Sabbatjahr – Wunsch und Wirklichkeit

Sabbatjahr: Sinnvoll aber oft mit Vorurteilen belastet.

Sabbatjahr: Sinnvoll aber oft mit Vorurteilen belastet.

Foto: panthermedia.net/mihtiander

Angelehnt an den jüdischen Feiertag am Samstag – dem Sabbat, an dem die Arbeit ruht – ist mit dem Sabbatical eine längere berufliche Freistellung gemeint, meist für die Dauer von einem Jahr. Eine tolle Vorstellung: Während andere schuften und jeden Tag ums Überleben bei und mit ihrem Arbeitgeber kämpfen, liegt man selbst in der Hängematte und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Die Seele baumelt und der Arbeitgeber hält in der Zwischenzeit den Schreibtischsessel warm. Aber die Wirklichkeit sieht für deutsche Ingenieure anders aus. Gut lesen sich zwar Berichte von Journalisten über eine Arbeitswelt, die keine Probleme mit der Auszeit hat, doch das Sabbatjahr, verstanden als Auszeit im wahrsten Sinne des Wortes, spielt keine Rolle.

Im Normalfall hat kaum ein Personaler Verständnis dafür, dass ein 35-jähriger Ingenieur, der gerade einmal sieben Jahre im Beruf steht, ein Sabbatjahr benötigt, um sich zu erholen, seinen Hobbys aus der Jugend- und Studienzeit nachzugehen oder die Welt zu umrunden. Nimmt sich der 45-Jährige eine Auszeit, ist dies in unserer Arbeitswelt gleichfalls brisant. Die Frage liegt nahe, ob hier jemandem die Puste ausgeht, weil er sich in den vergangenen Jahren zu sehr verausgabte, also die Belastungen seines Jobs nicht richtig eingeschätzte. Natürlich ist jedem Personaler klar, dass derjenige, der ein Sabbatjahr hinter sich gebracht hat, als quasi „neuer Mitarbeiter“ zurückkehrt. Möglicherweise hat sich sein Verhältnis zur Arbeit geändert, Prioritäten haben sich verschoben, Lebensziele wurden modifiziert etc. Ob der Mitarbeiter jetzt noch so wertvoll für das Unternehmen ist, bleibt abzuwarten. Beim Blick auf die gängige Einstellungspraxis ist auch die Frage interessant, was hinsichtlich des Sabbaticals von den Personalern an Toleranz und Verständnis erwartet wird. Im Bewerbungsverfahren wird doch im Grunde jede kleinste zeitliche Lücke penetrant hinterfragt und häufig zum Dreh- und Angelpunkt eines Vorstellungsgespräches gemacht. Dass der eine oder andere Personaler dann doch einmal bei einem gefragten Ingenieur in der Kernzeit der Karriere ein Auge zudrückt, liegt doch eher an den Arbeitsmarktverhältnissen und weniger daran, dass das Sabbatjahr gänzlich akzeptiert wäre. Kippt der Arbeitsmarkt, werden auch diese Ingenieure Probleme haben, weil dann eben wieder jedes Haar in der Suppe ausreicht, um in Vorstellungs- oder Förderrunden auszuscheiden.

Insofern sollte der temporäre Ausstieg wohl durchdacht erfolgen. Diese Empfehlung soll nicht die Idee des Sabbatjahres in Frage stellen. Die „Aussteiger auf Zeit“ müssen nur bereit sein, mit den Folgen der Auszeit, den Vorurteilen und Fragen, zurechtzukommen. Dabei ist es nicht damit getan, das Sabbatjahr durch einen Gehaltsverzicht zu finanzieren. Möglicherweise droht über kurz oder lang sogar der Verlust des Arbeitsplatzes – wenn beispielsweise nach einem Jahr kein adäquater Job beim Arbeitgeber angetreten werden kann und somit ein Aufhebungsvertrag angeboten wird. Zumindest kann es gerade in der schnelllebigen Welt der Ingenieure passieren, dass der Anschluss im eigenen Unternehmen verpasst wird und die Karriere Schaden nimmt. Für die maßgeblichen Projekte werden jetzt andere Kollegen eingesetzt, der Entwicklungsingenieur hat die neuesten technischen Trends verpasst usw. Ein weiterer wichtiger Punkt: So wie der Betreffende im Sabbatical seine Sichtweise verändert, muss er dies auch dem Arbeitgeber zugestehen. Mit der Förderung und Entwicklung im Unternehmen kann es beispielsweise vorbei sein, weil der Vorgesetzte andere „Lieblinge“ entdeckt hat oder Zweifel an der Belastbarkeit der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters aufkommen.

Klar, es gibt Auszeiten, die es schon immer gab und keine neue Bezeichnung nötig haben: etwa die Elternzeit, ein temporärer Ausstieg, um eine Weiterbildung zu absolvieren, oder Ähnliches. Diese Auszeiten sind hier aber nicht gemeint. Kein Zweifel: Wer geistig und körperlich völlig erschöpft ist, braucht eine Pause. Da jettet ein Projektmanager mehrmals im Jahr rund um den Globus: in KW 16 Russland und Brasilien, KW 17 die Emirate und Kanada, KW 18 China usw. Ein Ingenieur aus einer technischen Unternehmensberatung lebt gleichfalls über zehn Jahre aus dem Koffer, weil er ständig Kunden an anderen deutschen Standorten betreut und berät. Um schlimmere Folgen abzuwenden, kann in solchen Fällen zu einer längeren Auszeit für Erholungszwecke nur geraten werden. Dies gilt natürlich umso mehr für Menschen, die bereits angeschlagen sind. Es muss eine Standortbestimmung und Neuorientierung in den Köpfen erfolgen, sonst kommt es möglicherweise zu weiteren Schäden an Leib und Seele. Letztlich darf auch nicht vergessen werden, dass der biblische Sabbat ja dazu dient, sich besinnen zu können, sich nicht ausschließlich von materiellen und weltlichen Werten leiten zu lassen. In diesem Sinn kann ein solches Jahr in der heutigen Zeit sicherlich niemandem Schaden und wäre wahrscheinlich auch für viele Topmanager als moralische Präventionsmaßnahme sinnvoll.

 

Von Bernd Andersch – Karrierecoach Düsseldorf

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