Arbeitsrecht

Betriebsräte im virtuellen Raum

Die Angestellten beim US-Online-Buchversand Amazon wollen eine Gewerkschaft gründen.

In der amerikanischen Firmenzentrale von Amazon in Seattle hat sich das Klima spürbar verschlechtert. Der Grund: Die Mitarbeiter wollen mehr formelle Mitbestimmung und dazu eine Arbeitnehmervertretung wählen. Doch das wird nicht gerne gesehen. Gewerkschaftsarbeit wird argwöhnisch betrachtet und als „unkooperative Haltung“ gegenüber dem Arbeitgeber aufgefasst.
So sind die Führungskräfte bei Amazon aufgerufen, auf nachlassende Arbeitsleistung und verdächtige Handlungen zu achten, wie etwa in Gruppen zusammenstehende Mitarbeiter, die „plötzlich ihr Gespräch beenden, wenn ein Vorgesetzter naht“. Das interne Empfehlungsschreiben von Amazon, das die „New York Times“ aufgedeckt hat, ließ die Stimmung beim Online-Versand in den Keller rutschen.
Nunmehr scheinen im Reich der flachen Hierarchien die Möglichkeiten gar nicht mehr unbegrenzt. Das Image der New Economy samt ihrem Selbstverständnis, ein fast kameradschaftliches Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern etabliert zu haben, hat Schaden gelitten. Gewöhnlich legen die Dotcom-Firmen großen Wert auf fairen Umgang mit ihren Angestellten.
Oft sind die Mitarbeiter per Aktienoptionen an der Firma beteiligt, deren Wachstum und Profit ihnen am Herzen liegt. Die Löhne und besondere Leistungszuschläge werden bei Einstellung individuell ausgehandelt. So genannte „goodies“, von Monatsfahrkarten bis zum kostenlosen Friseurbesuch, sind die Regel. Auch Amazon-Firmenchef Jeff Bezos kann nicht recht begreifen, wie ihm augenblicklich geschieht. „Jeder in unserer Firma ist ein Mitbesitzer. Wir brauchen keine Gewerkschaft. Jeder Angestellte kann jederzeit Fragen oder Sorgen zu seinem Arbeitsplatz ansprechen.“
Doch allenfalls einige Amazon-Mitarbeiter der frühen Stunde können sich zu den Aktienmillionären zählen. Vom Börsenkurseinbruch unter den neuen Technologiefirmen blieb die Firma nicht verschont. Die Aktie hat innerhalb dieses Jahres um 70 % an Wert eingebüßt. Für einen großen Teil der mehr als 5000 Amazon-Beschäftigten sind die Aktienoptionen daher wenig wert. Zusätzlich sorgen 130 Pleiten unter den amerikanischen Dotcoms für Unruhe. Ernüchterung hat Einzug gehalten in die New Economy und die Beschäftigten bei Amazon sind dementsprechend bereit, den Bemühungen der Gewerkschaft „Washington Alliance of Technology Workers“ zu folgen und sich zu organisieren.
Dagegen zeigt sich die Situation bei Amazon Deutschland entspannter. In der Firmenzentrale in Bad Hersfeld, wo 500 Menschen beschäftigt sind, existiert seit zwei Jahren ein Betriebsrat. Und der gibt sich kampflustig. „Wir haben hier schnell klargemacht, dass Bad Hersfeld kein amerikanisches Hoheitsgebiet ist,“ erklärt Gewerkschaftsvertreter Hans Ries. Gegenwärtig wird um einen Haustarifvertrag und eine Lohnerhöhung gefochten – von 16,80 DM auf 18,20 DM. Unter den IT- und Newmedia-Firmen bildet Amazon damit eine Ausnahme. Auf weniger als 16 % wird in den Bereichen Internet, Software und Telekommunikation der Anteil von Firmen mit Interessenvertretung geschätzt.
Die hiesigen Gewerkschaften haben es schwer, einen Fuß in die Türen der New Economy zu bekommen. „Das Selbstbild von Multimedia-Mitarbeitern ist selten das eines Arbeitnehmers“, erklärt Hans Christian Barz, Betriebsratvorsitzender der Berliner Firma Metadesign, „ein eigenes Start-up-Unternehmen zu gründen, schwebt ständig im Raum. Solange dieser Traum an den Leuten hängt, kommen die gar nicht auf die Idee, in die Gewerkschaft zu gehen.“
Auch die bei Arbeitgebern auf heftigen Protest gestoßene Reform des Betriebsverfassungsgesetzes zielt auf mehr Mitbestimmung. Das 28 Jahre alte Gesetz soll novelliert werden. Die Pläne von Bundesarbeitsminister Walter Riester sehen vor, kleineren Betrieben zwischen fünf und 50 Mitarbeitern die Gründung eines Betriebsrates zu erleichtern. Die vorgesehene Vereinfachung des Wahlverfahrens würde die Betriebsratswahl in geheimer Abstimmung und innerhalb einer einzigen Versammlung erlauben. Des weiteren soll ein Betriebsrat bei Aufspaltung eines Unternehmens ein Übergangsmandat erhalten. Vorgesehen ist auch eine Frauenquote, gemäß dem Anteil der weiblichen Beschäftigten, sowie verbesserte Freistellungsmöglichkeiten für Betriebsräte in Firmen ab 200 anstatt wie bisher 300 Mitarbeitern.
Beim Berliner Multimedia-Dienstleister Metadesign gibt es den Betriebsrat bereits seit 1993. Damals hatte die Firma 30 Angestellte, heute sind es über 200. Zu den Erfolgen der sieben Betriebsräte zählen neben Überstundenregelungen, Jahresgratifikationen und Ertragsboni auch das Mitwirken an einem „Verschmelzungsvertrag“, der eine unabhängige Druckerei unter dem Dach von Metadesign vereint hat, ohne dass es zu Personalabbau gekommen ist. „Indem ich einen Betriebsrat gründe“, erklärt Hans Christian Barz, „unterstütze ich mein Unternehmen. Auseinandersetzungen, die im Zweifel dazu führen, dass sich Leute selbstständig machen, können abgefedert werden.“ HELMUT MERSCHMANN
Infos zu Multimedia und Arbeitswelt unter http://www.multimediabüro.de oder http://www.mediafon.net

Von Helmut Merschmann
Von Helmut Merschmann

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