Arbeitsrecht

Arbeitsschutz rechnet sich

Nicht allen Unternehmen ist bewußt, daß sie bereits bis zum 31.? 8. 97 für jeden Arbeitsplatz eine Gefährdungsanalyse durchführen mußten. Jetzt erhöhen Gewerbeaufsichtsämter und Berufsgenossenschaften den Druck. Bußgelder drohen.

Meine Arbeit fällt mir heute viel leichter als früher und ich habe viel seltener Rückenschmerzen.“ Nicht ein persönliches Fitness-Programm, sondern eine Gefährdungsanalyse seines Arbeitsplatzes und die sich daran anschließenden Verbesserungen sind der Grund für das positive Urteil von Alexander Geworsky, Lagerarbeiter bei der Düsseldorfer Kaufring Logistik GmbH.
Bereits Ende 1997 beauftragte die Kaufring AG für ihre am Standort in Düsseldorf ansässigen Unternehmen das Institut für Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Darmstadt, die rund 1 500 Arbeitsplätze in Düsseldorf im Hinblick auf mögliche Gefährdung für die Mitarbeiter zu untersuchen und, falls nötig, Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Kaufring Logistik, Dipl.-Kfm. Andre Meise, sowie dem verantwortlichen Personaldirektor Klaus-Peter Stupnanek wurde das Projekt mit dem Institut durchgeführt. Nach ihrer Aussage rechnet sich eine vorbeugende Arbeitsgestaltung im Sinne des neuen Arbeitsschutzgesetzes. Stupnanek: „Auf Dauer haben wir gesündere und zufriedenere Mitarbeiter, weniger Erkrankungen in der Belegschaft, und wir zahlen niedrigere Beiträge an die Berufsgenossenschaft.“
„Ein Großteil der arbeitsbedingten Erkrankungen in Industrie und Handel wird durch mangelhafte Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation mit verursacht“, erklärt Universitäts-Professor Dr.-Ing. Kurt Landau, Leiter des Institutes für Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Darmstadt. Der Gesetzgeber hat dieser Erkenntnis bereits 1996 mit einer Novellierung des Arbeitsschutzgesetzes Rechnung getragen. Er hat dabei besonderen Wert auf die Erarbeitung der Bildschirmarbeitsverordnung und Verordnungen zum Heben und Tragen von Lasten sowie zur persönlichen Schutzausrüstung gelegt. Damit verbunden war auch die Überführung der EU-Richtlinien zum Arbeitsschutz in deutsches Recht.
Dem Arbeitgeber fallen nun weitreichende Pflichten zu. So muß er alle erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes treffen, auf ihre Wirksamkeit überprüfen und sich ändernden Gegebenheiten anpassen. Einen wichtigen Stellenwert hat dabei § 5 des Arbeitsschutzgesetzes. Danach ist für jeden Arbeitsplatz eine Gefährdungsanalyse durchzuführen. Werden Gefährdungen festgestellt, müssen diese zumindest mittelfristig beseitigt und entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Sind kostspielige Verbesserungen notwendig, können diese in die Investitionsplanung aufgenommen werden. „Die Verbesserungen müssen nicht über Nacht durchgeführt werden. Dem Gesetzgeber reicht es, wenn zumindest ein Termin festgelegt wird, bis wann die erforderlichen Maßnahmen vollzogen sein sollen“, so Landau.
Betriebe, die zehn und mehr Mitarbeiter beschäftigen, müssen zudem die Gefährdungsanalyse genau dokumentieren und bei Prüfungen durch das Amt für Arbeitsschutz vorlegen. Fehlt diese Dokumentation und werden zudem Mängel festgestellt, müssen diese bis zu einem von den Beamten angegebenen Termin beseitigt werden. Nach Überschreiten dieser Frist können Bußgelder von bis zu 50 000 DM fällig werden.
Bis zum 31. August 1997 hätten alle Betriebe ihrer Pflicht, die Arbeitsplätze zu analysieren, nachkommen müssen. Doch bestenfalls die Hälfte, schätzen Experten, haben sich bisher mit dem Thema auseinandergesetzt. „Vielen ist gar nicht bewußt, daß sie damit gegen geltendes Gesetz verstoßen“, so Landau. Überprüft wird die Einhaltung und Umsetzung der Verordnungen durch die Ämter für Arbeitsschutz bzw. die Gewerbeaufsichtsämter im Zuge der üblichen Revisionstätigkeit der Beamten in den Unternehmen. „Wer dann eine einwandfreie Dokumentation der Gefährdungsanalysen vorlegen kann, fällt positiv auf und hat sicher einen Pluspunkt bei der Gesamtüberwachung“, erklärt Dr. Bernhard Brückner, der für den Arbeitsschutz verantwortliche Referatsleiter im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit.
Unterstützung kommt außerdem von den Berufsgenossenschaften. Zur Zeit erarbeiten Ämter und Berufsgenossenschaften gemeinsam genauere Checklisten, um die Überprüfung zu vereinfachen und damit mehr Unternehmen unter die Lupe nehmen zu können.
Als eines der ersten Unternehmen des Handels kam Kaufring den Verpflichtungen nach. Speziell in der Logistik werden jedes Jahr Waren im Handelswert von rund 2 Mrd. DM, von der Ersatznadel für Nähmaschinen über Bekleidung bis zur Hollywoodschaukel umgeschlagen. Entsprechend vielfältig sind Umfang, Größe und Gewicht der Pakete, die täglich bewegt werden müssen und die damit verbundenen Belastungen für die Mitarbeiter. Das Unternehmen nutzte den vom Darmstädter Institut für Arbeitswissenschaft (IAD) angebotenen EU-Check, um die Arbeitsplätze sorgfältig zu analysieren. Schließlich entschloß sich das Management zur Zusammenarbeit mit dem IAD.
„Gemeinsam wollten wir eine wissenschaftlich fundierte Lösung finden für Lagerbetriebe und die Verordnung zum Heben und Tragen von Lasten, da Berufsgenossenschaften und Behörden zu diesem frühen Zeitpunkt noch wenig Hilfen geben konnten“, erläutert Meise. Bereits nach einem halben Jahr lag das Gesamtergebnis der Analyse und die Zertifizierung durch das IAD vor. „Die Masse unserer Arbeitsplätze sind danach nicht gesundheitsgefährdend, und wir mußten nur relativ wenig ändern“, freuten sich die Projektmanager. Heute steht für sie fest: „Die Analyse öffnet die Augen und man bekommt ein Gespür dafür, wo Gefahren bestehen und wie sie, manchmal schon durch geringfügige Maßnahmen, beseitigt werden können.“
Eine Erkenntnis, die Diplom-Ingenieur Horst Gessner, zuständig für die Arbeitssicherheit bei dem Automobilzulieferer Euroval in Bad Homburg, bestätigt. Er bediente sich Anfang 1998 der Hilfe des IAD für die Gefährdungsanalyse der Bildschirmarbeitsplätze. Das Unternehmen fertigt Motorensteuerungsteile, insbesondere Motorenventile und Nockenwellenachsen sowie Kipphebel. Es beschäftigt ca. 1000 Mitarbeiter. Untersucht wurden rund 180 PC-Arbeitsplätze in der Verwaltung, in den Meisterbüros und im Werkstattbereich.
„Die meisten festgestellten Mängel sind, wie bei Euroval, schnell zu beheben und es müssen nicht immer teure, neue Büromöbel angeschafft werden, um Abhilfe zu schaffen“, erläutert IAD-Mitarbeiter Christoph Spelten, der die Analyse durchführte. So hilft oft schon eine Verschiebung des Schreibtischunterschrankes oder das Einfügen eines Brettes, um Monitore in eine günstigere Position zu bringen und gleichzeitig mehr Beinfreiheit zu schaffen. Hinweise, wie der Bürostuhl besser eingestellt werden kann, um Haltungsfehler zu vermeiden und Tips, die vorhandenen Jalousien auch zu nutzen, um blendenden Lichteinfall zu vermeiden, werden von den Mitarbeitern gern angenommen.
Bei der Adam Opel AG sieht man das ähnlich. „Bereits vor der angeordneten Umsetzung der Gefährdungsanalysen gab es eine einheitliche Vorgehensweise, mit der wir mögliche Gefahren erfassen, dokumentieren und die Umsetzung entsprechender Abhilfemaßnahmen in Angriff nehmen, an die wir nun anknüpfen konnten“, erklärt Ewald Frank, Leiter Arbeits- und Werksicherheit am Opel Standort Kaiserslautern. Eine weitere wichtige Basis ist die kontinuierliche Schulung und Unterweisung der Mitarbeiter, um ihren Blick für mögliche Gefährdungen zu schärfen. „Hinzu kommt, daß wir uns regelmäßig ein Schwerpunktthema vornehmen, um gezielt weitere Verbesserungen an den jeweiligen Arbeitsplätzen zu erzielen“, so Frank.
Auch die Dr.-Ing. H. c. F. Porsche AG in Stuttgart hat ihre Hausaufgaben gemacht. Hier wurden die Analysen speziell hinsichtlich mechanischer und elektrischer Gefährdungen sowie Umgebungseinflüsse wie Klima, Lärm, Gas, Dämpfe und Stäube durchgeführt. Zur Zeit werden die Bildschirmarbeitsplätze begutachtet. Doch für den leitenden Sicherheitsingenieur Gert Hohmann ist es damit allein nicht getan: „Gefährdungsanalysen müssen permanent gelebt werden, denn allein schon durch die fortschreitende Technik verändern sich auch Gegebenheiten und damit die möglichen Gefährdungen an einem Arbeitsplatz.“ Mit entsprechend geschulten Mitarbeitern ist das nach seiner Aussage kein Problem.
„Für viele andere ist die Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes eine lästige Pflicht und sie erkennen nicht die damit verbundenen Chancen, eine höhere Motivation der Mitarbeiter und die bessere Gestaltung der Arbeitsplätze in einem Rutsch zu erreichen“, erklärt Arbeitswissenschaftler Landau. Doch die Erfahrungen der Betriebe, die wie Kaufring, Euroval, Porsche oder Opel ihre Hausaufgaben bereits gemacht haben, geben ihm recht: Arbeitsschutz rechnet sich.
MAJA BECKER-MOHR
Kurt Landau: „Vielen Betrieben ist gar nicht bewußt, daß sie gegen geltendes Recht verstoßen.“
Lichtspiegelungen auf dem Monitor fallen bei einer Gefährdungsanalyse von Bildschirmarbeitsplätzen sofort auf.

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