Beratung

Nur für Ingenieure

Es hört sich leichter an als es ist: Einen Beitrag mit Blick zurück auf ein Jahr zu schreiben – vor allem, wenn dabei noch der Bezug zur Ingenieurwelt herzustellen ist. Ohnehin möchte im Grunde ein Jahresrückblick nicht recht in unsere vorwärtsgerichtete Zeit passen. Der Blick ist klar nach vorne gerichtet (etwas schräg nach oben macht den Visionär aus), ehrgeizig sind die Ziele gesteckt, Erreichtes soll möglichst übertroffen werden. Der Blick zurück bleibt dem Alter überlassen. Das große Philosophieren liegt der Welt nicht mehr – es sei denn, die Rentabilität steht im Mittelpunkt des Geschehens. Man könnte zudem aus Vergangenem lernen, aber bei der Übung sieht nicht nur die Politik mit rasselnden Säbeln schlecht aus. Lassen wir das. Hauen wir rein und betreten mit Volldampf das neue Jahr – nachdem der Jahresrückblick abgeschlossen ist.

Der Jahresrückblick für Ingenieure (mit einem Augenzwinkern)!

Der Jahresrückblick für Ingenieure (mit einem Augenzwinkern)!

Foto: panthermedia.net/belchonock

Wer bremst verliert

Wie sprach doch vor langer Zeit ein berühmter Formel 1-Rennfahrer: Wer bremst verliert! Da sind wir bei einem Thema, das zu Beginn 2014 hauptsächlich die Sportjournalisten beschäftigte. Ungebremst geht’s nicht immer und die Gesetze der Physik lassen sich nicht einfach aushebeln. Keine Angst, ich möchte jetzt nicht das wiederholen, was zum Jahresende in großer Monotonie über die Mattscheibe läuft: Der ADAC-Skandal, wir als Fußballweltmeister, Anschluss des Windparks Riffgat vor Borkum an das Stromnetz, berühmte Fußballfunktionäre hinter „Makkaroni-Gittern“ etc.

Ein Jahresrückblick ist für mich etwas sehr individuelles, persönliches, eine innere Einkehr und eine Reflektion des Vergangenen, möglichst an einem ruhigen und besinnlichen Ort. So sitze ich auf meinem bequemsten Sessel im Wohnzimmer und blicke in das lodernde Feuer des Kamins und tatsächlich einen Schreibblock in der Hand. Unser Hund liegt friedlich neben dem Sessel und fühlt sich in der Strahlungswärme sichtlich wohl. Draußen ist es dunkel und für ostfriesische Verhältnisse unglaublich windstill. Es ist kalt, der Gartenteich trägt eine leichte Eisdecke, die in der Gartenbeleuchtung mystisch glänzt. Als echter Rheinländer kann ich beim Jahresrückblick nicht ganz auf „dat Pülleken Altbier“ verzichten, das neben mir steht. Jetzt kann es losgehen und da fallen mir doch einige Dinge mit Ingenieurbezug ein:

Deutsche Ingenieurkunst

Deutsche Ingenieurkunst hoch angesehen in der Welt, wenn da nicht der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven gewesen wäre. Ein Hafen, der als Tiefwasserhafen der Superlative tituliert wurde. Schäden an der stählernen Spundwand der Kaimauer (wir reden hier nicht über ein hundertjähriges sonder ein neues Bauwerk). Das Neue schon bricht und reißt … und die ganze Welt sieht zu. Die deutschen Exportrekorde wird das genauso wenig in Mitleidenschaft ziehen wie der neue Berliner Flughafen mit Pleiten, Pech und Pannen und offensichtlich Menschen, die sich die goldene Nase bei dem schier endlosen Projekt verdienen. Da ist mir immer nicht ganz klar, ob wir im Projektmanagement wirklich so schlecht sind oder …

Aber wollen wir nicht zu kritisch sein und auf regionale Projekte schauen, die das Ingenieurherz höher schlagen ließen. Da gibt es den Paketkopter, der unweit meiner Behausung in den kommenden Monaten die Seehund-Apotheke auf der Insel Juist mit Medikamenten versorgen wird. Testflüge verliefen so gut, dass sich schon kurz danach die Paketdrohne reif für den „Linien“ Einsatz zeigte. Beruhigend für den Rheinländer, der Erstflug der Drohne fand über dem Rhein statt. So schön kann Technik sein und so reibungslos können Projekte laufen.

Tolle Projekte in der Region Ostfriesland sind zudem die vielen Niedrigenergiehäuser, die in diesem Jahr gebaut wurden …KfW70, KfW50 mit Wärmerückgewinnung und, und, und, schießen wie Pilze aus dem Boden. Handwerk hat hier mehr als goldenen Boden. Bauleute, gleich welchen Gewerkes, fehlen an jeder Stelle und der Nachwuchs zeigt sich gänzlich uninteressiert. Bei den Energietechniken fällt mir noch ein Superprojekt ein, das möglicherweise für die deutsche Küstenregion zum Thema werden könnte. Das erste Fährschiff der Welt, das elektrisch vorangetrieben wird: 80 m lang, vorgesehen für mehr als 100 Autos und nahezu 400 Passagiere – entscheidend weniger Diesel, Kohlendioxid und Stickoxide. Die Fähre soll im Betrieb ca. 1 Mio. Liter Diesel im Jahr sparen. Entwickelt wurde sie von einer norwegischen Werft gemeinsam mit einem großen deutschen Elektrokonzern. Interessant, was einem beim Jahresrückblick so einfällt, wenn die regionale Brille aufgesetzt wird. Wie sah es 2014 in Ihrer Region aus?

Besondere Persönlichkeiten

Eine weitere Frage beim Jahresrückblick, die mich bewegt: Welche interessanten Personen/Persönlichkeiten sind mir im abgelaufenen Jahr begegnet? Ich meine dabei nicht die aus den Medien sondern solche aus dem direkten persönlichen Umfeld. Mein wohl einprägsamster Coachingfall war ein Ingenieur, der sein jährliches Gespräch mit dem Vorgesetzten tagelang generalstabsmäßig vorbereitete. Da wurde sichergestellt, dass die besten Leistungen des Ingenieurs tatsächlich erwähnt wurden, Wesentliches nicht einfach unter den Tisch gebügelt wurde, die wichtigsten Ziele wirklich auch gesteckt wurden. Wenn ich daran denke, wie häufig Entscheidungen mit großer beruflicher Reichweite spärlich vorbereitet werden, Hut ab!

Privat lernte ich einen „merkwürdigen“ Mann kennen, der einen öffentlichen Weg von der Stadt ehrenamtlich in Pflege genommen hat, um dort alten Apfelbaumsorten in Form von Jungpflanzen zu neuer Blüte zu verhelfen. Ich zeigte ihm eines Tages meinen Garten und sehe noch seinen verächtlichen Blick, den er auf meine drei Meter hohe Tuja warf. „Ökologisch wertlos!“ war sein Kommentar. Danke! Dort steht demnächst ein Apfelbaum. Ein Ingenieur ist dieser Außenseiter zwar nicht, aber mit welcher Technik er die Bäume beschneidet, ich glaube da wird mein Freund Rolf, ehemaliger begnadeter Chirurg im Ruhestand, bestimmt neidisch.

Ingenieurarbeitsmarkt

Schließlich fällt mir der Ingenieurarbeitsmarkt ein. Der entfernte sich in 2014 weiter von seinen Glanzzeiten. Endgültig wurde das Märchen des deutschen Ingenieurarbeitsmarktes begraben und das Märchen vom Märchen konnte gleich dazugelegt werden. Der Markt hat sich völlig normalisiert, es wird offen über die steigende Zahl arbeitsloser Ingenieure berichtet. Undifferenzierte Pauschalaussagen über einen dermaßen komplexen Markt sind immer zu hinterfragen. Nur eine differenzierte und segmentierte Sicht bringt Klarheit. Was geht in einzelnen Branchen, Unternehmensgrößen, Funktionsbereichen? Wie gefragt sind bestimmte Studienfächer/-richtungen, Altersklassen, Abschlussarten? Auch heute gibt es Ingenieure, die sehr knapp sind. Suchen Sie doch einmal einen Schweißfachmann (SFI, EWE, EWI), der sich im Bereich Metallbearbeitung auskennt und auch noch eine Führungsfunktion übernehmen kann.

Das Thema Energie spiegelt der Arbeitsmarkt gleichfalls wieder. Ingenieure und Techniker der Energietechnik, der Versorgungstechnik und des Facility Managements waren in 2014 vielerorts gefragt – in Unternehmen und bei öffentlichen Arbeitgebern. Stellen mussten mehrfach ausgeschrieben, teilweise unbesetzt bleiben. Diese Spezies ist wirklich selten geworden. Einen weiteren Trend zeigen die vielen Karriereseiten global agierender Unternehmen. Ingenieure werden nicht national sondern global gesucht. Die Nivellierung der Hochschulabschlüsse ist am Arbeitsmarkt angekommen. Zweifel kommen auf, ob das zum Vorteil der deutschen Engineering Absolventen sein kann. Der USP des deutschen Ingenieurs scheint futsch! Vergleichbar gute Ingenieure gibt es auch in anderen Ländern – zu wesentlich besseren Konditionen, leichter führbar, mobiler und die werden gleich vor Ort eingesetzt.

Bei dem Thema kann man richtig in Fahrt kommen, doch langsam sind die großen Holzscheite im Kamin zu einem Häuflein Glut zusammengeschrumpft, dat Pülleken Bier ist leer und der Hund schnarcht vor sich hin … Zeit, den Rückblick zu beenden. Wenn ich etwas vergessen habe, was im Zeitalter des elektronischen Alzheimer nichts Ungewöhnliches ist, möge man mir verzeihen. Ich kann Ihnen aber garantieren, irgendwo sind die Informationen auf meinem Rechner gespeichert. In diesem Sinne: Stoßen Sie die Tür zum neuen Jahr weit auf, schließen Sie mit dem alten ab. Herrmann Hesse, Nobelpreisträger und wohl größter deutscher Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts empfiehlt in seinem berühmten Stufengedicht: „Es muss das Herz … bereit zum Abschied sein und Neubeginne … und jedem Anfang wohnt ein neuer Zauber inne.“

 

Von Bernd Andersch

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