Arbeitsrecht

Abhängige Selbstständige

Der Verzicht auf die Zeiterfassung bringt den Mitarbeitern zwar mehr Freiräume, aber auch mehr Druck. Gleichzeitig verlieren Betriebsräte an Einfluss, weil mit der Stempeluhr auch ein Instrument zum Schutz der Arbeitnehmer vor Überarbeitung verschwindet.

Mit der tariflich vorgesehenen Arbeitszeit kommt bei Lotus Development in München kaum einer der rund 500 Mitarbeiter aus. „Das Geschäft ist so spannend und unsere Mitarbeiter sind so engagiert, dass manche nicht einmal ihren regulären Urlaub in Anspruch nehmen“, berichtet Klaus Billig, Human Ressource Director Central Europe bei Lotus Development in München. „Es macht einfach unheimlich Spaß, am Ball zu bleiben und schon in jungen Jahren viel Verantwortung zu übernehmen.“
Zeiterfassungssysteme gibt es in dem Softwareunternehmen schon lange nicht mehr: „Der Job muss gemacht werden. Wann und wie, das machen Mitarbeiter und Manager unter sich aus“, erläutert Billig das Prinzip der Vertrauensarbeitszeit.
Bei Microsoft in Unterschleißheim sind festgelegte Arbeitszeiten oder gar Anwesenheitskontrollen ebenfalls verpönt: „Unsere Mitarbeiter können je nach Arbeitsanfall kommen und gehen wann sie wollen“, erklärt Pressereferentin Petra Trautwein. „Wenn es sein muss, arbeiten wir hier tagelang durch, um ein wichtiges Projekt termingerecht abzuschließen. Dafür darf man auch mal einen Tag außer der Reihe zu Hause bleiben, wenn weniger los ist. Das muss schon deshalb sein, um ab und zu den Kühlschrank wieder aufzufüllen.“

Zielvereinbarungen ersetzen Stundenkontingente

Flexible Arbeitszeitregelungen auf Vertrauensbasis setzen sich in der Computer- und Softwareindustrie immer mehr durch. Dort sind die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter besonders hoch und die technischen Voraussetzungen für die Vernetzung der Arbeitsplätze vielfach schon vorhanden. So schaffte IBM Deutschland im Januar 1999 die Stempeluhren endgültig ab. „Wir vertrauen voll auf die individuelle Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter“, erläutert Personalchef Klaus Kuhnle. Starre Arbeitszeitregelungen seien völlig fehl am Platze in global agierenden Dienstleistungsunternehmen, wo vor allem Kundennähe gefragt sei. Die Mitarbeiter wüssten zudem selbst am besten, zu welcher Tageszeit ihre individuelle Leistungsfähigkeit am größten sei, so Kuhnle: „Dieses Potenzial wollen wir nutzen.“ Leistungsbewertung und Bezahlung richte sich bei IBM folgerichtig nicht mehr nach abgeleisteten Stundenkontingenten, sondern ausschließlich nach Zielvereinbarungen, die einmal pro Jahr zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten ausgehandelt werden.
Doch gerade diese Verknüpfung von unternehmerischen Zielen mit der eigenverantwortlichen Arbeitszeitgestaltung sehen Gewerkschaften und Betriebsräte mit Sorge. Zwar sei die Abschaffung der Zeiterfassung ein tatsächlicher Gewinn an Freiheit für die Beschäftigten. Gleichzeitig stünden die Mitarbeiter aber mehr unter Druck als je zuvor, meint Wilfried Glißmann, Betriebsratsvorsitzender bei IBM in Düsseldorf. Die indirekte Steuerung der Arbeitsprozesse über rein ökonomische Zielvorgaben setze die Mitarbeiter unmittelbar dem Druck des Marktes aus. Motto: „Tut was ihr wollt, aber ihr müsst profitabel sein.“ Mit den neuen Managementformen würden Beschäftigte zu „unselbstständigen Selbstständigen“, in denen das Unternehmerinteresse gegen die eigene Person kämpfe, so Glißmann.
Damit sei ein Mechanismus der Maßlosigkeit in Gang gesetzt, dem sich die Betroffenen kaum entziehen könnten: „Die Maßlosigkeit der Profit-Erwartung der externen Shareholder des Konzerns setzt sich um in die Maßlosigkeit der Zielsetzung innerhalb des Unternehmens bis hin zur Maßlosigkeit der Anforderungen an die Beschäftigten, die häufig von einem schlechten Gewissen geplagt werden, irgendwie doch nicht genug zu tun.“
Vor allem bei qualifizierten Tätigkeiten gehe die Schere zwischen tariflichen und tatsächlichen Arbeitszeiten immer weiter auseinander, beobachtet Klaus Pickshaus, Gesundheitsexperte der IG-Medien in Stuttgart.

Bei Überarbeitung drohen Tinnitus-Erkrankungen

„Die Beschäftigten erfahren diese neuen Formen als Paradoxon: Die neue, begrüßte Selbstständigkeit in der Arbeit hat zugleich zerstörerische Folgen für die eigene Gesundheit und Lebensentfaltung.“ Dazu zählen für den Gesundheitsexperten ständige Überarbeitung und Erschöpfung bis zum Ausgebranntsein, psychosomatische Erkrankungen oder auch Hörstürze und Tinnitus-Erkrankungen.
Tatsächlich tun sich die „unselbstständigen Selbstständigen“ offenbar schwer, pünktlich Feierabend zu machen oder gar freie Tage in Anspruch zu nehmen. Mitarbeiter bei IBM berichten, sie hätten ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kollegen im Team, bei denen die unerledigte Arbeit lande. Oder sie befürchten, der Vorgesetzte könnte den Eindruck gewinnen, sie seien nicht ausgelastet, und schließlich die Zielvorgaben erhöhen.
Mit der Stempeluhr, die früher die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit markierte, hätten die Arbeitgeber nicht nur ein traditionelles Kontrollinstrument abgeschafft, sondern auch eine „Bremse für die Gewinnmaximierung“. Davon ist der Philosoph Klaus Peters überzeugt, der die Verhandlungen um die Einführung der Vertrauensarbeitszeit bei IBM beratend begleitet hat. Denn solange übermäßige Arbeitszeiten erfasst und damit nachweislich gegen Arbeitsschutzgesetze verstoßen wurde, konnten Betriebsräte einschreiten. Überstunden musste der Arbeitgeber vom Betriebsrat genehmigen lassen.
Die neuen Managementtechniken und indirekten Steuerungsformen zielten hingegen darauf ab, dass der Arbeitnehmer die Arbeitszeit nicht mehr auf Anordnung eines Chefs überschreite, sondern aus eigenem Antrieb, erläutert Peters: „Die Ziele der Unternehmensführung setzen sich durch in Gestalt des eigenen Willens des einzelnen Arbeitnehmers.“ Insofern habe die Unternehmensleitung mit der Stempeluhr auch ein bedeutendes Instrument in der Hand der Betriebsräte abgeschafft – „ein Element der politischen Mitbestimmung, ein Mittel zur Verhinderung unbezahlter Arbeitszeit und gesundheitsschädigender Überarbeitung“.
Mitarbeiter bei IBM fühlten sich inzwischen sogar bevormundet, wenn Betriebsräte zur Mäßigung in puncto Arbeitszeit mahnten, berichtet Glißmann. Die Arbeitnehmervertreter erschienen in den Augen der Beschäftigten plötzlich als Störenfriede, die die neu gewonnene Selbstständigkeit behindern wollten.
Die emotionale Identifizierung des Beschäftigten mit seiner Arbeit könne sogar Hoch- und Glücksgefühle auslösen, die mit der Rauschwirkung von Alkohol vergleichbar seien, meint der Philosoph. „Sie gründen im Erlebnis der eigenen Selbstständigkeit, der eigenen Entscheidungsbefugnis, der eigenen Verantwortlichkeit. In der Hochphase fühlt sich der indirekt gesteuerte wie ein selbstständiger Unternehmer. Doch spätestens wenn Kraft und Gesundheit nachlassen, oft aber auch schon früher, wenn karrieristische Blütenträume zerplatzen, kommt das böse Erwachen“, warnt der Philosoph. „Der indirekt Gesteuerte fängt an, an den neuen Managementformen zu leiden. Er merkt, dass sie ihn mit maßlosen Leistungsansprüchen konfrontieren, dass er in einen Kampf geworfen wird, den er nicht gewinnen kann, und vor allem: dass seine Arbeit kein Ende nimmt.“ DAGMAR SOBULL
Stempeluhren adé: Immer mehr Unternehmen verlangen von ihren Mitarbeitern, dass sie ihre Arbeitszeit selbstständig organisieren.

Von Dagmar Sobull
Von Dagmar Sobull

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