Karrierestrategie 09.12.2016, 01:00 Uhr

Selbständigkeit – Alternative für Ingenieure?

„Ich könnte mir auch vorstellen, mich selbständig zu machen. Leider fehlt mir die zündende Idee!“ So und ähnlich lauten manche Aussagen in Coachings von Ingenieuren, die in beruflicher Bedrängnis nach Alternativen suchen und dabei u.a. die selbständige Tätigkeit in Erwägung ziehen.

In der Selbständigkeit gilt: Klein anfangen.

In der Selbständigkeit gilt: Klein anfangen.

Foto: Wavebreak Media / Thinkstock

All diesen Ingenieuren empfehle ich (als langjähriger Coach), die Finger von der Selbständigkeit zu lassen. Wenn ich es nicht immer so drastisch ausdrücke, formulieren ich diplomatischer: „Selbständig machen können Sie sich immer noch, wenn es keine weiteren beruflichen Möglichkeiten mehr für Sie gibt!“ Selbständigkeit ist eben keine billige berufliche Alternative zur Festanstellung sondern eher als Passion zu verstehen, die einen hohen Leistungsdruck und eine besondere psychische und physische Belastbarkeit voraussetzt.

Ein starker Siegeswille

Wie beim sportlichen Wettkampf ist auch für den Ingenieur ein starker Siegeswille wichtigste Grundeinstellung zum erfolgreichen Geschäftsaufbau. Unbegründeter Zweckoptimismus bringt nichts. Der Hang zum schnellen Euro und schön gerechnete Businesspläne garantieren höchstens den geschäftlichen Misserfolg! Nüchterne und emotionslose Kritik der Geschäftsidee und des Businessplanes bringt mehr als das harmonische Besprechen der Geschäftsidee im Freundeskreis. Geschäftsidee und fachliches Können und Wissen stehen beim Ingenieur dicht beieinander. Gefragt ist in der Selbständigkeit auf jeden Fall eher der Ingenieur, der fachlich sein Gebiet beherrscht, weniger der Manager oder Delegierer, der in seinen Bereichen überall an der Oberfläche gekratzt hat, stets aber auf eine gut ausgebildete Mannschaft an Ingenieuren und Technikern zurückgreifen konnte. Wer sich auf Gebiete der Selbständigkeit begibt, die ihm gut bekannt sind, läuft am wenigsten das Risiko, einen Flop zu landen oder von allen Seiten über den Tisch gezogen zu werden.

Grundgedanke der Selbständigkeit

„Think Big“ führt als Grundgedanke der Selbständigkeit meist schon ins Chaos. Der normale Ingenieur, der den Schritt aus dem sicheren Hafen heraus wagt, fängt im Regelfall klein an und treibt wie die Nussschale auf offener See. Darüber mag auch nicht die (für viel Geld gestrickte) tolle Website hinwegtäuschen, die aus manchem arbeitslosen Ingenieur den erfolgreichen global Player macht. Sie suggeriert zwar dem Leser den „Großanbieter“ an Ingenieurleistungen, verkauft ist damit lange noch nichts. Dennoch, eine sehr gute und professionelle Website ist für Starter heute wichtiger denn je und sollte sich weniger auf große Sprüche als die Darstellung ingenieurtechnischer Fakten beschränken. Nur so werden Angebot und die entsprechenden Erfahrungen des Newcomers klar erfasst. Tatsächlich sollte eine Konzentration des Angebotes auf wenige Fachgebiete beschränkt werden. Der Ingenieur als Mädchen für Alles scheint wenig glaubhaft.

Aufträge und Projektgewinnung

Bevor es losgeht, sollte die Selbständigkeit des Ingenieurs (egal ob gewerblicher oder freiberuflicher Natur) immer von einem Steuerberater begleitet werden. Halbwissen kann früher oder später schnell zum Fallstrick werden. Die steuerliche Seite ist nicht nebenbei zu erledigen und die Regeln und Vorschriften kaum zu durchdringen. Möglicherweise muss der Gang in die Selbständigkeit noch mit der Arbeitsagentur abgestimmt werden – ein nicht zur unterschätzender Aufwand. Insgesamt sollte die Konzentration in dieser Phase allerdings auf anderen Gebieten liegen, nämlich der Gewinnung des ersten Kunden und Auftrages.

Gut dran als selbständiger Ingenieur ist, wer gleich seinem früheren Arbeitgeber das erste Projekt verkaufen kann, was allerdings heutzutage wohl eher die Ausnahme sein dürfte. Häufig wird in dieser Phase die eigene Rolle überschätzt. Wer aus einem Großkonzern ausscheidet ist eben nicht mehr Herr oder Frau Siemens, Cisco oder Daimler sondern nur noch Müller, Meier, Schmitz … Romantische Vorstellungen der jungen Unternehmensgründer und neuen geschäftsführenden Gesellschafter weichen schnell der Realität: Die Ärmel müssen jetzt hochgekrempelt und mit dem Klingenputzen begonnen werden. Etwas kätzerisch ausgedrückt: Mancher lernt erst in der Selbständigkeit hartes arbeiten! Die Gewinnung der ersten zählbaren Aufträge wird zur großen Anfangshürde. Potentielle Auftraggeber fragen nach entsprechenden Referenzprojekten in der Selbständigkeit usw. Außerdem klopft der Frischling oftmals bei größeren Unternehmen, bei denen er am ehesten Aufträge vermutet, vergeblich an die Türen. Die Großen machen im Regelfall nur mit den großen Beratungs- und Ingenieurgesellschaften Geschäfte.

Selten starten Neulinge mit einem großen Auftragsbestand ihr Business und erst nach zwei bis drei Jahren wird ein lohnenswertes und sicheres Geschäftsvolumen verbucht. Der Weg bis dahin ist weit. Es gibt Rückschläge, Zweifel an der Entscheidung für die Selbständigkeit, Existenzängste. Viel zu früh wird dann aufgesteckt oder man verrennt sich in Ideen, die schlichtweg nicht umsetzbar sind. Hier sind Durchhaltevermögen, Flexibilität und ein gewisses „Angstmanagement“ angesagt. Auch sollte man sich die Meinung eines Unabhängigen einholen, der Klartext formuliert und den Standort bestimmt.

Die Kostenseite

Da gibt es zudem neben Umsätzen und Aufträgen die Kostenseite. Kosten für den Steuerberater und den Webauftritt wurden schon angesprochen, hinzu kommt die Krankenversicherung, die mit Arbeitgeberanteil plötzlich richtig teuer wird, häufig wurde das Dienstfahrzeug beim letzten Arbeitgeber abgegeben und ein „kundentauglicher Ersatz“ muss her und was passiert mit der Rentenversicherung? Anfänglich muss fast immer mit einem finanziellen Rückschritt gerechnet werden. Es gilt: „Erst investieren – dann kassieren!“ Häufig kommt es zu langen Durststrecken. Nötig sind daher Rücklagen. Gut dran ist, wer mit mindestens einem Jahreseinkommen als Ersparnis im Rücken zu Werke geht. Der psychische Druck, Abschlüsse „um jeden Preis“ machen zu müssen, wird so gemildert. Der Newcomer kann als souveräner, sicherer und gleichwertiger Geschäftspartner auftreten.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten erscheint der Schritt in die Selbständigkeit als idealer Löser beruflicher Probleme. Doch gerade dann bedarf es spezieller fachlicher, persönlicher und finanzieller Voraussetzungen. Bekanntermaßen reduzieren sich die beruflichen Möglichkeiten für Ingenieure und Techniker ab 45 merkbar. Zwar erfolgt in der Öffentlichkeit der Lobgesang auf das wertvolle Know-how, vielerorts wird aber gerade für diese teure Berufsgruppe der systematische Abgesang vorbereitet. Frei nach dem Motto: „Erfahrene Praktiker sind die besseren Unternehmer“, sollten insbesondere gereifte und winderprobte Persönlichkeiten Mut zur Selbständig haben. Junge Ingenieure dürfen gleichfalls nachdenken, insbesondere wenn sie zu schnell den Zenit ihrer Karriere erreicht und heute nicht mehr abbildbare Einkommen nach Hause getragen haben. Es ist nicht verwerflich, über die Selbständigkeit nachzudenken, es sollte aber vorher genau geprüft werden, ob man das Zeug zur Selbständigkeit mitbringt.

Von Bernd Andersch, Karrierecoach

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