Arbeitsrecht

„Betriebsräte werden gestärkt“  

VDI nachrichten, Frankfurt, 14. 9. 07, has – Mit dem ERA-Tarif sollen Unterschiede bei der Bezahlung wieder nachvollziehbar gemacht werden, meint der Tübinger Industriesoziologe Reinhard Bahnmüller.

Bahnmüller: Die Rollen zwischen den Tarifparteien haben sich umgekehrt. Der Arbeitgeberverband Südwestmetall will den Spielraum der Betriebe klein halten, während die IG Metall möglichst viel betrieblichen Gestaltungsspielraum haben will. Die Korrektur der gewachsenen betrieblichen Entgeltstrukturen erweist sich zudem als größeres Problem als gedacht. Was sich über die Jahrzehnte entwickelt hat, lässt sich von einem Tag auf den anderen nur unter Inkaufnahme heftiger Konflikte verändern. Hier geht es um Geld, fast mehr aber noch um Anerkennung.

VDI nachrichten: Die Auftragsbücher in der Metall- und Elektroindustrie sind voll. Gehen die Arbeitnehmervertreter gestärkt in die ERA-Gespräche?

Bahnmüller: Die Verhandlungsposition der Betriebsräte wird sicher gestärkt. Die Arbeitgeber versuchen weniger, die einzelnen Arbeiten besonders niedrig zu bewerten. In manchen Betrieben, die ERA schon vor ein, zwei Jahren eingeführt haben, wird jetzt nachjustiert. Dass dadurch die im ERA festgelegten Entgeltstrukturen, also die Relation zwischen Anforderungsniveau und ihrer geldlichen Bewertung, gravierend verschoben werden, glaube ich allerdings weniger. Bei Beschäftigtengruppen, die auf dem Arbeitsmarkt jetzt schwerer zu bekommen sind, dürfte einiges über persönliche Zulagen geregelt werden. Dadurch würde der ERA aber nicht teurer. Den Arbeitgebern ist auf fünf Jahre Kostenneutralität garantiert. Daran ändert sich nichts.

VDI nachrichten: Welche Ziele werden mit ERA verfolgt?

Bahnmüller: Ordnungspolitisch geht es darum, die Bedeutung des Tarifvertrags für Betriebe und Beschäftigte deutlich zu machen. Der Nutzen liegt in der Wiederherstellung einer nachvollziehbaren Ordnung in der Entgeltdifferenzierung. Verbandspolitisch geht es dem Arbeitgeberverband Südwestmetall darum, die Zuständigkeiten und die Verantwortlichkeiten zwischen betrieblicher und zentraler Verantwortung neu abzugrenzen. Es soll klargelegt werden, dass Klagen über teure Tarifverträge unberechtigt sind und der Verband nicht länger gewillt ist, sich die Folgen der betrieblichen Entgeltpolitik ankreiden zu lassen.

Schließlich geht es um viel Geld. ERA verfolgt zwar nicht das Ziel, Kosten zu senken, aber wenn er zu Einsparungen führt, wäre man bei Südwestmetall sicher nicht unglücklich. Die IG Metall will dies natürlich verhindern.

VDI nachrichten: Die Arbeitgeberverbände gehen offenbar mit unterschiedlichen Interessen an ERA heran. Erwarten Sie einen Konflikt bei Gesamtmetall über die künftigen Aufgaben von Betriebs- und Tarifvertragsparteien?

Bahnmüller: Den Konflikt gibt es schon, es ist die Frage, welche Linie die Oberhand behält. Südwestmetall steht zum Flächentarifvertrag. Mitgliedschaften ohne Tarifbindung (OT) gibt es hier zwar auch, aber dafür wird nicht geworben. Das ist in Bayern anders, wo der Metall-Arbeitgeberverband mittlerweile mehr OT-Mitglieder als solche mit Tarifbindung hat. OT-Mitglieder sind vor allem Klein- und Mittelbetriebe, weil in manchen Verbänden größere Unternehmen mehr Stimmen in Gremien haben. Bei Südwestmetall ist das nicht so. Hier gilt das Prinzip „Ein Betrieb – eine Stimme“. Auch das macht eine OT-Mitgliedschaft weniger attraktiv.

VDI nachrichten: Wie verhalten sich die Arbeitgeberverbände bei der ERA-Beratung ihrer Mitgliedsunternehmen?

Bahnmüller: In Baden-Württemberg ist der Arbeitgeberverband sehr offensiv. Er verhält sich nicht wie ein passiver Dienstleister, der sich damit bescheidet, auf Kundenanforderungen zu reagieren und Beratungsangebote erst auf Nachfrage zur Verfügung zu stellen. Betriebe werden aufgesucht, vor Konflikten mit dem Management und mit Führungskräften scheut man sich nicht. Notfalls wird auch ein Rauswurf riskiert. Die Beratung wird nicht freien Beratern überlassen, sondern in eigener Regie durchgeführt. Der Verband hat etwa 30 ERA-Berater angestellt. Man will die Umsetzung unter direkter Kontrolle behalten. Das gilt auch für die IG Metall.

VDI nachrichten: Die großen Unternehmen haben das neue Entgeltsystem mittlerweile eingeführt. Wie verhält sich der Mittelstand?

Bahnmüller: Manche schieben die ERA-Einführung vor sich her, vor allem Unternehmen, die aufgrund ihres hohen Facharbeiteranteils Mehrkosten fürchten. Das betrifft vor allem den Maschinenbau. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Betriebe ERA erst sehr spät oder auch gar nicht einführen wollen, weil ihnen die Kosten zu hoch sind. Wir schätzen den Anteil derzeit auf etwa 10 %. Das wäre keine gute Entwicklung. SIMONE EBEL-SCHMIDT

  • Simone Ebel-Schmidt

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