass nur der Chef über das Gehalt bestimmt.“
So vorgeprescht wie MuM sind bisher nur wenige Unternehmen in Deutschland. Doch die Offenlegung wird immer ein Minderheiten-Thema bleiben, prophezeit Stefan Küpper von der BDA: „Es hat sich noch kein Gesinnungswandel beim Thema Transparenz vollzogen“. Der Einzelverdienst wird in den meisten Unternehmen auch weiterhin geheim bleiben. Aber viele Firmen arbeiten daran, ihr Gehaltssystem übersichtlicher zu machen: Die Mitarbeiter sollen wissen, welche Tätigkeit in welche Gehaltsklasse gehöre, und wie die Verdienstmöglichkeiten seien, meint DAG-Vergütungsexperte Helmut Cors. „Es muss gar nicht jeder Lohnbetrag im Intranet bekannt gemacht werden. Aber die Gehaltsstruktur sollte transparent sein“.
AXEL GLOGER
Geheimniskrämerei ums Geld: Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Unternehmen halten sich Personalabteilungen in Deutschland beim Thema Einkommen nach wie vor bedeckt.

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