Beratung 03.08.2015, 00:00 Uhr

Zeit, die man sich nimmt, ist Zeit, die einem etwas gibt.

Freie Zeit gut nutzen.

Freie Zeit gut nutzen.

Foto: Fuse / Thinkstock

Keine Termine, keine Verpflichtungen …

Ein paar Tage Erholung im Westerwald gönne ich mir – keine Termine, keine Verpflichtungen. An diesem strahlend schönen Tag habe ich mir vorgenommen an die Seenplatte zu fahren und ein paar Stunden die Sonne und das warme Wasser zu genießen. Auf dem Weg dorthin mache ich nur schnell eine Stippvisite bei meinem 82-jährigen Onkel, einmal Händeschütteln, ein schnelles „Wie geht’s?“, und dann bin ich wieder weg. So die Theorie. Mein Onkel, ein ehemaliger Landwirt, und ich haben keine gemeinsamen Themen. Er weiß nichts über meinen Job, ich nichts über Fußball, wenn er über Tiere spricht, redet er von „Vieh“ und vor meinem großen Hund hat er Angst. Er war nie verheiratet, hat keine Kinder, hat aber klare Prinzipien, wenn es um deren Erziehung geht.

Der wortkarge Mann ist zum ersten Mal richtig gesprächig, er redet über die Trockenheit und ihre Auswirkung auf die Ernte, die Nachbarn und die neusten Ereignisse im Dorf. Beiläufig streicht er dem Hund über den Kopf. Ich bin irgendwie gerührt, schaue aber verstohlen auf die Uhr: Ich will zum See! „Trinkst du mit mir Kaffee?“, fragt er dann und hat dabei etwas fast Flehentliches in den Augen. Ich nicke und er kommt kurz darauf mit zwei Pötten Kaffee und zwei Rosinenmürbchen heraus. Ich mag keine Rosinen und trotzdem esse ich das Mürbchen, weil ich fürchte, ihn zu enttäuschen. Ich will immer noch zum See! Und dann beginnt er von früher zu erzählen, von seiner und der Kindheit meiner Mutter, ihren Streichen, der Strenge ihrer Eltern und vom Krieg, von den Nazis, die im Dorf einen Gefechtsstand hatten, von den Amerikanern und Franzosen, die sich in den Häusern einquartiert hatten, vom Tausch von Schuhen gegen Eier und entführt mich in eine Welt, von der ich bisher nichts wusste. Ich fahre halt später zum See. Mehr als drei Stunden bleibe ich Sonnenanbeterin neben ihm im Schatten sitzen und langweile mich nicht eine Minute. Die Erinnerungen an schöne Kindertage auf dem Bauernhof im Westerwald werden wiedererweckt und durch seine Sichtweise angereichert. An diesem einen Tag habe ich mehr Nähe zu meinem Onkel, als ich je in meinem Leben gehabt habe und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass wir uns mögen. Er ist ein anderer geworden, weicher, zerbrechlicher, älter. Und er ist einsam. Ich fahre nicht mehr zum See und das ist gut so. Diese paar Stunden waren gut investierte Zeit. Der See ist morgen, nächste Woche, nächstes Jahr auch noch da. Mein Onkel …?

Sind wir durch Unvorhergesehenes wirklich fremdgesteuert?

Wie oft passiert uns das im Leben: Wir nehmen uns etwas vor, freuen uns darauf und dann kommt wieder irgendwas dazwischen, wodurch unser mühsam gestaltetes Zeit- und Selbstmanagement durcheinander gerät. So gesehen war ich natürlich überhaupt nicht konsequent im Durchziehen meiner Pläne, doch wieder fremd- und nicht selbstgesteuert. Oder war ich doch konsequent? Wenn wir einer Sache Vorrang vor einer anderen geben, dann tun wir das selten völlig uneigennützig. Wir stellen es nur vor anderen so dar. „Stell dir vor, ich bin gar nicht zum See gekommen, dem Onkel ging es irgendwie nicht gut und ich fühlte mich verpflichtet, eine Weile bei ihm zu bleiben. Ja, ja, ich bin schon ein altruistischer Mensch. Wirklich! Stelle das Wohl eines anderen über mein eigenes, obwohl ich so wenig Zeit zum Erholen habe!“ Natürlich kann ich mir nach solchen Worten (ich habe sie in diesem Fall nicht gesagt) der Anerkennung, des Mitleids oder wenigstens Wohlwollens meines Gesprächspartners sicher sein, aber diese Darstellung wäre eine strategisch ausgerichtete Wahrnehmungsbeschreibung und so weit weg von der Wahrheit wie der Fußweg von Flensburg nach Garmisch.

Wir verbringen nicht dauerhaft Zeit mit etwas, von dem wir nichts haben

Wahrscheinlich habe ich an diesem Nachmittag im Juli einem Menschen, der allein ist, tatsächlich etwas gegeben, aber ich habe noch viel mehr bekommen: Wissen und schöne Gefühle! Ich bin vielleicht anfangs aus Höflichkeit oder aus Mitleid geblieben, habe ein süßes Brötchen mit ekligen Rosinen aus Taktgefühl gegessen, aber spätestens ab dann habe ich eine unbewusste Entscheidung getroffen, habe für diesen Tag neue Prioritäten gesetzt und mein Unbewusstes hat mit Strömen von innerer Gelassenheit und glücklichem Wohlbefinden das Schwimmen im See weiter unten auf die Liste der Tagesordnungspunkte befördert. Das war kein Opfer, sondern eine ganz und gar egozentrierte innere Eingabe. Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt. Wir verbringen nicht mehr Zeit als nötig mit etwas, von dem wir nichts haben.

„Zeitgeschichten“ bescheren uns eine höhere Reputation

Sie sind Ingenieur, Ihr Terminkalender ist permanent voll und Ihr Chef sprüht nur so vor spontanen Einfällen, die von Ihnen alle ebenso spontan umgesetzt werden sollen. Sie bleiben natürlich länger im Büro, ist ja klar, ohne Sie geht das ja auch gar nicht oder vielleicht haben Sie auch keine Wahl, weil Sie sonst Ihren Job verlieren würden. Allerdings handelt es sich hier schon längst nicht mehr um einen Ausnahmetag, sondern Überstunden sind zur Normalität geworden. Ihre Frau ist nicht begeistert, dass Sie immer so spät nach Hause kommen, aber allmählich kauft sie Ihnen Ihre Märtyrer-Geschichte ab und erzählt sie anderen so ähnlich weiter, zum Beispiel mir. Und ich glaube kein Wort davon! Entschuldigen Sie bitte. Wir brauchen es nicht weiterzuerzählen, aber wir sollten einmal für einen Moment ehrlich uns selbst gegenüber sein: Ihre Motivation, länger im Büro zu bleiben, ist höher als die, zu Frau (und Kindern?) nach Hause zu fahren. Das kann natürlich unterschiedliche Gründe haben: Es kann sein, dass die Zeit im Büro Ihnen mehr Befriedigung gibt als die mit Ihrem Partner, dass sie keine Lust auf die Kinder haben, die kurz vorm Zubettgehen besonders quengelig sind, dass Sie darauf hoffen, irgendwann befördert zu werden, dass Ihnen Ihre Arbeit schlicht mehr Spaß macht als alles andere oder – die subtilste Variante -, dass Sie es genießen, für Ihr Übermaß an Arbeit und Engagement von Ihrem Umfeld bewundert oder bedauert zu werden. Was immer die Gründe sind, es sind Ihre ganz persönlichen Gründe und damit sind Sie viel weniger fremdgesteuert als Sie es sich selbst gegenüber zugeben. Langfristig investieren wir unsere Zeit dort, wo sie uns selbst etwas bringt. Damit will ich Sie ganz sicher nicht der Lüge bezichtigen, denn solche „Zeitgeschichten“ erzählen wir alle. Wir sind Menschen eines bestimmten Kulturkreises und in unserer Kultur werden zum Beispiel Hilfsbereitschaft und Fleiß höher bewertet als Karrierestreben und der Wunsch, sein Leben nach dem Lustprinzip zu gestalten. Unsere „Zeitgeschichten“ bescheren uns somit eine höhere Reputation.

Stimmt Ihre Zeitverteilung mit Ihren Werten überein?

Und wenn Sie zu den Ingenieuren und Ingenieurinnen gehören, die sagen: Das ist völlig falsch. Auf mich trifft das nicht zu und ich finde mich darin auch nicht wieder, dann schauen Sie bei der Verteilung Ihrer Zeit doch noch einmal genau hin und überlegen, ob sie mit Ihren Werten und Überzeugungen übereinstimmt. Sie verbringen täglich viel Zeit im Büro, sind sich aber ganz sicher, dass Zeit mit Ihren Kindern Ihnen deutlich wichtiger ist? Dann nehmen Sie das kleine Wort „Nein“ verstärkt in Ihr Vokabular auf und machen sich bewusst, dass der Sommer 2015 einmalig ist und Ihre Kinder nie wieder so jung sind wie jetzt. Ihr Mann oder Ihre Frau übrigens auch nicht. Verbringen Sie die meiste Zeit mit dem, das Ihnen am meisten gibt.

www.schmidt-partner-solingen.de

Von Renate Eickenberg, Autorin und Coach Tags:

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